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Loverboy-Methode, Zirkussklaverei und Taschengeld-Date: Menschenhandel in Deutschland in zehn Zahlen

Sklave (Symbolbild) - SNA, 1920, 18.10.2021
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Am 18. Oktober wird der Europäische Tag gegen Menschenhandel begangen. Der Begriff ist laut den neuen statistischen Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) auch hierzulande akut. In diesem Zusammenhang haben wir zehn Zahlen zum Thema Ausbeutung und Menschenhandel gesammelt, die die Situation in Deutschland veranschaulichen.
Die Gesamtzahl der Verfahren wegen Menschenhandels und Ausbeutung in Deutschland sind deutlich angestiegen. Insbesondere ist eine starke Zunahme der Verfahren wegen Arbeitsausbeutung und Ausbeutung von Minderjährigen festzustellen. Die letztere Tatsache könnte laut den Experten des BKA unter anderem auf pandemiebedingte Entwicklungen zurückzuführen sein: Kitas und Schulen wurden geschlossen, Kinder und Jugendliche verbrachten mehr Zeit im Internet und das häufig ohne Aufsicht. Der andere Faktor könnte das pandemiebedingte Verbot der Prostitution sein – Tatverdächtige wichen demnach auf Social-Media und Dating-Plattformen im Internet aus, um sexuelle Dienstleistungen zu finden.
Wir präsentieren Ihnen nun zehn Zahlen zu Menschenhandel und Ausbeutung in Deutschland.

465 Ermittlungsverfahren

Im Jahr 2020 wurden in Deutschland insgesamt 465 Ermittlungsverfahren im Bereich Menschenhandel und Ausbeutung geführt, geht aus dem Lagebericht des Bundeskriminalamtes, der Ende September 2021 veröffentlicht wurde, hervor. Das ist ein Plus von 22,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2019 wurden nämlich 379 Ermittlungsverfahren in diesem Zusammenhang geführt.

Ausschließlich deutsche Opfer in jedem dritten Fall

Im Bereich des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung wurden im Jahr 2020 in Deutschland insgesamt 291 Ermittlungsverfahren abgeschlossen. Fast in jedem dritten Fall (30,9 Prozent) handelte es sich um Verfahren mit ausschließlich deutschen Opfern. Die anderen zwei Drittel umfassten Verfahren mit ausländischen und deutschen Opfern.

Die vier Anti-Führenden unter den Bundesländern

Die Verteilung der Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung auf die Bundesländer ähnelt laut dem BKA weitgehend der des Vorjahres. Gut drei Viertel aller Verfahren entfielen auf Nordrhein-Westfalen (81), Berlin (49), Bayern (47) und Niedersachsen (33).
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406 Opfer

In den Verfahren des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung wurden im Jahr 2020 in Deutschland insgesamt 406 Opfer ermittelt. 93,8 Prozent waren weiblich. Etwa ein Drittel aller Opfer war deutsch (131). Die anderen Opfer stammten am häufigsten aus Rumänien (68), Bulgarien (56), Ungarn (28), Vietnam (13) und Thailand (11). Der hohe Anteil deutscher Opfer mag daran liegen, dass sie in der Regel besser über ihre Rechte informiert sind und möglicherweise mehr Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden haben als ausländische Opfer. Daher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie den ausbeuterischen Charakter ihrer Tätigkeit bei der Polizei anzeigten generell höher als bei ausländischen Opfern. Der Altersdurchschnitt der Opfer von sexueller Ausbeutung in Deutschland sinkt. So lag er 2020 bei 24 Jahren. Im Vorjahr waren es noch 26 Jahre. Bei den anderen 42,7 Prozent handelte es sich um Opfer unter 21 Jahren, im Vorjahr waren es 32,5 Prozent.

421 Tatverdächtige

In den polizeilich abgeschlossenen Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 421 Tatverdächtige festgestellt. Ein Fünftel davon waren Frauen (19,5 Prozent). Das Durchschnittsalter der Tatverdächtigen lag bei 33 Jahren. Sie werden auch jünger, denn im Vorjahr betrug dieses 34 Jahre. Elf Tatverdächtige waren sogar minderjährig. Die meisten Tatverdächtigen waren deutsche (26,6 Prozent), rumänische (18,5 Prozent) und bulgarische (15,7 Prozent) Staatsangehörige.

Jede vierte Anwerbung durch „Loverboy-Methode“

In jedem vierten Fall (24,4 Prozent) wurden Opfer der sexuellen Ausbeutung durch die so genannte „Loverboy-Methode“ zur Prostitutionsausübung gebracht. Dabei werden weibliche Minderjährige und junge Frauen unter Vorspiegelung einer Liebesbeziehung in ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis zum Täter gebracht, um sie in der Folge an die Prostitution heranzuführen und auszubeuten, hieß es vom BKA. In 16,5 Prozent der Fälle erfolgte die Kontaktanbahnung über das Internet, nämlich über soziale Netzwerke oder über Inserate auf Online-Anzeigeportalen. 13,3 Prozent aller Opfer wurden professionell angeworben – unter anderem von angeblichen Model- und Künstleragenturen. Bei fast jedem zehnten Opfer (9,6 Prozent) spielte das familiäre Umfeld eine wesentliche Rolle für die Aufnahme der Prostitutionsausübung, so die Behörde. Die Opfer seien beispielsweise von Familienangehörigen dazu bewegt worden.

70 Prozent mehr Opfer von Arbeitsausbeutung

Im Bereich der Arbeitsausbeutung wurden in Deutschland im vergangenen Jahr in den 22 Ermittlungsverfahren 73 Opfer festgestellt. Das ist ein Plus von 69,8 Prozent zum Vorjahr. Am häufigsten waren es rumänische (21) und simbabwische Staatsangehörige (13).
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Fast jeder vierte in der Baubranche ausgebeutet

Die meisten Opfer wurden in der Baubranche (22 Fälle) und im Bereich „Artistik, Musik, Tanz“ (19 Fälle) ausgebeutet. Eines der bekanntesten Beispiele für solch eine Arbeitsausbeutung hat sich zuvor in Nordrhein-Westfalen ereignet. In diesem Bundesland ansässige Beschuldigte betrieben Scheinfirmen zur Vermittlung von afrikanischen Musikern, Artisten und Tänzern, die in Simbabwe und Äthiopien bei Castings angeworben wurden. Nach deren Ankunft in Deutschland wurden aber die Opfer ausgebeutet. Die vertraglich vereinbarten Gelder wurden nicht ausgezahlt. Die Opfer mussten in verschiedenen Zirkussen oder nur auf der Straße auftreten und alle gesammelten Gelder abgeben. Die anderen häufigsten Fälle wurden in der Gastronomie, Landwirtschaft und Schlachtbetrieben festgestellt. Wegen der Ausbeutung der Arbeitskraft wurden insgesamt 43 Tatverdächtige festgestellt, zehn davon waren weiblich.

Bettelei und Zwangsheirat

Darüber hinaus wurden im Berichtsjahr vier Verfahren im Bereich der Ausbeutung bei der Ausübung der Bettelei, acht Verfahren im Bereich der Ausbeutung bei der Begehung von mit Strafe bedrohten Handlungen (zum Beispiel Taschendiebstahl, Ladendiebstahl oder Drogenhandel) und 13 Verfahren im Bereich Zwangsheirat geführt.

Ausbeutung von Minderjährigen

Laut dem BKA wurden im Jahr 2020 in Deutschland insgesamt 193 Ermittlungsverfahren zu unterschiedlichen Ausbeutungsformen mit minderjährigen Opfern (269 Menschen) polizeilich abgeschlossen. Das ist demnach ein Plus in Höhe von 58,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei den meisten Fällen (92,2 Prozent) handelte es sich um kommerzielle sexuelle Ausbeutung. Als neuer Trend wurde festgestellt, dass vornehmlich Minderjährige sexuelle Handlungen im Rahmen der so genannten „Taschengeld-Treffen“ anboten, nachdem sie zuvor entsprechende Inserate im Internet gepostet hatten, erläutert die Behörde. Durch derartige Angebote wollen Jugendliche ihr Taschengeld aufbessern, so die Behörde weiter. Es handele sich um eine neuartige Form der Gelegenheitsprostitution. Selbst wenn dies scheinbar aus freien Stücken geschehe und nicht von Dritten erzwungen sei, werde dies rechtlich als sexueller Missbrauch von Jugendlichen eingestuft. Denn die Kunden dieser Angebote seien im Regelfall volljährig.
Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern in Deutschland 2020

Im Jahr 2020 registrierte die deutsche Polizei insgesamt 16.921 kindliche Opfer der sexualisierten (§§ 176, 176a, 176b StGB) beziehungsweise sexuellen (§§ 177 Abs. 1 bis 4, 6 bis 9, 178 StGB) Gewalt im Land, folgt aus der polizeilichen Kriminalstatistik, die das Bundeskriminalamt Ende Juni 2021 publik machte. Rund dreizehn Prozent dieser Opfer (2196) waren Kinder unter sechs Jahren.

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§ 232

Der Strafbestand Menschenhandel sowie die Ausbeutung werden im 18. Abschnitt des Strafgesetzbuches (StGB) zu den Straftaten gegen die persönliche Freiheit definiert. Das heißt, wenn eine Person unter Ausnutzung ihrer persönlichen oder wirtschaftlichen Zwangslage oder einer Hilfslosigkeit, die mit dem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, oder eine Person unter 21 Jahren, angeworben, befördert, weitergegeben, beherbergt oder aufgenommen wird zum Zweck
der Ausübung der Prostitution,
der Ausübung der Bettelei,
der Haltung in Sklaverei, Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft oder ähnlichen Verhältnissen,
einer rechtswidrigen Organentnahme.
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