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Großer Zapfenstreich spaltet das Netz: Verteidigungsministerium enttäuscht über NS-Vergleiche

© REUTERS / HANNIBAL HANSCHKEGroßer Zapfenstreich in Berlin am 13. Oktober 2021
Großer Zapfenstreich in Berlin am 13. Oktober 2021 - SNA, 1920, 14.10.2021
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Bundeswehrsoldaten mit Fackeln am Reichstagsgebäude: Die Bilder vom Großen Zapfenstreich, mit dem der Militäreinsatz in Afghanistan geehrt werden sollte, haben in den sozialen Medien für Empörung gesorgt. Verteidigungsministerium und Bundestagspolitiker verteidigen das Ritual.
Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen (Die Linke) kritisierte die Zeremonie vor dem Hintergrund der Bilanz des Afghanistan-Krieges: „rund 240.000 Tote (zumeist Zivilisten), 5,5 Millionen Vertriebene, ungesühnte Kriegsverbrechen, Herrschaft der Taliban und 59 tote Bundeswehrsoldaten. Was gibt es da zu feiern mit diesem militaristischen Mummenschanz?“, fragte die Politikerin.
Vor allem der Tweet des Grünen-Politikers Christian Ströbele erregte die Gemüter, den die Zeremonie an die NS-Zeit erinnert. Er schrieb am Mittwochabend auf Twitter: „Großer Zapfenstreich mit Fackelzug heute vor Reichstag. Bundeswehr feiert Ende ihres Einsatzes in Afghanistan. Was soll das militaristische Ritual aus Preußen und NS-Zeit? In dem Krieg starben über 175.000 Menschen –meist Zivilisten. Nichts ist gut in Afghanistan. Was gibts da zu feiern?“
Die Journalistin Miriam Hollstein antwortete empört: „Es wurde nicht gefeiert. Es wurden Menschen geehrt, die in unserem Namen (Stichwort Parlamentsarmee) ihr Leben riskiert und manchmal verloren haben.“ Das zu verhöhnen, sei respektlos, schrieb Hollstein. Andere Twitter-Nutzer erinnerten daran, dass Ströbele selbst am 22. Dezember 2001 für den Einsatz gestimmt hatte. Der Grünen-Politiker erklärte später in einem Interview, dass er gegen seinen Willen auf Druck seiner Fraktion für den Einsatz gestimmt habe.
Auch die ehemalige Grünen-Politikerin und Aktivistin, Jutta Ditfurth, fühlt sich an die dunkelsten Zeiten Deutschlands erinnert: „Wenn Deutsche Fackeln in die Hand nehmen“, sage sie mit den Worten von Max Liebermann: „Ick kann janich so viel fressen, wie ich kotzen möchte“. Sie bemängelte, der Zapfenstreich diene einer „Militarisierung der Gesellschaft“.

BMVg und Abgeordnete weisen NS-Vergleiche zurück

Das Verteidigungsministerium (BMVg) zeigte sich enttäuscht von derartigen „Vergleichen mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands“. Die Bundeswehr sei eine Parlamentsarmee. „Als diese hat sie ihren Platz inmitten der Gesellschaft – bei besonderen Anlässen auch vor dem Reichstagsgebäude“, heißt es in einem Tweet des BMVg. Die Debatte darüber sei jedoch notwendig und wichtig.
Auch viele Politiker stellten sich hinter den Fackelzug der Bundeswehr. Die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann verteidigte den Großen Zapfenstreich vor dem Bundestag. „Zeremoniell war in Form, Würde und am einzig richtigen Ort (Parlamentsarmee vor Parlament) absolut angemessen“, kommentierte sie. „Manchmal verstehe ich Twitter echt nicht mehr. Es war gut und richtig, den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr heute mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstag zu würdigen. Als Bundestag stehen wir in einer bleibenden Verantwortung, für das was die letzten 20 Jahre“, schrieb der Grünen-Politiker Tobias Lindner.

Verständnis für NS-Assoziationen

Ähnlicher Meinung, wie seine Parlamentskollegen vertritt auch der FDP-Politiker Johannes Vogel. „Aber: Dass auch viele erst einmal ein mulmiges Gefühl haben, wenn sie polierte Helme und Fackeln vor dem Reichstagsgebäude sehen, sollten wir nicht verurteilen – dass es diese besondere Sensibilität bei uns gibt, spricht doch in Wahrheit sehr für unsere Gesellschaft“, schreibt Vogler auf Twitter.
Der Journalist Paul Starzmann versteht die Aufregung um die Kritik an dem Zeremoniell nicht: „Wenn ihr nicht wollt, dass deutsche Soldaten mit Fackeln vor dem Reichstag solche historischen Assoziationen auslösen, dann lasst sie halt nicht in so einem fürchterlichen Retro-Style aufmarschieren“, meint er. Dabei erinnerte er an das Jahr 1980 in Bremen. Dort kam es nach einem öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr zu gewalttätigen Protesten, die drei Tage angedauert haben. „Da werdet ihr ein paar Stunden Twitter-Diskussion ja wohl aushalten“, appellierte er an die Twitter-Gemeinschaft.
Auch die Politikerin Ditfurth reagierte später auf die Zurückweisung der Kritik am Zapfenstreich durch Abgeordnete und das BMVg: „Zapfenstreich für Bundeswehr soll ungestört von lästiger Kritik bleiben, die das Verteidigungsministerium am liebsten verboten sehen möchte. Der Krieg soll ein akzeptierter Teil der deutschen Großmacht-Gesellschaft werden. Deshalb so viel Pathos und rührselige Verlogenheit.“
Der Bundestag und die Bundesregierung hatten sich bei den in Afghanistan eingesetzten Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr am Mittwoch für ihren Einsatz bedankt. Nach dem Abschlussappell vor dem Verteidigungsministerium kam es anschließend zum Großer Zapfenstreich vor dem Bundestag. Es ist das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr. Die Ursprünge des Rituals sollen bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Damit werden heute wichtige Ereignisse begangen, wie die Ehrung von Bundespräsidenten und Bundeskanzler. Die Zeremonie wird immer in den Abendstunden durchgeführt. Sie besteht aus einem Aufmarsch, mehreren Musikstücken und dem Ausmarsch. Auch Fackelträger gehören immer dazu. Vor dem Bundestag gab es zuletzt einen Großen Zapfenstreich im Jahr 2015 zum 60-jährigen Jubiläum der Bundeswehr.
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