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„Wichtige Grundlage für deutsch-russisches Vertrauen bis heute“: 76 Jahre „Potsdamer Konferenz“

© CC0 / Wikimedia CommonsPotsdamer Konferenz (Archivbild)
Potsdamer Konferenz (Archivbild) - SNA, 1920, 18.09.2021
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Im August 1945 endete die „Potsdamer Konferenz“. Damals ordneten die drei alliierten Siegermächte nach der Niederlage Hitler-Deutschlands die Welt. Ein neuer Sammelband blickt zurück: Historiker, Publizisten und Politiker ergründen, was Moskau, Washington und London anstrebten und mit welchen Folgen für die heutige Weltpolitik.
„Die Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) in Cecilienhof war ein großes internationales Ereignis in Europa“, so der polnische Politologe und Politiker Zbigniew Wiktor. „Sie hat die internationalen Verhältnisse neu reguliert (…). Sie wurde auch Grundlage der internationalen Beziehungen. Deswegen gehört ihre Erklärung zu den größten internationalen Akten der gegenwärtigen Epoche.“
Die besondere Bedeutung „dieses Ereignisses lag nicht nur darin, dass die drei Siegermächte die Bedingungen für das besiegte Deutschland erklärten, sondern auch darin, dass einer dieser ‚drei Großen‘ die Sowjetunion war – ein sozialistischer Staat, der noch zehn Jahre zuvor von den bürgerlich-kapitalistischen Großmächten in Frage gestellt wurde (…) Die Sowjetunion und viele andere Völker haben über viele Jahre gegen die deutsch-faschistischen Imperialisten gekämpft.“
Die Konferenz brachte die damalige weltpolitische Elite nach Potsdam ins besiegte Nazi-Deutschland: Josef Stalin, als obersten Befehlshaber der UdSSR, den US-amerikanischen Präsidenten, Harry S. Truman, der kurz zuvor das Amt des verstorbenen Franklin D. Roosevelt übernommen hatte sowie den britischen Premier Clement Attlee, Nachfolger des legendären Winston Churchill. Alle Staats- und Regierungschefs bezogen damals mit ihren Außenministern, großen Beraterstäben und hochrangigen Militärvertretern Quartier in Brandenburg, um zu verhandeln.
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Wiktor, der an der Universität in Wroclaw (das frühere Breslau) forscht und lehrt, nannte ein weiteres Ziel der damaligen „Drei-Mächte-Konferenz“ nach dem Krieg:
„Deutschland soll völlig abgerüstet und demilitarisiert, wirtschaftlich und administrativ dezentralisiert und das politische Leben demokratisiert und entnazifiziert werden. Die deutschen Kriegsverbrecher sollen bestraft werden.“ Praktische und theoretische Fragen seien dennoch bis heute geblieben: „Ein Friedensabkommen, das bis heute nicht abgeschlossen wurde.“

Russischer Botschafter warnt vor „Geschichtsverfälschung“

Diese und weitere Reden lassen sich in einem neuen Sammelband finden, den der „Initiativkreis 75 Jahre Potsdamer Konferenz“ jetzt herausgegeben hat. Laut einer dazugehörigen Presseinformation des Verlags „Welttrends“ würdigte im August 2020 „eine Tagung in Potsdam das Jubiläum dieses wichtigen internationalen Ereignisses, das nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges die Grundlagen der Nachkriegsordnung schuf. Es handelte sich durchaus nicht um eine geschichtswissenschaftliche Fachtagung. Historiker, Publizisten, Politiker und Vertreter der Öffentlichkeit betrachteten in ihren Beiträgen das Thema von unterschiedlichen Gesichtspunkten. (…) Seit kurzem liegen die anregenden Texte nun als Sammelband vor.“
Darin zu finden u. a. SPD-Urgestein, Publizist und Friedensaktivist Albrecht Müller, die ostdeutsche Journalistin und Publizistin Daniela Dahn oder auch Russlands Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew. In dessen Grußbotschaft heißt es:
„Die in Potsdam vereinbarte strategische Friedenslösung erwies sich als weitsichtig und wirkungsstark, legte den Grundstein dafür, dass die Welt seit 75 Jahren ohne globalen Krieg lebt“, sagte der russische Diplomat. „Die Konferenzbeschlüsse haben Voraussetzungen für die darauf erfolgte Gründung der UNO und des Weltsicherheitsrats als universeller Mechanismen der internationalen Diplomatie und Friedensicherung geschaffen.“
Gleichzeitig kritisierte er heutige westliche Politik, „die Erinnerung erneut zum Schüren von Vorurteilen, zur gezielten Geschichtsfälschung missbraucht. Jeglichen Versuchen, der politischen Konjunktur zuliebe die Rolle des sowjetischen Volkes in seinem aufopferungsvollen Kampf gegen den Nazismus der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, den entscheidenden Beitrag unseres Landes zur Befreiung Europas zu vertuschen, muss entschlossen entgegengetreten werden.“
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Präsident Putins Feierlichkeiten zum 75. Jubiläum

Netschajew erinnerte an Feierlichkeiten in Russland unter Präsident Wladimir Putin zum 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg: „Dieser Krieg war der blutigste in der Menschheitsgeschichte und hat die Sowjetunion 27 Millionen Menschenleben gekostet. Hundertausende sowjetischer Gefallener haben ihre letzte Ruhestätte auf deutschem Boden gefunden. Wir wissen die Fürsorge der deutschen Seite für diese Grabstätten zu schätzen. Das ist ein ebenfalls wichtiger Beitrag zur Sache der historischen Aussöhnung und des Vertrauens zwischen Deutschen und Russen. (…) Man darf diese wichtige Dimension unserer bilateralen Beziehungen nicht erodieren lassen. Denn sie gilt als wichtige Grundlage der Stabilität und Sicherheit in Europa und weltweit.“
Die frühere ARD-Korrespondentin in Moskau, Gabriele Krone-Schmalz, nannte im vergangenen Jahr als Teilnehmerin der Tagung eine Wahrheit, die ihr zufolge seit der Potsdamer Konferenz nicht an Gültigkeit verloren hat. „Politik braucht sehr wohl einen moralischen Kompass, sonst wird sie zur reinen Machtpolitik; aber wenn politische Konflikte moralisch aufgeladen werden, dann wirkt das polarisierend, vermindert die Kompromissbereitschaft, führt oftmals zu einer völlig falschen Wahrnehmung der eigentlichen Probleme und kann sogar die Geltung von Rechtssystemen untergraben.“

„Illegaler Krieg in Jugoslawien untergrub alte Vereinbarungen“ – Wimmer

Bei „Potsdam“, blickte Willy Wimmer (CDU) als langjähriger Parlamentarischer Staatsekretär im Verteidigungsministerium unter Bundeskanzler Helmut Kohl zurück, „muss es sich um einen Zwischenschritt gehandelt haben“.
Denn: Mit dem „völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien vom Frühjahr 1999 wurde die UN-Charta in ihrer Substanz zerstört. Der Krieg kam wieder nach Europa zurück. Ein amerikanischer Präsident (Donald Trump, Anm. d. Red.), der gewissermaßen ‚androht‘, sich mit Russland verständigen zu können, wird von der gesamten westlichen Kriegskoalition geradezu vernichtet. Die aktuellen Ereignisse um Herrn Nawalny und Belarus machen deutlich, dass Chancen zu einer einvernehmlichen und friedlichen Ordnung in Europa bewusst ausgeschlagen werden.“
Wimmer nannte weitere historische Fakten. „Mit der Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 wurde in Mitteleuropa die Rolle der traditionellen Hegemonialmächte England und Frankreich in Frage gestellt. Man konnte nicht mehr schalten und walten, wie man es gewohnt war. Aus Amerika sah man die Gefahr einer engen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland.“
Gabriele Krone-Schmalz (Archivbild) - SNA, 1920, 18.03.2021
Gabriele Krone-Schmalz zum Fall Nawalny und dem Feindbild Russland in deutschen Medien

Kurz nach Hitlers Niederlage: „Antifa-Aktivisten der ersten Stunde“

Angesichts des Jubiläums „75 Jahre Potsdamer Konferenz“ sollte die heutige Weltpolitik sich wie folgt orientieren, fordert Historiker Peter Brandt, Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt und wie jener einst heute ebenso SPD-Mitglied. „Wir brauchen internationale Verständigung, ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem und Abrüstung, in Gang zu setzen durch eine neue Entspannungspolitik. Ich teile dieses Anliegen voll und ganz. (…) Es herrscht unter Historikern weitgehend Einverständnis darüber, dass der militärische Zusammenbruch des Jahres 1945 einen der tiefsten Einschnitte in der neueren, namentlich deutschen Geschichte markiert (…).“
Brandt erinnerte an den Holocaust, an Leid, Elend und Verbrechen der faschistischen Machthaber. „Nach dem Inferno der letzten Kriegsphase schien Deutschland 1945 über weite Strecken verwüstet. Die Innenstädte glichen teilweise einer Trümmerlandschaft. Millionen Ostflüchtlinge aus den jetzt Polen bzw. der Sowjetunion zugeschlagenen Gebieten strömten in die Besatzungszonen.“
Außerdem warf er ein Licht auf linke und kommunistische „Aktivisten der ersten Stunde“ im besiegten Deutschland: „Teilweise in direkter Kontinuität zum Widerstand und meist aus den Reihen der sozialistischen Arbeiterbewegung unterschiedlicher Ausrichtung, organisierten sich in mindestens fünfhundert Orten – bisweilen noch kurz vor der Besetzung und unabhängig voneinander –Antifaschistische Ausschüsse bzw. größere Organisationen.“ Darunter provisorische Betriebsräte, Gewerkschafts- und Parteigründungszirkel. „Die Antifa-Ausschüsse und die provisorischen Betriebsräte wirkten in allen vier Besatzungszonen elementar gesellschaftsstiftend, indem sie die solidarische Wiederingangsetzung der materiellen Lebens- und Produktionsbedingungen in die Hand nahmen und erste Maßnahmen gegen ‚die Nazis‘ durchführten.“
Dieser Ansatz sei in gewisser Hinsicht eine reduzierte Variante der Arbeiter-, Volks- und Soldatenräte von 1918/19 gewesen. Die „Antifas“, „wie die Amerikaner sie nannten, wurden in aller Regel spätestens im Sommer 1945 von den Militärregierungen oder den Auftragsverwaltungen aufgelöst. (…) Die diesbezüglichen Eingriffe waren keineswegs unpopulär; auch im Westen Deutschlands dominierte anfangs eine antikapitalistische Grundstimmung.“
Ewige Flamme am Monument an die Opfer des Zweiten Weltkrieges in Moskau - SNA, 1920, 29.04.2021
Neue deutsche Falken im 80. Jahr des „Fall Barbarossa”?

Die Teilung Deutschlands wurde vorbereitet …

Außerdem hatten die USA „einen Tag vor Beginn der Konferenz erstmals erfolgreich eine Atombombe getestet“. Laut Brandt begann vor diesem Hintergrund im Juli 1945 die Potsdamer Konferenz.
Sie war im Wesentlichen eine Fortsetzung der Konferenzen von Teheran und vor allem Jalta, als sich die Anti-Hitler-Koalition auf der Krim getroffen hatte. Für Deutschland einigten sich die „Großen Drei“ auf „die Einrichtung von vier Besatzungszonen, also einschließlich einer französischen, mit einem Alliierten Kontrollrat als Klammer, außerdem auf eine gründliche Entmilitarisierung und Entnazifizierung“.
Beschlossen wurden in Potsdam „der Abbau kriegswichtiger Industrie in Deutschland und das Verfahren, nach dem die Reparationsleistungen aufgeteilt werden sollten. Danach sollten die Ansprüche der Sieger hauptsächlich aus der jeweiligen Besatzungszone befriedigt werden. (…) Bis zum Konferenzende wurde auch unter Beteiligung einer polnischen Delegation über die polnische Westgrenze diskutiert. Unstrittig war eine erhebliche Westverschiebung Polens, über die man sich, wie gesagt, schon früher verständigt hatte, nicht aber über deren Ausmaß.“

… um deutsche Konkurrenz auszuschalten?

„Die Kriegsziele der Regierungen Englands und der USA unterschieden sich grundsätzlich von denen der Sowjetunion. Sie strebten zwar auch danach, Deutschland und seine Verbündeten zu besiegen, um die Gefahr der deutschen Weltherrschaft zu beseitigen und ihre Unabhängigkeit zu verteidigen.“ Das analysierte Anton Latzo, Professor für internationale Beziehungen und Geschichte, auf der Jubiläums-Tagung des Initiativkreises im August 2020
Die bei den Alliierten „herrschenden Kreise dachten jedoch vor allem an die Schwächung Deutschlands als politischen Rivalen, militärischen Gegner und gefährlichen Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Ihnen ging es weniger darum, den Faschismus und die Reaktion in Deutschland und anderen Ländern zu vernichten. Sie beabsichtigten, den Krieg auszunutzen, um ihren Einfluss auf eine möglichst große Anzahl von Ländern in allen Teilen der Welt auszudehnen, ihre Herrschaft in der Nachkriegszeit zu errichten. An eine Organisation gleichberechtigter Staaten haben sie nicht gedacht.”
v.l.n.r.: Winston Churchill, Franklin D Roosevelt, Josef Stalin auf der Konferenz von Jalta 1945 - SNA, 1920, 13.08.2021
Mauerbau 1961: Teil 1 - Wie die Alliierten die Fundamente bereits 1943 legten

„Kluge Partnerschaften“: Deutschland, Russland und China

Der Bundestagsabgeordnete Alexander Neu (Die Linke), Obmann im Verteidigungsausschuss, äußerte zum sicherheitspolitischen Erbe von „Potsdam“ mit Blick auf gegenwärtige finanzielle Verpflichtungen der Bundesrepublik innerhalb der Nato:
Mit dem Geld, was das Land derzeit für Militärausgaben verwende, könnten sich „alle deutschen Kommunen entschulden und hätte noch sieben Milliarden übrig für neue Schwimmbäder oder sanierte Schulen“. Aber dafür sei „leider kein Geld“ da, weil es für die Aufrüstung gebraucht werde, um „deutsche Großmachtambitionen“ zu befriedigen, kritisierte er.
„Ich halte es für klug, wenn Deutschland und Europa auch mit Russland und den asiatischen Ländern versuchen, einen Modus Vivendi zu finden. Die Wirtschaftsstraße von China bis Duisburg halte ich für eine große Herausforderung und eine große Chance. Bislang sind die deutschen Eliten allerdings dabei, das zu dämonisieren.“ Auch die deutsch-russische Pipeline Nord Stream 2 sei zu begrüßen.
Die US-Regierung übe „massiven Druck auf die Europäer aus, sich zum transatlantischen Pakt so stark zu bekennen, dass es auch einen abgeschotteten Wirtschaftsraum ohne Russland und China gibt“, bemängelte der Linken-Politiker. „Eine Isolation russischer und chinesischer Wirtschaftstätigkeiten wird zunehmend angestrebt (Sanktionen gegen chinesische Unternehmen, starker Druck in Bezug auf Nord Stream 2). Und die Europäer sollen sich in die ‚richtige‘ Richtung, d.h. USA entscheiden. Die Mainstreammedien hinterfragen diese Entwicklung nicht, sondern unterstützen sie eher noch.”
Europa könne auf Dauer nur stark und handlungsfähig sein, „wenn die Europäische Union und Russland zusammenarbeiten“, wird dem Sammelband ein Zitat von Matthias Platzeck (SPD), Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums und ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg, vorangestellt. „Nur mit Russland als Partner wird Europa sein politisches Gewicht in der Welt behaupten können. Und nur gemeinsam mit Russland werden wir die großen globalen Zukunftsaufgaben bewältigen können.“
Bis heute gebe es „keine gesamteuropäische Sicherheitsordnung“, bedauerte er. „Noch immer stehen wir vor der Aufgabe, den Frieden in Europa dauerhaft zu machen.“
Initiativkreis 75 Jahre Potsdamer Konferenz (Hrsg.): „75 Jahre Potsdamer Konferenz: Höchste Zeit für Neubesinnung auf Entspannung und friedliche Zusammenarbeit“, Verlag „Welttrends“, Potsdam, erste Auflage August 2021, 156 Seiten, 9,80 Euro. Der Sammelband ist im Handel erhältlich oder kann direkt beim Verlag bestellt werden.
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