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Das sind die größten Ängste der Deutschen im Wahljahr – Langzeitstudie der R+V Versicherung

© R+V-InfocenterProf. Dr. Manfred G. Schmidt, Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, der das R+V-Infocenter seit fast zwei Jahrzehnten bei der Auswertung der Ängste-Studie berät
Prof. Dr. Manfred G. Schmidt, Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, der das R+V-Infocenter seit fast zwei Jahrzehnten bei der Auswertung der Ängste-Studie berät - SNA, 1920, 24.09.2021
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Eine Schulnote 3,8 für die Politiker zeigt die Sorge der Deutschen, dass die Politiker mit ihren Aufgaben überfordert sind. Das belegen die Ergebnisse der Langzeitstudie vom Infocenter der R+V Versicherung „Die Ängste der Deutschen 2021“. 41 Prozent der Befragten gaben diese Sorge an. Für ein Wahljahr sei es ein moderater Wert, hieß es.
Auffällig: Die Noten „mangelhaft“ und „ungenügend“ finden sich mit fast 25 Prozent mehr als doppelt so oft im Politiker-Zeugnis wie „sehr gut“ oder „gut“. Zum Vergleich: Bei der Wahl vor vier Jahren haderten 55 Prozent mit den Politikern. Traditionell trauen die Deutschen den Politikern wenig zu: Im Osten mehr als im Westen (Ost: 50 Prozent, West: 39 Prozent).
„Die Noten sind tatsächlich schlecht, auch wenn der Abstand im Vergleich zu Vorjahren wenig geringer ist“, sagte Prof. Dr. Manfred G. Schmidt, Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, der das R+V-Infocenter seit fast zwei Jahrzehnten bei der Auswertung der Ängste-Studie berät. „Man kommt zwar mit der Note 3,8 im Durchschnitt in die nächste Klasse, aber ein Ruhmesplatz für die Politik ist es nicht. Und das ist seit Jahren so. Es stützt sich auf andere Umfragen. Das Renommeé der Politiker im Lande ist nicht gut.“ „Also Nachholbedarf“, schlussfolgerte Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters. „Wenn meine Kinder solche Noten im Schnitt gehabt hätten, hätte ich wahrscheinlich Nachhilfe gefordert.“

Warum schneiden die Politiker in diesem Jahr doch besser als in Vorjahren ab?

Es gebe zarte Hinweise darauf, antwortet Prof. Schmidt, dass manche der Krisenbewältigungsmaßnahmen der Politik in den letzten 18 bis 20 Monaten lange Zeit relativ positiv bewertet würden. Er erinnerte an die positive Einstufung der Corona-Bekämpfung bis Ende des Jahres 2020.
„Die Änderung kommt dann im Januar 2021, wie die Sonderbefragung von R+V-Infocenters auch zeigt. Da ändert sich das Meinungsprofil der Bevölkerung insgesamt und damit die Einstufung der Politiker. Es wird in weiten Teilen der Bevölkerung begrüßt, dass die Regierungen im Bund und in den Ländern die Coronakrise massiv mit wirtschafts- und sozialpolitischen Interventionen entschärft und bekämpft haben.“
Er weist auf ein Paradoxon hin: Eine große Mehrheit der Bevölkerung spendet Applaus für die Krisenbekämpfung durch Bund und Länder. „Wir haben andererseits gesehen, dass die Angst vor der Bewältigung der anstehenden Schulden in diesem Jahr sehr groß ist. Man ist erschrocken, dass es so viel kostet. Andererseits loben 50 Prozent der Befragten die Regierungen. Ich kann eines mit Sicherheit vorhersagen: Wer immer diese Wahl gewinnt und die Regierung bildet, das wird eine ganz schwierige Legislaturperiode.“

Top-Angst: Die Sorge um liebes Geld

„Der Schuldenberg, der sich bei Bund, Ländern und Kommunen zur Bewältigung der Corona-Pandemie aufgetürmt hat, bereitet den Deutschen in diesem Jahr die größten Sorgen“, so Römstedt. „Die Mehrheit der Deutschen befürchtet, dass der Staat sie für die Milliarden-Schulden der Corona-Krise zur Kasse bittet.“
© R+V-InfocenterBrigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters
Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters - SNA, 1920, 24.09.2021
Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters
53 Prozent der Deutschen haben Angst davor, dass der Staat wegen der Schuldenlast dauerhaft Steuern erhöht oder Leistungen kürzt. Diese Angst wurde zum ersten Mal abgefragt und ist direkt auf Platz eins der Studie gelandet. Prof. Schmidt dazu:
„Wir haben ein großes Problem in Deutschland durch die Anhäufung von Staatsverschuldung durch Corona. Die Politiker machen einen großen Bruch dieses Problems und schenken den Leuten keinen klaren Wein ein.“
Denn das Grundgesetzt erlaube nur eine geringe Verschuldung, fügt er hinzu. „Diese Verschuldungsgrenze ist bei weitem überschritten. Jetzt ist die Frage, was macht eigentlich die nächste Bundesregierung? Sie hat im Grunde drei Möglichkeiten: beträchtliche Abgabenerhöhungen oder erhebliche Kürzungen öffentlicher Leistungen oder beides – und zwar dauerhaft. Das sieht die Mehrheit der Befragten in aller Klarheit. Man könnte auch versuchen die Schuldengrenze durch Grundgesetzänderung nach oben zu schieben. Dafür hat man aber wahrscheinlich nicht die Mehrheit.“
Die Staatsschulden sind in diesem Jahr auf den Rekordwert von mehr als 2,2 Billionen Euro gestiegen. „Zusätzlich drohen den deutschen Steuerzahlern hohe Lasten durch die EU-Schuldenkrise, da Deutschland in großem Umfang für die Rettung überschuldeter EU-Mitgliedsstaaten haftet“, merkt der Politologe an. „Auch die Sorge vor höheren Lebenshaltungskosten bildet die Realität ab: Seit Jahresbeginn steigen die Verbraucherpreise kontinuierlich.“ Professor Schmidt moniert, dass die Politiker auch hier nicht Position beziehen: „Um kräftig steigende Inflationsraten machen Wahlkämpfer gerne einen Bogen – und drücken sich vor der Erörterung von Therapien der Inflationsbekämpfung.“
Die Sorge um die persönlichen Finanzen spiegeln auch die Plätze zwei und drei der R+V-Ängste-Studie wider: Jeder zweite Deutsche befürchtet, dass die Lebenshaltungskosten steigen (Vorjahr: 51 Prozent).
„Die Top-Ängste zeugen vom Realismus der Befragten – und vom Vorrang ihrer materiellen Interessen“, kommentiert Prof. Schmidt.
Die Sorge vor einer Überforderung des Staates durch die große Zahl der Flüchtlinge hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert, wie die Umfrage zeigt. Im Unterschied dazu sinkt die Angst vor möglichen Spannungen durch den weiteren Zuzug von Ausländern auf 42 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Stand seit 2015.
Bei den Zuwanderungsthemen zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West. 42 Prozent der Westdeutschen befürchten, dass der Staat durch Geflüchtete überfordert ist. Im Osten ist das mit 58 Prozent die Top-Angst. Insgesamt gilt: Männern bereiten diese Themen mehr Angst als Frauen. „Wir haben hier ein dauerndes Problem“, so Prof. Schmidt. Seit 2015 ist die Flüchtlingskrise und die Asylproblematik eines der drei wichtigsten Themen in Deutschland. Aus den Langzeituntersuchungen wissen wir, dass diese Angst zu den drei wichtigsten nach der Corona- und der Klimakrise gehört. Das ist auch ein Thema, welches an der Reaktion der Politik ablesbar ist. Das Stichwort ,Das Jahr 2015‘ hängt jeder Partei wie ein Mühlstein am Hals.“
Bei der Zuwanderung sei die größere Angst der Ostdeutschen eine Funktion eines politisch-kulturellen Faktors, sagt der Politologe. „Im Osten ist die Meinung verbreitet, dass man lieber bodenständig, ethnisch möglichst homogen ist, und nicht international und Multikulti. Da spielt der Faktor Heimat eine Rolle, und das äußert sich in der Parteipräferenz in zweifacherweise ganz stark: Die beiden Parteien an den Rändern des politisch-ideologischen Spektrums bekommen auffällig viele Stimmen. Das gilt im Übrigen nicht nur für die rechte Seite die AfD, sondern auch für die Linke, die im Osten Deutschlands viel stärker als im Westen ist.“

Am stärksten gesunken: Ängste vor einer Wirtschaftsflaute und vor Arbeitslosigkeit

Die Sorge um die Wirtschaftslage in Deutschland ist jedoch geringer geworden. Sie liegt mit 40 Prozent auf Platz zehn des Rankings. Im vergangenen Jahr – als das Geschäftsleben während der Pandemie erlahmte – lag sie mit 48 Prozent auf Platz vier der Umfrage.
„Offensichtlich sind die Befragten erleichtert, dass die Wirtschaft nach dem stärksten Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wieder in Schwung kommt“, erläutert Schmidt.
Mit dem Konjunkturaufschwung sinkt auch die Angst vor Arbeitslosigkeit: Nur knapp ein Drittel der Befragten (31 Prozent; Vorjahr: 40 Prozent) befürchtet steigende Arbeitslosenzahlen. Noch geringer ist die Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs (24 Prozent; Vorjahr: 25 Prozent).
Zum 30. Mal hat das Infocenter der R+V Versicherung rund 2.400 Menschen nach ihren größten Sorgen rund um Politik, Wirtschaft, Umwelt, Familie und Gesundheit befragt.
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