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Ippen-Verlag soll Veröffentlichung von kritischen Berichten über „Bild“-Chef Reichelt gestoppt haben

Bild-Chef Julian Reichelt (Archivbild) - SNA, 1920, 18.10.2021
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Der Ippen-Verlag soll die Veröffentlichung einer Recherche seiner investigativen Journalisten gestoppt haben, die einen möglichen Machtmissbrauch des „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt untersuchen wollten. Darüber berichtet die New York Times. Nach Informationen vom „Spiegel“ zeigten sich die Reporter von der Entscheidung schockiert.
Nach Angaben der New York Times sammelten Mitarbeiter des Rechercheteams des Ippen-Verlags Materialien zu Reichelts Verhalten bei der „Bild“ und verfassten einen Artikel zum Thema. Allerdings habe am Freitag Dirk Ippen, der größte Anteilseigner des Unternehmens, die investigative Abteilung angewiesen, die Story nicht zu veröffentlichen.
Die Journalisten hätten einen Brief an die Unternehmensleitung gerichtet, in dem sie beanstandet hätten, dass keine rechtlichen oder redaktionellen Gründe für die Einstellung ihrer Berichterstattung genannt worden seien.
Ein Sprecher von Ippen, Johannes Lenz, sagte, Ippen habe beschlossen, die Geschichte nicht zu publizieren, um nicht den Anschein zu erwecken, eine journalistische Veröffentlichung mit dem wirtschaftlichen Interesse zu verbinden, dem Konkurrenten zu schaden.

Investigativteam spricht von „Vertrauensbruch“

„Heute Vormittag haben wir […] erfahren, dass Sie uns die für den Sonntag, 17. Oktober 2021, geplante Berichterstattung über Machtmissbrauch gegen Frauen und weitere Missstände bei Axel Springer SE und insbesondere durch die Person Julian Reichelt, BILD-Chefredakteur, untersagen“, zitierte der „Spiegel“ aus einem ihm vorliegenden Schreiben vom Freitag, das von dem Investigativchef Daniel Drepper, seinem Stellvertreter sowie zwei Senior-Reporterinnen unterzeichnet wurde
„Wir sind schockiert von dieser Entscheidung“, hieß es weiter. Diese bedeute einen „Vertrauensbruch in der Zusammenarbeit zwischen dem Investigativteam und dem Verlag.“
Die Entscheidung, die Geschichte nicht zu veröffentlichen, sei eine „absolute Verletzung“ des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag, das heißt, der journalistischen und geschäftlichen Interessen. Die Entscheidung widerspreche „allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung“.
Der Ippen-Verlag hatte erst vor wenigen Monaten das Rechercheteam des deutschen Ablegers des US-Portals „BuzzFeed“ übernommen.

„Arbeitsplatzkultur, die Sex, Journalismus und Firmengelder vermischt“

Die New York Times konnte nach eigenen Angaben Einblick in einige der internen Dokumente bekommen, zu denen das Rechercheteam von Ippen Zugang bekommen habe. Diese Dokumente würden „ein Bild einer Arbeitsplatzkultur“ zeichnen, die „Sex, Journalismus und Firmengelder vermischt hat“.
So gehe aus den der Zeitung vorliegenden Dokumenten hervor, dass Reichelt unter anderem eine Beziehung mit einer 25-Jährigen Auszubildenden gehabt habe.
Im November 2016 soll Reichelt der Praktikantin gesagt haben, dass er seinen Job verlieren könnte, falls seine Affäre mit ihr publik gemacht werden sollte. Später habe ihr Reichelt einen verantwortungsvollen Job verschafft, für den sie sich nicht bereit gefühlt habe, und das Verhältnis mit der Frau fortgesetzt.
Als die Kosten der Arbeit, die sie durch Reichelts Mitwirkung bekommen habe, ihr Gehalt überstiegen hätten, habe sie sich bei Reichelt darüber beschwert – dieser habe eine Sonderzahlung im Wert von 5000 Euro für sie genehmigt und sie gebeten, niemandem davon zu erzählen.
Die Frau habe eine Anwaltskanzlei darüber in Kenntnis gesetzt, die von Axel Springer beauftragt worden sei, das Verhalten des Bild-Chefredakteurs am Arbeitsplatz zu untersuchen.
Die Sprecherin von Axel Springer, Deirdre Latour, sagte, die Aussage der Frau enthalte „einige inakkurate Fakten“, weigerte sich jedoch, Details zu nennen.
Die NYT macht die Leser darauf aufmerksam, dass Axel Springer 2015 den Nachrichtenseiten-Betreiber „Business Insider“ und in diesem Sommer auch die US-Tageszeitung „Politico“ gekauft hatte.

„Beschämender Moment für die Pressefreiheit in Deutschland” – Reaktionen

Der Mitgründer des Recherchezentrums Correctiv und Leiter des Netzwerkes Correctiv.Lokal, Jonathan Sachse, hat den Text des Protestbriefes der Investigativreporter der Geschäftsführung vorgelegt.
Die Situation rief eine rege Reaktion in den Medienkreisen hervor. Mehrere Journalisten reagierten auf den Bericht der NYT erbittert und posteten Zitate aus dem Artikel, die sie als besonders empörend fanden.
Die Journalistin und Podcasterin Annika Brockschmidt betonte in einer Twitter-Mitteilung, in Deutschland gebe es ebenfalls „ein Ökosystem von rechten Medien“. „Vielleicht kann CNN jetzt damit aufhören, Reichelt als seriösen Experten für Politik zu präsentieren?“, forderte sie.
„Wer noch Zweifel daran hatte, wie wichtig redaktionelle Unabhängigkeit im Journalismus ist!“, twitterte der Moderator des Politmagazins Monitor im Ersten, Georg Restle, in Bezug auf den Protestbrief.
Der einstige Chefredakteur und Herausgeber des „Stern“ Andreas Petzold äußerte zur Verhinderung der Veröffentlichung durch die Ippen-Führung – „ein beschämender Moment für die Pressefreiheit in Deutschland“. Ippen habe zwar die Veröffentlichung der Reichelt-Recherche seines Investigativ-Teams vorerst verhindert, twitterte Petzold. „Aber ist er so naiv zu glauben, die Story würde auch nicht anderswo in absehbarer Zeit auftauchen?“
Auch das Mitglied des Panama Papers Teams, die Journalistin Vanessa Wormer, die für die „Süddeutsche Zeitung“ tätig ist, zeigte sich zuversichtlich, dass die vorläufig gestoppte Story doch einmal publik gemacht werden könnte: „Danke für euer Rückgrat und jede einzelne Zeile in diesem Brief, der die Grundwerte des Journalismus verteidigt“, schrieb sie in Bezug auf den Protestbrief. „Und die eigentliche Story können wir dann hoffentlich auch bald lesen“.
Der Publizist Max Czollek schrieb, der Stopp der Recherche wirke „fast so, als würde hier jemand unabhängigen Journalismus einschränken und die Aufklärung von Sexismus und Machtmissbrauch verhindern wollen. Springer hat Konkurrenz“, warnte er.
Auch der Mitgründer und Redaktionsleiter des lokaljournalistischen Projekts RUMS, Ralf Heimann, lobte den Mut der Journalisten, die sich gegen die Anweisung der Geschäftsführung gesträubt haben: „Man muss ja sagen: Chapeau. Das gibt's wirklich nicht in jedem Verlag, dass die eigene Redaktion eine so erhellende Investigativ-Geschichte über das eigene Haus machen kann“, schrieb er auf Twitter.

Untersuchungsverfahren gegen Reichelt

Der „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt hatte sich im Frühjahr einem Compliance-Verfahren innerhalb des Axel-Springer-Verlags stellen müssen. Aus den eigenen Reihen werfen Reichelt vor allem Mitarbeiterinnen vor, seine Macht als Vorgesetzter missbraucht zu haben. Die Rede war von Mobbing und der Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen. Das Compliance-Verfahren gegen ihn ergab laut der Verlagsgruppe Axel Springer jedoch keine Anhaltspunkte für Machtmissbrauch. Nach einer kurzen Suspendierung konnte Reichelt seine Tätigkeit wieder aufnehmen.
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