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Zoonose oder Labor? Spitzenforscher debattieren über Ursprung von Sars-Cov-2

© CC0 / NIH Image Gallery / FlickrSARS-CoV-2-Zelle (Symbolbild)
SARS-CoV-2-Zelle (Symbolbild) - SNA, 1920, 13.10.2021
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Seit Pandemiebeginn gibt es zwei viel diskutierte mögliche Ausbruchsszenarien: Ansteckung über den Wildtiermarkt in Wuhan oder ein Laborunfall bei der Erforschung von Sars-artigen Viren. Für beides gibt es ernsthafte Indizien, wie eine Debatte von vier Forschern zeigt. Verschwiegene Forschungsvorhaben aus den USA machen die Sache nicht einfacher.
Ende September fand eine Live-Konferenz zum Ursprung von Sars-Cov-2 statt, bei der vier Spitzenforscher zum einen für das Zoonose- und zum anderen für das Laborunfall-Szenario argumentierten. Der Spezialist für Virenevolution, Jesse Bloom, und die Molekularbiologin Alina Chan aus den USA hoben in dieser Konferenz die vielen Indizien hervor, die für einen Laborunfall in Wuhan sprechen. Das Zoonose-Szenario beschäftigte dagegen vor allem den Singapurer Fledermausviren-Forscher Linfa Wang und den Evolutionsbiologen Michael Worobey aus den USA. Veranstaltet wurde die wissenschaftliche Debatte von der American Association for the Advancement of Science (AAAS). Am Ende kam zwischen den Experten zwar ein gefühltes Unentschieden heraus, was jetzt wirklich passiert ist, aber die ernstzunehmenden Indizien für einen Laborunfall sind dennoch besorgniserregend.

Mangelnde Transparenz bei der Suche nach dem Ursprung

Alina Chan, die 2020 vehement auf das Labor-Szenario bestanden hatte, als es schon fast ins Reich der Verschwörungstheorien verwiesen war, übte insbesondere Kritik an der Datenlage rund um das Virus: „Wir haben sehr wenig Informationen (Anm.d.Red.: um sich für eins der beiden Szenarien auszusprechen). Viele Informationen werden zurückgehalten. Alle gegenwärtigen Beobachtungsdaten passen zu beiden Szenarios. Unser Hauptaugenmerkt sollte sich darauf richten, mehr Informationen zu finden, um einzuschätzen, welches Szenario wahrscheinlicher ist. Heute neige ich eher zum Laborunfall, aber wir brauchen einfach mehr Daten.“
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Michael Worobey entgegnete, dass er sich die Frage ergebnisoffen gestellt hatte, aber je mehr er über die Viren aus dem Labor und die Sars-Verwandten in freier Wildbahn erfuhr, desto überzeugter wurde er – im Gegenteil zu Chan –, dass es sich um eine natürliche Übertragung handeln muss, vergleichbar mit dem ersten Ausbruch von Sars-Cov-1 in den Jahren 2002-2003.

Sars-tragende Fledermäuse leben nicht in Wuhan – Dafür aber Sars-Forscher

Jesse Bloom gab zu bedenken, dass es nicht klar ist, wie das Virus nach Wuhan gekommen ist. „Aber wir wissen, dass Fledermäuse, die nah mit Sars-Cov-2 verwandte Viren in sich tragen, nicht in Wuhan leben.“ Wenn man dann noch berücksichtige, dass Forscher jährlich an die tausend Proben von Fledermauskot aus verschiedenen Teilen Chinas nach Wuhan zur Erforschung von Sars-verwandten Viren in das dortige Institut für Virologie brachten, erscheint für Bloom das Laborunfall-Szenario „höchst plausibel“, wie er es ausdrückt.

Alles nur Spekulation wegen einer Lücke in der Evolution?

Einen anderen Weg skizziert dagegen Linfa Wang, der mit dem Wuhaner Labor in engem Austausch steht. Es geht um den Tiermarkt in Wuhan, auf dem etliche der frühesten Fälle dokumentiert wurden. Anfangs wurde dort der Ausbruch der Pandemie vermutet, allerdings stellten später die Behörden fest, dass ein noch früherer Fall keinen Kontakt zum Markt gehabt hat. Wang glaubt, dass ein Mensch ein Vorgängervirus zum Markt gebracht haben könnte, wo er auf Tiere zurückgesprungen ist, in diesen weitermutierte und schließlich als Sars-Cov-2 wieder auf den Menschen übergesprungen ist. Dieses Vorgängervirus, das zu 99,9 Prozent identisch mit Sars-Cov-2 sein muss, wurde bislang allerdings nicht gefunden, was eine Lücke in der Evolution des Virus darstellt.
US-Außenminister Antony Blinken - SNA, 1920, 07.06.2021
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Genau diese Wissenslücke kritisierte Alina Chan. Es sei erstaunlich, dass fast zwei Jahre nach Pandemiebegin immer noch nicht klar sei, wann und wo in Wuhan sie ihren Ausgang genommen habe. Das liege, ist sich die Molekularbiologie sicher, nicht an fehlenden Technologien zum Nachweis, sondern an zurückgehaltener Information.

Früher kamen mehr Informationen aus China

Der Informationsfluss sei aber nicht immer so stockend gewesen: „Gerade in den ersten Tagen der Pandemie sind viele Informationen aus China geflossen. In den Monaten, vielleicht sogar Jahren vor der Pandemie gab es sehr viel Information aus China zur Forschung, die in Wuhan durchgeführt wurde. Wir sollten uns diese Quelle erschließen, anstatt darum zu betteln, nach China gelassen zu werden“, findet Chan und bezieht sich damit vermutlich auf eine mögliche weitere Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in China, nachdem die erste keine Gewissheit gebracht hatte. Mit dem Bild, dass man sich so macht, könnte man dann später wieder an China herantreten und das Land auffordern, Daten zur Verfügung zu stellen.

Sprechen neu entdeckte Viren für Zoonose?

Worobey fand es dagegen falsch, so zu tun, als wären Laborszenario und Zoonose gleichermaßen wahrscheinlich. Neuste Erkenntnisse lassen aus seiner Sicht das Pendel eher in die Zoonose-Richtung ausschlagen. Er bezieht sich dabei auf drei Viren, die jüngst in Laos gefunden wurden, die deutlich näher am ursprünglichen Sars-Cov-2 aus Wuhan liegen als etwa das recht populäre Laborvirus aus Wuhan mit der Bezeichnung „RATG-13“.
Mikroskop (Symbolbild) - SNA, 1920, 30.09.2021
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Nur dass das aus Blooms Sicht auch nicht des Rätsels Lösung ist, denn die Verwandtschaft dieser Viren aus Laos zum Wuhan-Virus ist einfach nicht nah genug. „Es ist nicht so verwandt mit dir wie dein Vater, sondern eher wie dein Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Großvater“, veranschaulicht er das Verhältnis. Damit bleibe die Frage nicht beantwortet, wie direkte Vorfahren des jetzigen Virus nach Wuhan gekommen sind.
US-Finanzierung von Sars-Forschung und gentechnische Eingriffe?
Einen weiteren wichtigen Aspekt für das Laborszenario stellte Bloom in den Raum. Es geht um wissenschaftliche Förderungen von chinesischer Forschung aus den USA. Zum einen geht es um die hochdotierte „R01“-Forschungsförderung der US-Bundesgesundheitsbehörde NIH. Diese stellte chinesischen Forschern in Wuhan, die an Sars-artigen Viren forschten, knapp 600.000 Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren ab 2014 zur Verfügung. Das Bindeglied, über das diese Förderung lief, war dabei die US-Non-profit-Organisation „Ecohealth Alliance“.
Dieselbe Organisation reichte zudem im Jahr 2018 einen Förderungsvorschlag bei der Forschungsstelle „Darpa“ des US-Militärs ein. In diesem Vorschlag geht es um die künstliche Einfügung einer sogenannten Furin-Spaltstelle am Spikeprotein, die dem Virus den Zelleintritt deutlich vereinfacht und das Virus dadurch infektiöser und leichter übertragbar macht. Dabei nutzt das Virus das im menschlichen Körper vorkommende Enzym Furin, das sein Spikeprotein verändert, sodass dieses danach zu einem Oberflächenprotein menschlicher Zellen passt wie Schlüssel zum Schloss.
Maske (Symbolbild) - SNA, 1920, 18.04.2021
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Diese für das Virus untypische Stelle war schon zuvor vielen Forschern als ungewöhnlich aufgefallen. Auch wenn die „Darpa“ das Vorhaben schließlich abgelehnt hatte, zeigt allein der Vorschlag, dass solche Ideen zirkulierten und dass entsprechende mögliche Versuche im Labor nicht einfach so von der Hand zu weisen sind. Erschwerend kommt laut Bloom hinzu, dass der Vorschlag verschwiegen und erst durch ein Leak der Öffentlichkeit bekannt wurde. Aus der NIH-Datenbank gelöschte Sars-Cov-2-Sequenzen von frühen Fällen aus Wuhan, die Bloom ebenfalls entdeckt hatte, machen die Lage nicht besser. Diese waren gelöscht worden, nachdem Forscher aus Wuhan die entsprechenden Sequenzen zurückgezogen hatten.
Bloom schließt aus alledem: „Es ist aus meiner Sicht keine Verschwörung mehr, dass die Furin-Spaltstelle gentechnisch erzeugt worden sein kann.“
Auch Wang schließt sich dem an, wenn er sagt: „Ich bin nicht gegen die Idee, dass man künstlich eine Furin-Spaltstelle einfügen kann“, fügt aber auch hinzu: „Aber ich argumentiere dafür, dass die Natur immer gewinnt. Deswegen ist für mich ein natürliches Virus mit so einer Eigenschaft ebenfalls möglich.“
Unterstützung erhält er von Michael Worobey, der diverse ähnliche Strukturen zeigt, wie sie bei gewissen Coronaviren vorkommen, aus denen auch eine solche Spaltstelle natürlich evolvieren konnte. Dennoch bleibt ein schaler Geschmack zurück, wenn man bedenkt, dass dieses abgelehnte Forschungsvorhaben offenbar gezielt totgeschwiegen wurde.

Pandemiebekämpfung ist nicht gleich Pandemiebekämpfung

So oder so brauche es mehr Transparenz bei der Frage nach dem Ursprung, findet Alina Chan, denn davon hängen künftige Pandemie-Behämpfungen ab: „Für mich ist der Grund, warum man zwischen Wildtierverkauf und forschungsbezogenen Aktivitäten unterscheiden muss, dass die Strategien zur Risikominderung komplett unterschiedliche sind. Wenn wir eine Pandemie stoppen wollen, die von Forschungsarbeiten erzeugt wird – dann muss diese Forschung besser reguliert werden und verantwortlicher und transparenter durchgeführt werden. Um einen Ursprung von Wildtieren zu stoppen, müsste man dagegen den Wildtierhandel strenger regulieren. Der Unterschied liegt für mich in den unterschiedlichen Strategien zur Pandemiebekämpfung bei den verschiedenen Szenarien.“ Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, betont die Forscherin, sondern um einen Präzedenzfall für die Bekämpfung künftiger Pandemien.
Zur Schuldfrage merkt auch Linfa Wang mahnend an: „Die westliche Philosophie besagt, dass du unschuldig bist, bis die Schuld bewiesen ist. Beim Covid-19-Ursprung ist es umgekehrt: Du bist bereits schuldig, bevor du Gelegenheit hattest zu beweisen, dass du unschuldig bist. Du bist schuldig, weil du in Wuhan bist. Das ist alles.”
Das Schlusswort hatte aber Jesse Bloom mit den Worten: „Ich denke, wenn solche Konversationen früher stattgefunden hätten, würden die Dinge jetzt viel besser stehen. Keiner von uns weiß, was genau passiert ist. Wir brauchen mehr Transparenz. Ich hoffe, dass wir nicht noch mehr solcher Dinge sehen werden wie Forschungsvorhaben, die jahrelang geheimgehalten wurden, bis sie geleaked wurden.“
Ein Mitschnitt der Konferenz (in englischer Sprache) hier:
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Laborunfall oder Tiermarkt – was ist der Ursprung der Pandemie?
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