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„Afghanistan hat schon Schlimmeres überstanden“: Politik-Magazin über Zukunft am Hindukusch

© REUTERS / SOCIAL MEDIATaliban Delegation
Taliban Delegation - SNA, 1920, 17.10.2021
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Forscherinnen und Forscher am „Welttrends“-Institut für Internationale Politik in Potsdam haben das Afghanistan-Drama bereits seit vielen Jahren auf dem Schirm. Sie haben im gleichnamigen Journal für Außenpolitik das Scheitern des Westens schon früh vorhergesagt. Das Oktober-Magazin blickt durchaus optimistisch nach vorn .
Die Ausgabe September analysierte, wie und warum die USA und die Nato in Afghanistan „krachend scheiterten“. Gleichzeitig verwies der damalige Beitrag auf die bereits sieben Jahre alte und dennoch weiterhin aktuelle Publikation „Krieg in Afghanistan: Bilanz und Ausblick“. Diese Sonderedition ist ebenfalls in dem Potsdamer Verlag erschienen.
Politikwissenschaftler und „Welttrends“-Beiratsmitglied Hubert Thielicke besuchte im Juli eine hochrangig besetzte internationale Konferenz in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans. Er informierte über diese Tagung in einem früheren Interview für SNA News.

„Russland und Usbekistan streben stabiles Afghanistan an“

Auch das Oktober-Heftdes „Welttrends“-Magazins befasst sich mit der Lage und Krise in Afghanistan. Nur folgerichtig schreibt Thielicke über die Rolle der usbekischen Regierung in der Region:
„Neben Russland ist Usbekistan bei der Afghanistan-Lösung besonders aktiv (…). Unübersehbar ist die strategische Niederlage von USA und Nato (…). Bereits Jahre zuvor hatten Experten vor einem solchen Ende der westlichen Intervention gewarnt. Insbesondere Usbekistan setzt sich unter Präsident Schawkat Mirsijojew, der sich am 24. Oktober Neuwahlen stellt, nachdrücklich für eine politische Lösung in Afghanistan und Kooperation in der Region ein. Die Devise Taschkents: Afghanistan müsse kein Problem sein, sondern eröffne vielmehr Chancen. Damit unterscheidet sich das Vorgehen Taschkents wesentlich von dem der USA und ihrer Partner, die 20 Jahre vor allem auf militärische Mittel setzten.“
Die zwischen Kabul, Pakistan und Usbekistan beschlossene transafghanische Eisenbahnlinie zwischen den Orten Masar-i-Scharif, der afghanischen Hauptstadt, und dem pakistanischen Peshawar nennt der Autor als aussichtsreiches Infrastruktur-Projekt der Zukunft. Auch solle das Handelsvolumen nach Vorstellung der Regierungen zwischen Taschkent und Afghanistan bis 2023 „auf zwei Milliarden US-Dollar“ erhöht werden.
Afghanistan-Konferenz - SNA, 1920, 22.07.2021
Afghanistan-Konferenz: „Hinter den Kulissen handelt Usbekistan cleverer als der Westen“ – Interview

„Wirtschaft der Region stärken“ – Lawrow

„Immerhin müssen Usbekistan und die anderen zentralasiatischen Staaten auf Dauer mit dem südlichen Nachbarn auskommen“, sagte er. „Das erklärt auch die beharrlichen Aktivitäten Taschkents für die Lösung des Afghanistan-Problems, die allerdings kaum Erwähnung in den deutschen Medien finden.“ Er nannte frühere Afghanistan-Konferenzen in der Region, wo es neben Sicherheitspolitik ebenso um wissenschaftlich-technischen Austausch, „Transport-Korridore und Landwirtschafts- wie Umweltfragen“ ging. Bis hin zur Bekämpfung von Terrorismus, Extremismus und Drogenhandel.
Der Politologe zitiert den russischen Außenminister Sergej Lawrow, der im Sommer in Taschkent sagte: „Nur eine umfassende Lösung des innerafghanischen Konfliktes werde die Umsetzung der wirtschaftlichen Initiativen in der Region ermöglichen“. Der usbekische Sicherheitsexperte und Präsidenten-Berater Akramjon Nematov betonte, Taschkent führe „den Dialog mit allen Kräften Afghanistans. Letzten Endes müssten die Taliban verstehen, dass Handel besser sei als Krieg.“
Moskau habe sich auf die neue Lage in Kabul eingestellt, bilanziert Thielicke, „trifft aber gleichzeitig Vorbereitungen, um seine zentralasiatischen Partner zu schützen. So fanden Anfang August gemeinsame Manöver mit Tadschikistan und Usbekistan in der Grenzregion zu Afghanistan statt.“ Diese Militär-Übungen waren in der „Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit“ (OVKS) eingebettet.
Pressekonferenz des politischen Büros der Taliban in Moskau (Archivbild) - SNA, 1920, 07.10.2021
Afghanistan
„Moskauer Format“: Russland lädt Taliban zu Gesprächen ein

„Völliges Desaster auch für Berlin“

„Es war ein in jeder Hinsicht völliges Desaster für die USA, ihre Verbündeten, darunter auch Deutschland, vor allem jedoch für die Islamische Republik Afghanistan“, blickt der Berliner Friedensforscher Hans-Joachim Gießmann auf die Konfliktregion. Dabei nennt er eklatante Fehleinschätzungen aus Sicht des Westens. Darunter die falsche Behauptung: „Der Wiederaufbau des afghanischen Staates sei erfolgreich gewesen.“
Denn seit 2002 seien die Regierungen in Kabul „nie souverän“ gewesen, hinzu kämen wirtschaftliche Totalausfälle und massive Korruption, die das Land wirtschaftlich lähmen würden. „Das Bruttoinlandsprodukt war bis zuletzt geschätzt zwischen 80 und 90 Prozent von globalen Finanzhilfen abhängig. Zwischen 2009 und 2020 gingen die Zuwendungen nach Angaben der Weltbank um 58 Prozent zurück.“
Auch sei die fehlende Moral der vom Westen ausgebildeten afghanischen Streitkräfte im Kampf gegen die Taliban für Beobachter keine Überraschung gewesen. Der Autor, der sich für die Berliner Berghof Foundation seit 2015 für einen inklusiven Friedensprozess in Afghanistan einsetzt, lege Hoffnungen in die junge Generation. Diese könne das Land künftig eventuell nach vorne bringen, so Gießmann. In Afghanistan sind über 42 Prozent der Menschen unter 14 Jahre alt, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes.
 Fidelis Cloer - SNA, 1920, 28.09.2021
Westler reist ins Land der Taliban

Pakistans Doppel-Rolle

Der Direktor für Internationale Beziehungen und Berater des Verhandlungsteams der Islamischen Republik Afghanistan in Doha, Moh Sayed Madadi, beschreibt das Interesse internationaler Akteure wie folgt: „Vor allem herrschte Uneinigkeit zwischen den Ländern der Region und den westlichen Ländern.“ Der Konfliktforscher studierte an der renommierten US-Universität Stanford.
„Es gelang den USA weder, Pakistan zu überzeugen, eine wirklich konstruktive Rolle zu übernehmen, noch Indien und Iran für eine sinnvolle Unterstützung zu gewinnen. Russland und China schienen bestrebt, Amerikas Bemühungen scheitern zu sehen und eine regionale Lösung im eigenen Interesse herbeizuführen. Während die Taliban zunehmend an Einfluss gewannen, schrumpfte der Einfluss- und Wirkungsbereich der USA zunehmend.“
Washington habe es vor allem an einer „umfassenden strategischen Vision“ gemangelt. Madadi mahnt an, die US-Regierung, Brüssel und die Uno hätten mehr Druck auf die Taliban* und Pakistan ausüben müssen. Schließlich erfolgt von dort immer noch viel, meist heimliche Unterstützung für die radikal-islamistischen neuen Machthaber in Kabul. Auch wenn Islamabad andererseits immer wieder betont und anordnet, gegen Islamismus – hauptsächlich im Grenzgebiet – vorzugehen.

„Eine friedliche Zukunft ist möglich“

Der Kriminologe und Polizei-Experte Lars Wagner, im Beirat der Bundesregierung für zivile Krisenprävention aktiv, kritisiert im Magazin die teuren und letztlich fast nutzlosen Polizei-Ausbildungsmissionen des Westens in Afghanistan. Doch der krisengeschüttelte Staat sei noch lange nicht verloren, geben die Mannheimer Politikwissenschaftlerin Theresa Breitmaier und der Berliner Ökonom Basir Feda einen positiven Ausblick:
„Die Geschichte des Landes und seiner Menschen ist auch jetzt nicht vorbei, sie wird nicht mit dem Abzug ausländischer Truppen einfach enden. Afghanistan hat schon Schlimmeres überstanden.“
Ein Vorteil dabei könnte sein, so die beiden Experten, dass das Land mittlerweile in der globalisierten Welt stark vernetzt sei. Eine Herrschaft in Isolation, wie sie die Taliban Ende der 1990er Jahre umgesetzt hatten, sei heutzutage kaum noch tragbar. Verschiedene Bevölkerungsgruppen, Traditionen und Clan-Strukturen müssten in den Machtprozess mit eingebunden werden, fordern sie. „Sollte sich die neue Führung dies zu Herzen nehmen, gibt es Chancen für eine friedliche Zukunft.“ Dazu gehöre auch, die Rechte von Mädchen und Frauen zu garantieren.
Eine Lufthansa-Maschine in Frankfurt - SNA, 1920, 23.08.2021
Afghanistan
Erste Ortskräfte aus Afghanistan in Berlin angekommen: Darunter Bundeswehr-Helfer? – SNA hakt nach
Weitere Beiträge im Heft blicken auf frühere Kriege und Konflikte in Afghanistan, darunter „die verheerenden Niederlagen Großbritanniens und der Sowjetunion“. Darüber hinaus kommen Afghaninnen und Afghanen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu Wort, um ihre Eindrücke dort zu schildern. Durchaus mit optimistischen Einschätzungen – trotz aller Herausforderungen und Probleme.
„Wir sind verschieden untereinander, sind unterschiedlicher Herkunft und Bindung, sprechen verschiedene Sprachen, waren Kommunisten oder Mudschaheddin oder etwas dazwischen. Aber letzten Endes sind wir in unseren Wünschen nach Frieden alle gleich. Die Verhandlungen in Doha haben uns gelehrt, dass wir uns eine gemeinsame Zukunft erarbeiten können, wenn wir es wollen.“
So ein Appell von Fatima Gailani, der ehemaligen Präsidentin des „Internationalen Rothalbmonds“ in Afghanistan, einer medizinischen Hilfsorganisation islamischer Prägung, ähnlich dem „Roten Kreuz“.
Mehr dazu lesen Sie in der Oktober-Ausgabe des außenpolitischen Journals „Welttrends“.
*Unter anderem von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (Armenien, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, Tadschikistan, Belarus) als Terrororganisation eingestuft, deren Tätigkeit in diesen Ländern verboten ist.
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