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 - SNA, 1920
Afghanistan
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Nach Afghanistan-Debakel: „Westen gibt einheitliche Weltordnung auf“ – Politologe Münkler

© SNA / Vera GolossowaFreiheitsstatue in New York (Archivbild)
Freiheitsstatue in New York (Archivbild) - SNA, 1920, 15.09.2021
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Mit der Niederlage in Afghanistan will US-Präsident Joe Biden auch eine „Ära großer Militäroperationen zur Umgestaltung anderer Länder“ beenden. Damit werde auch die Vorstellung einer einheitlichen Weltordnung verschwinden, die auf bestimmten Werten beruht, sagt Konfliktforscher Herfried Münkler voraus.
„Wir müssen aus unseren Fehlern lernen“, sagte Biden am 31. August in seiner Rede an die Nation nach dem Ende des Afghanistan-Einsatzes. Bei dieser Entscheidung sei es aber nicht nur um Afghanistan gegangen. „Es geht darum, eine Ära großer Militäroperationen zur Umgestaltung anderer Länder zu beenden.“ Er warnte, Washington werde weiterhin Militante ins Visier nehmen, die eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellen, aber sein Militär nicht mehr einsetzen, um zu versuchen, „demokratische Gesellschaften an Orten aufzubauen, an denen es sie nie gegeben hatte“.

Westen gibt einheitliche Weltordnung auf

Die Erklärung von Biden sei in der Sache eindeutig: Die USA würden keine Prozesse des „nation-building“ mehr mit militärischen Mitteln unterstützen, sagte der deutsche Geopolitik-Experte und Politikwissenschaftler, Herfried Münkler, in einem Online-Pressegespräch mit dem „Verein der ausländischen Presse“ (VAP) am Montag. Der Westen habe das Projekt einer globalen Ordnung tendenziell aufgegeben. „Die Vorstellung einer einheitlichen Weltordnung, die auf bestimmten Werten und Normen beruht, wird verschwinden“, glaubt der emeritierte Konfliktforscher von der Humboldt-Universität. Denn es koste den Westen zu viel, seine Vorstellungen vor allem in arabischen Ländern durchzusetzen.
Afghanistan-Experte Reinhard Erös - SNA, 1920, 11.09.2021
Afghanistan
Afghanistan-Experte: „Kein einziger Talib war an islamistischen Anschlägen im Ausland beteiligt“
Die Beziehungen mit Russland und China seien von vornherein schwierig gewesen. Moskau und Peking hielten Münkler zufolge an dem Begriff der Souveränität fest. Doch das sei eine Kategorie, bei der es unmöglich sei, „eine wertefundierte, normen getriebene Weltordnung“ durchzusetzen. „Und wenn man Souveränität sagt, dann sagt man auch immer: Die Frage der Werte ist Einmischung in die inneren Angelegenheiten, wie man das sowohl aus Moskau und Peking hört. Es war also klar: die gehen sowieso einen anderen Weg. Der Konflikt um diese Fragen lohnt sich eigentlich nicht“, erklärt Münkler weiter.

Warum die Nato in Afghanistan scheiterte

Doch in Afghanistan, an der Peripherie von China und Russland, hätte der Westen versucht zu zeigen, „dass man sehr wohl so etwas hinbekommt“. Nun sei der Westen aus Sicht des Politologen nicht von den Taliban* geschlagen worden – „dazu wären die gar nicht in der Lage gewesen“. Aber der Westen sei mit der Machtübernahme der Islamisten und dem chaotischen Abzug „ermattet“. Die militärischen Einsätze würden zu teuer.

„Unsere schnellen Gesellschaften sind dann unterlegen, wenn die Gegenseite es schafft, die Fortdauer der Zeit in eine strategische Ressource zu verwandeln.“

Herfried Münkler
Politologe und Konfliktforscher

Universelle Werte gegen wechselseitige Interessen

Münkler lässt Zweifel daran aufkommen, ob es denn tatsächlich sogenannte „universelle Werte“ gibt. Jede Seite habe seine eigenen Werte, so der Experte. „Und je mehr diese Seite versucht den Rest an Koalitionsfähigkeit, Werte und Normen zu binden, desto stärker kommt sie in Nachteile." So stehe der Westen „mit seinen Werten“ schlechter da, als andere, die auf wechselseitigen Interessen aufbauende Abmachungen beispielsweise mit den Taliban treffen würden.
„Das wird sicherlich Lernprozesse auslösen, die dahin führen, nun, die Frage stellen wir zurück. Wir behaupten zwar weiterhin, dass unsere Werte universell sind, aber wir werden ihre Universalität nicht selber generalisieren“, so der Konfliktforscher.
Taliban-Kämpfer in Kabul - SNA, 1920, 18.08.2021
Afghanistan
Westen in Afghanistan komplett gescheitert? Warum Kabul kampflos an Taliban fiel – Konfliktforscher
Nach der Aufgabe der einheitlichen Weltordnung durch den Westen erwartet Münkler, dass sich auch der Einfluss von Nichtregierungsorganisationen relativieren wird. „Es wird ein System herauskommen, das man in der europäischen Geschichte als Pentarchie bezeichnet - also die Herrschaft von Fünfen.“ Dazu zählt der Geopolitik-Experte China und die USA als bedeutendsten Wirtschaftsmächte sowie die Atommacht mit der größten Landbrücke, Russland. Als vierte Weltmacht soll sich ihm zufolge Indien etablieren und die Europäer als fünfte Macht, „wenn sie sich ein bisschen reformieren und in der Lage sind, wirklich auch Außenpolitik zu machen“.
* Unter anderem von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Russland, Tadschikistan, Belarus) als Terrororganisation eingestuft, deren Tätigkeit in diesen Ländern verboten ist.
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