Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Wenn LKW-Fahrer fehlen: „Dann müssen die Leute auf vieles verzichten“

Abonnieren
Bilder von leeren Supermarktregalen und Konflikten an Tankstellen könnten bald auch in Deutschland Realität werden. Davor warnen Vertreter der Logistikbranche. Denn auch in Deutschland sollen bis zu 80.000 LKW-Fahrer fehlen. Und es werden immer weniger. Über die Probleme und die Ursachen spricht SNA mit Branchen- und Gewerkschaftsvertretern.
„Der Beruf (des LKW-Fahrers) ist nicht attraktiv“, sagt Manfred Gadau, pensionierter LKW-Fahrer und stellvertretender Vorsitzender der Kraftfahrergewerkschaft (KFG). „Der Leistungsdruck ist sehr hoch, der Verdienst miserabel“, erklärt Gadau im SNA-Interview. „Sie (die Fernkraftfahrer - Anm.d.Red.) haben einen sehr hohen Zeitaufwand. Sie sind in der Regel als Fernfahrer die ganze Woche unterwegs und pausieren im LKW. Das vergessen die Leute immer.“
Dass der Beruf wenig attraktiv ist und eine zu geringe Wertschätzung erfährt, sehen auch die Arbeitgeber. Der „Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung“ (BGL) zählt in seinem „Aktionsplan Fahrermangel“ folgenden Maßnahmen auf, um dem Mangel entgegenzuwirken: So sollen unter anderem die Wertschätzung der Fahrer sowie die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Der Bürokratieabbau soll entschlossen angegangen, Nachwuchsgewinnung und Digitalisierung sollen gefördert werden. Den Fachkräften aus dem Ausland müsse die Zuwanderung erleichtert werden.

Unterdurchschnittliche Entlohnung

Ob und wie die Lohnsituation der Berufskraftfahrer verbessert werden kann, wird in dem „Aktionsplan“ allerdings nicht erwähnt. Obwohl die Gehaltsfrage für die Attraktivität des Berufs von zentraler Bedeutung sein müsste.
„Ich habe, zuzüglich Spesen, netto 2300 Euro verdient. Und jetzt überlegen Sie sich mal: Sie sind die ganze Woche nicht zu Hause, und wenn sie sich alles gefallen lassen, haben Sie Pech und sind das ganze Wochenende auch noch draußen. Dann sind sie Vater mit zwei Kindern. Sie haben eine Frau zu Hause, die, wenn Sie kleine Kinder haben, kaum arbeiten gehen kann, die dann vielleicht für 450 Euro irgendwo nebenbei arbeiten geht, aber sonst läuft da nichts. Und dann müssen Sie 1000 oder 1200 Euro an Miete bezahlen plus Kosten. Und wovon wollen Sie das machen? Das haut gar nicht hin.“
Manfred Gadau
stellvertretender Vorsitzender der Kraftfahrergewerkschaft KFG
Dass die Kraftfahrer im Vergleich zu anderen Fachkräften in der deutschen Wirtschaft insgesamt unterdurchschnittlich verdienen, bestätigte am Dienstag auch das Statistische Bundesamt. So erhielten Fachkräfte im Gütertransport im vergangenen Jahr in Vollzeit den Angaben zufolge 2623 Euro brutto. Das waren gut 660 Euro weniger als Beschäftigte mit einer vergleichbaren Ausbildung und Berufserfahrung in der deutschen Wirtschaft insgesamt (3286 Euro).

Arbeitsbedingungen und Entlohnung verbessern

Im SNA-Videointerview verschweigt der Chef des Branchenverbandes BGL, Dirk Engelhardt, das Problem der „schlechten Entlohnung“ für die Kraftfahrer nicht. Er erklärt die Hintergründe der unterdurchschnittlichen Gehaltsentwicklung in der Branche:
„In den letzten Jahren sind leider vermehrt Fahrer und Fahrzeuge aus Billiglohnländern eingesetzt worden, wo wir eine deutliche Differenz haben. Länder, die Mindestlohnniveaus haben von zwei Euro, oder drei Euro (pro Stunde - Anm.d.Red). Und das hat natürlich das Lohnniveau in ganz Westeuropa nach unten gezogen. Und mittlerweile finden diese Fahrer, diese Unternehmen aus den genannten Ländern auch keinen Nachwuchs mehr, weil junge Leute dort auch nicht mehr wochen- und monatelang in Europa unterwegs sein wollen.“
Dirk Engelhardt
Vorstandsprecher Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL)
Es herrsche eine Abwärtsspirale, die die ganze Branche erwischt habe in den letzten Jahren – und das sei weltweit zu beobachten, so Engelhardt.
Hier gebe es aber nicht eine Möglichkeit anzupacken, sondern nur verschiedene Ansätze: „Zum einen muss uns allen bewusst sein, dass wir, wenn wir keine ordentliche Entlohnung für die Fahrer aufbringen, wir ganz schnell Situationen wie in England haben - was keiner will“, sagt der BGL-Vorstandssprecher. Auf der anderen Seite müssten in Deutschland die Arbeitsbedingungen für die Fahrer verbessert werden. So sei beispielsweise eine Anpassung der Arbeitsstättenrichtlinie notwendig, damit die Fahrer Zugang zu sanitären Anlagen an den Be- und Entladestellen bekommen. Die Fahrerhäuser müssten seiner Ansicht nach größer gebaut werden, um mehr Komfort zu bieten. „Wir müssen an den Endverbraucher appellieren, dass eine gute Transportdienstleistung auch einen Preis hat“, meint Engelhardt.
LKW (Symbolbild) - SNA, 1920, 19.10.2021
Lkw-Fahrermangel: Unterdurchschnittliche Entlohnung trotz drohender Versorgungskrise

Zustände wie in UK

Wenn nicht sofort etwas passiere, könnte Deutschland in genau die gleiche Situation schlittern wie England, warnt der Professor für Logistik und Agrarwissenschaftler. „In England kam es nur abrupt, weil das Ganze eben nicht nur der Fahrermangel war. Obendrauf kamen noch Corona und der Brexit. Und dann sind natürlich viele Fahrer gerade aus Drittstaaten aus dem Land rausgegangen und sind jetzt aufgrund der Visa-Bedingungen und des Fahrermangels in anderen europäischen Länder nicht zurückgekommen. Das heißt, in England sehen wir das Ganze nur beschleunigt wie unter einem Brennglas, was uns auch blüht, wenn wir jetzt nicht gegensteuern.“ Ab sofort müsse alles dafür getan werden, fordert Engelhardt. „Bessere Gehälter, besseres Image, bessere Rahmenbedingungen, damit der Job wieder attraktiv wird.“
Wenn es in dem Berufszweig bald keine Verbesserungen gibt, „dann müssen die Leute halt auf vieles verzichten. So einfach ist das“, warnt der Gewerkschaftler Gadau. „Dann kaufen Sie demnächst ihr Bier in Erding selbst. Wenn Sie niemanden haben, der die Arbeiten verrichtet, dann haben Sie natürlich auch Probleme, die Läden zu füllen. Das ist nun mal so“, betont der LKW-Fahrer.
Eine BP-Tankstelle in London - SNA, 1920, 24.09.2021
Tanklaster-Fahrer fehlen: Britische Regierung erwägt Einsatz von Soldaten am Steuer

BGL: 60.000 – 80.000 Berufskraftfahrer fehlen

Auch Deutschland drohe, ähnlich wie in Großbritannien, in zwei bis drei Jahren ein Versorgungskollaps wegen des Mangels an Lastwagenfahrern, schreibt der „Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung“ (BGL) in einer Mitteilung.
Bereits heute sollen 60.000 – 80.000 Berufskraftfahrer fehlen, heißt es darin. Hinzukommt, dass jedes Jahr circa 30.000 Berufskraftfahrer in Rente gehen, demgegenüber stehen nur etwa 17.000 Berufseinsteiger. Diese Entwicklung spitze sich immer weiter zu. So soll die aktuelle Versorgungssituation in England erkennen lassen, wie rasch sich der Fahrermangel zu einem Versorgungskollaps entwickeln kann.
Interview mit Manfred Gadau (KFG) zum Nachhören:
Newsticker
0
Neueste obenÄlteste oben
loader
Live
Заголовок открываемого материала
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала