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Pandemie-Folgen bei Kindern: „Probleme wie ein Brennglas zum Vorschein gebracht“

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Die Lockdowns sind überstanden. Jetzt richtet sich der Blick auf die Folgen: Die Sorgen um den psychischen Zustand von Kindern sind groß und die „Berichte aus manchen Regionen tatsächlich beunruhigend“. Das sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie im SNA-Interview.
Marcel Romanos ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
- Herr Romanos, Kinderärzte und Jugendpsychiater berichten von einer dramatischen Zunahme von Depressionen und Suizidgedanken bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie. Wie nehmen Sie bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie die Situation wahr?
- Die Sorgen sind groß und die Berichte aus manchen Regionen sind tatsächlich beunruhigend. Wir sehen aber auch: Andere Regionen berichten diese dramatische Zunahme so nicht. Insofern muss man nochmal sehr genau hinschauen: Treffen denn diese Belastungen für alle Kinder zu? Welche Kinder sind besonders durch die Pandemie unter Druck geraten und haben Schwierigkeiten, psychisch gesund zu bleiben?
- Was sind das für Sorgen und Nöte, die Sie berichtet bekommen?
- Wir hören immer wieder aus Praxen von niedergelassenen Fachärzten, aber auch von Psychotherapeuten, dass es sehr viele Anfragen gibt. Auch dass es immer wieder Situationen gibt, wo sich Konflikte krisenhaft in den Familien zuspitzen. Aber wir sehen auch im pädagogischen Bereich, dass es schwierig ist, in die Familien reinzuschauen. Gerade während der Lockdown-Phasen war das ein großes Problem. Da wächst insbesondere die Sorge um Kinder und Jugendliche in schwierigen sozialen Umständen. Die haben auch schon vorher möglicherweise Gewalt erlebt. Um die haben wir auch am meisten Angst, dass sie jetzt in Gefahr geraten.
Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (Archivfoto) - SNA, 1920, 30.09.2021
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- Ein Kinderarzt hat mir erzählt, dass bei ihm in der Praxis circa alle zwei Wochen Jugendliche mit Suizidgedanken vorsprechen. Betroffene mit Depressionen gab es sogar drei bis viermal wöchentlich. Gibt es da eine Übersicht mit konkreten Zahlen?
- Es gibt bis jetzt keine Statistik darüber, ob die Diagnosen der wirklich behandlungsbedürftigen Störungen zugenommen haben. Wir haben aber eine ganze Reihe von Studien, auch repräsentativen Studien, die zeigen, dass Kinder und Jugendliche sich belastet fühlen. Sie nehmen wahr, dass die Pandemie und die daraus folgenden Restriktionen tatsächlich für sie mühsam sind und sie leiden darunter. Das ist nachvollziehbar: Wenn Kinder auf ihre Freunde verzichten, auf ihren Sport, auf ihre Aktivitäten – all das, was ihnen Spaß macht. Es gab doch eine gewisse Verschiebung in den Symptomen, die die Kinder berichten. Es scheint mehr Ängste, mehr depressive Symptome zu geben.
In diesen Statistiken haben wir immer noch keine guten Daten: Sind es tatsächlich Kinder, die krank geworden sind oder die nachvollziehbar belastet sind und deswegen diese Werte höher angegeben haben? Das ist auch kompliziert, weil im letzten Jahr weniger Kinder behandelt wurden. Es gab weniger Vorstellungen, es wurden Tageskliniken geschlossen und es wurden teilweise die Belegungen reduziert. Sodass übers Jahr gesehen möglicherweise auch viele Kinder nicht behandelt wurden, die damals schon behandlungsbedürftig waren. Es kann sich also um eine Art Bugwelle handeln, die jetzt zu einer vermehrten Inanspruchnahme führt.
Auf der anderen Seite sehen wir die regionalen Unterschiede: Insbesondere in Regionen wird berichtet, in denen es sehr wenige Betten gibt oder wo die ambulante Versorgung nicht ausreichend ist. Also Regionen, die insgesamt noch Unterstützung brauchen, um die Versorgungsstrukturen zu verbessern, beispielsweise in Bayern und Baden-Württemberg.
- Kann man diese „Bugwellen“ zeitlich eingrenzen? Gibt es Unterschiede zum Beispiel zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown?
- Laut Studien und Berichten hat der erste Lockdown für viele sogar noch teilweise eine Entlastung dargestellt. Wir müssen beachten, dass Schule nicht nur eine Lösung ist. Schule geht natürlich auch mit Belastungen einher. Vor der Pandemie haben wir Schulstress immer wieder in den Medien auch als etwas diskutiert, was Kinder krank machen kann und was Kinder unter Druck bringt. Das hat sich in der Pandemie etwas umgedreht. Es gibt vielfältige Belastungsfaktoren und Schule kann einer davon sein. Aber nicht in die Schule zu gehen, ist auch nicht gut für die Kinder. Dann fehlen eben die sozialen Kontakte und sie verlieren auch den leistungsmäßigen Anschluss.
Schule (Symbolbild) - SNA, 1920, 16.09.2021
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- Der Unterricht für die rund elf Millionen Schüler in Deutschland war nach einer OECD-Erhebung seit Beginn der Pandemie bis zum Frühjahr im Schnitt an mehr als 180 Tagen gestört. Das sind zwei Drittel der rund 270 Schultage im untersuchten Zeitraum. Welche Umstände haben sich in der Pandemie besonders schädlich auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt?
- Sie beschreiben diesen Ausfall an Beschulung. Es gibt auch deutsche Erhebungen, laut denen 50 bis 60 Prozent der regulären Schulstunden stattgefunden haben. Die zeigen auch – und das ist hier der Knackpunkt in der Diskussion –, dass Kinder, die vorher gut in der Schule waren, mehr Zeit mit Schule daheim verbracht haben als die, die vorher schon Schwierigkeiten hatten.
Das heißt, die Pandemie hat die Probleme wie ein Brennglas zum Vorschein gebracht. Die vorher schon bestandenen Probleme werden vergrößert und die Kinder, die vorher unter Druck waren, sind noch mehr unter Druck geraten. Andererseits gibt es natürlich auch viele Kinder, die sehr unbeschadet und auch relativ unbelastet durch die Pandemie gekommen sind.
Aber einen Punkt müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen: Wir hatten vorher schon Probleme. Die Pandemie hat nicht aus dem Nichts Probleme geschaffen, sondern wir hatten bereits vorher nach KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) des Robert-Koch-Instituts 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit Symptomen psychischer Erkrankungen.
Die Zahlen sind jetzt noch hochgegangen in der Pandemie. Aber ich glaube nicht, dass das Zahlen sind mit denen wir in Deutschland zufrieden sein können. Wir hatten Risikogruppen in der Pandemie, die besonders belastet waren: Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status, die in Armut leben, Alleinerziehende, mit Migrationshintergrund, Kinder mit Behinderungen. Natürlich haben die weitaus größere Probleme als Kinder in privilegierten Schichten und Familien.
Die Hauptbelastungsfaktoren lassen sich in vier Bereiche gliedern:
Einmal, die soziale Isolation – bei manchen war es wirklich eine Isolation. Stellen Sie sich vor: Elfjähriges Mädchen bei Homeschooling – Mutter alleinerziehend – sitzt zu Hause, macht selbst die Hausaufgaben, muss sich selbst das Mittagessen machen. Die Mutter ist gezwungen, zur Arbeit zu gehen, muss für den Lebensunterhalt sorgen. Das sind Familien, die in Deutschland systematisch benachteiligt sind. Dieses Kind hat eine hohe Gefahr, Ängste zu entwickeln und depressiv zu werden.
Das andere ist sicherlich das Leistungsproblem in der Schule. Die, die vorher Probleme hatten, werden nachher noch größere Probleme haben. Wenn wir versuchen, mit viel Nachhilfe und viel Druck das alles nachzuholen, werden diese Kinder mit hoher Sicherheit krank werden. Wir wissen, wenn wir diese Kinder überfordern, ist es ein sicherer Weg in die psychische Krankheit.
Aber auch Gewalt zu Hause. Kinder, die dort sexuellen Missbrauch erleben, die körperliche Gewalt erleben oder psychisch misshandelt werden, sind hier fast nicht sichtbar. Das Bundeskriminalamt sagt, dass nur ein Fall von 15 in Bezug auf sexuelle Gewalt überhaupt aktenkundig wird. Die Dunkelziffer ist gigantisch.
Und der vierte Punkt: Die Pandemie hat natürlich auch Ängste bei den Kindern ausgelöst und sie machen sich Sorgen: Kann ich krank werden? Bin ich schuld, wenn Oma und Opa krank werden? Die Tante, die beatmet werden musste im Krankenhaus. Das sind nachvollziehbare Ängste, die die Kinder entwickeln und wo auch immer ein Stück weit diese Schuldfrage mitschwingt und hier ganze Familien auch sehr stark unter Druck geraten können.
- Was bedeutet das denn für die Weiterentwicklung der Kinder, wenn sie solche psychischen Probleme bekommen?
- Wir wissen, dass die allermeisten psychischen Erkrankungen schon im Kindes- und Jugendalter ihren Anfang nehmen. Kinder mit psychischen Erkrankungen werden irgendwann Erwachsene mit psychischen Erkrankungen. Fast hundert Prozent aller Angsterkrankungen sind erstmalig vor dem 25. Lebensjahr entstanden.
Auch die Depression ist eine Volkskrankheit, die vor allem junge Erwachsene trifft und vielfältige Probleme über die ganze Lebensspanne verursacht: individuelle, soziale und familiäre Probleme. Das sind die Lebensphasen, wo die jungen Menschen Verantwortung übernehmen für ihre eigene Familie, für sich, aber auch beispielsweise für die kranken Eltern und Ähnliches. Das bedeutet: Ganze Gefüge brechen auseinander, wenn hier Krankheit hinzukommt. Wir dürfen das nicht bagatellisieren, wenn Kinder schon so früh erkranken. Und wir sollten auch nicht zu lange zuschauen, sondern wir sollten ihnen die Hilfe anbieten, die sie brauchen. Wir sollten dazu auch die Rahmenbedingungen schaffen.
Werbung für Kinder (Symbolbild) - SNA, 1920, 10.01.2021
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- Apropos Rahmenbedingungen: Die Schulen sind wieder geöffnet. Manche Bundesländer nehmen die Maskenpflicht oder auch andere Einschränkungen nicht zurück. Was wünschen Sie sich als Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie? Was könnte jetzt da gut gemacht werden?
- Der schulische Rahmen nimmt tatsächlich eine zentrale Rolle dabei ein, wie wir langfristig schaffen können, die Belastung mit psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu reduzieren. Wir brauchen gut evaluierte, evidenzbasierte Präventionsprogramme. Wir brauchen aber auch gute Früherkennungssysteme. Es ist ganz schwierig, an die Kinder heranzukommen, die den höchsten Bedarf haben. Es sind die Familien, die wenig Hilfe suchen, schlecht zu greifen sind, die sich immer wieder entziehen und die oft auch nicht viele Ressourcen haben.
Deswegen ist Schule so wichtig, weil die allermeisten Kinder in einem schulischen Kontext zu finden sind. Da erwarten wir natürlich sehr viel vom Schulsystem. Und das Schulsystem hat sich schon die letzten Jahre, Jahrzehnte erheblich gewandelt und hat viel mehr Aufgaben übernommen. Schule ist nicht mehr ein Ort der reinen Wissensvermittlung, sondern ein neuer Lebensmittelpunkt der Kinder.
Ebenfalls müssen wir noch sehr viel stärker die verschiedenen Hilfssysteme für Kinder und Familien integrieren und auch die Hürden reduzieren, damit diese Hilfssysteme auch im schulischen Kontext greifen können. So dass Therapie, Prävention, Beratung in der Schule möglich ist. Hier haben wir noch sehr viele strukturelle Hürden in Deutschland.
- Zum Schluss noch eine Frage: Die Erziehungsberechtigten nehmen wahr, mit dem Kind stimmt was nicht, es ist vielleicht betroffen. Wie können sie es feststellen, ob das Kind tatsächlich professionelle Hilfe braucht?
- Die häufigsten Probleme in der Pandemie waren tatsächlich emotionale, affektive Probleme. Kinder sind traurig geworden, haben sich zurückgezogen, sind wortkarg geworden, teilweise auch reizbar und unausgeglichen. Sie haben Ängste formuliert oder sich ängstlich verhalten. Sie haben Dinge vermieden, die sie hätten machen können, aber die sie nicht mehr machen wollten.
Das sind so Zeichen, dass im Rahmen einer Verhaltensänderung auftauchen. Ich sehe, es ist etwas anders und ich mache mir Gedanken. Das ist der erste Punkt, an dem Eltern nachdenken: Ist alles in Ordnung mit meinem Kind? Und die nächste Frage ist: Was kann ich machen? Ich kann versuchen, mit dem Kind zu sprechen. Es geht innerhalb der Familie manchmal gut, manchmal nicht gut.
Wir haben in Deutschland ein sehr gut ausgebautes System von niederschwelligen Beratungsstellen über niedergelassene Fachärzte, Kinder-, Jugendpsychiater oder Kinder-, Jugendpsychotherapeuten, bis hin zu sehr kompetenten Institutsambulanzen und -kliniken. Oder gar stationäre, teilstationäre Behandlung da, wo es erforderlich ist. Da kommt es sehr auf den Schweregrad an: darauf, wie stark und wie lang schon das Problem besteht und ob ambulante Maßnahmen ausreichen, ob man dann im nächsten Schritt tatsächlich über eine stationäre Therapie nachdenken muss.
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