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Reichelt hatte Sex mit Unterstellten – „na und“? Netz streitet über Einvernehmen am Arbeitsplatz

© Depositphotos / ThodonalFlirten im Büro
Flirten im Büro - SNA, 1920, 19.10.2021
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Der langjährige Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Julian Reichelt wurde am Montag als Reaktion auf neue Rechercheerkenntnisse vom Medienkonzern Axel Springer von seinen Aufgaben sofort entbunden. Doch einige fragen sich: Was hat er so Schlimmes getan?
Zuvor hatte die „New York Times“ über den Fall Reichelt berichtet und „Vorwürfe über Sex, Lügen und eine geheime Zahlung“ bei Axel Springer ans Licht gebracht. Der Redakteur Ben Smith der US-Zeitung nannte dabei mehrere Fälle aus dem Compliance-Verfahren. Im Grunde genommen wird dem 41-Jährigen Reichelt Sex mit zahlreichen jungen Frauen vorgeworfen, die beruflich von ihm abhängig waren. Der Sex zwischen ihnen soll den Berichten zufolge zwar einvernehmlich gewesen sein, war aber vermutlich auch mit beruflichen Vor- und Nachteilen für die Frauen verbunden, was schon als Machtmissbrauch betrachtet werden könnte.
Zentrale des deutschen Medienriesen Axel Springer in Berlin - SNA, 1920, 18.10.2021
„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt ist seinen Posten bei Springer los
In einem weiteren Vorwurf der Zeitung heißt es, Reichelt habe gefälschte Scheidungspapiere vorgelegt, um eine Mitarbeiterin von seinem Single-Status zu überzeugen. Dann soll Reichelt soll mit dieser Mitarbeiterin noch liiert gewesen sein. Und der „Spiegel“ berichtet vom Sexismus, der bei „Bild“ sowohl in der Berichterstattung als auch intern angeblich präsent sein soll. Frauen würden da vor allem nach ihrer „Fuckability“ beurteilt, hieß es.
Doch jeder hat seine Grenzen des Zulässigen. So äußerte etwa die Bild-Redakteurin Judith Sevinc Basad, sie habe Reichelt als einen Menschen kennengelernt, der Talente gefördert habe, und zwar unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Alter. „Dass er jetzt als skrupelloser Sexist dargestellt wird, finde ich unerträglich. Danke, Julian“, twitterte Basad.

Einvernehmlicher Sex oder doch mehr?

„Bin ich die Einzige, die nicht versteht, was Reichelt so Schlimmes getan hat? Er hatte einvernehmliche Beziehungen zu Kolleginnen, die davon Vorteile hatten. So what?“, fragt auch die Journalistin Anabel Schunke.
„Klingt nach Begünstigung und Prostitution, geht nicht in Unternehmen, weil es ungerechtfertigte Nachteile für andere schafft. Hat nichts per se mit Sex zu tun, antwortet ihr etwa der Nutzer Werner G. Witt.
Auch die Verhältnismäßigkeit an dem Fall wird diskutiert. „Ein Reichelt wird gefeuert, weil er Sex hatte? Scholz hat WireCard und CumEx und wird Kanzler!“, empört sich ein anderer Nutzer.
„Reichelt muss für Sex gehen, und Scholz wird für Wirecard Kanzler“, so ein weiterer Nutzer. „Was wird ihm denn vorgeworfen, mit Ausnahme davon, das er einvernehmlichen Sex und dies nicht gesagt hatte?“
„Ich rieche die spießige Sittenmoral einer Südstaaten-Gouvernante bei Bunten und Vielfältigen“, fragt sich auch eine Nutzerin. „Zu Chefs, die sich mit Scheidungspapieren Sex erschwindeln, gehören übrigens immer auch Frauen, die aus Kalkül oder Dummheit mitmachen.“
Parallel verweisen aber viele gleich darauf, dass Reichelt nicht einfach Sex gehabt habe, sondern Sex angeblich gegen Beförderungen getauscht und in einem Fall sogar gefälschte Papiere vorgezeigt habe. „Reichelt kann noch so ein toller Journalist sein – Berufsanfängerinnen nachzustellen, Sex gegen Beförderungen zu tauschen und eine Frau fast an dieser Situation zerbrechen zu lassen, ist nicht okay. Und dass keiner von euch das anerkennt, ist ein Armutszeugnis“, schrieb etwa die „Spiegel“-Redakteurin Sophie Garbe dazu.

Der Sündige hat nicht bereut?

Im Moment sieht es so aus, dass Reichelt lediglich von seinem Posten als Chefredakteur befreit wurde. Es wird kein Gerichtsprozess gegen ihn erwartet. Unabhängig von der Debatte erklärt aber ein anderer wichtiger Punkt seine Entlassung, der auf das Statement des Springer-Verlages zurückgeht: Reichelt soll nicht einfach ein paar Mal Sex mit Frauen gehabt haben, sondern er habe auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt – sprich, er soll seinen sexuellen Neigungen trotz eines Gesprächs mit dem Vorstand am Arbeitsplatz nachgekommen sein – und habe dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt. Der Sündige hat quasi nicht gebüßt– und hat dazu noch gelogen. Das reicht schon wohl aus, um seine Glaubenswürdigkeit als Angestellter zu verlieren.
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