Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

„Das ist fast schon tragisch“ - Merkel-Biograf Bollmann benennt das Erbe der Kanzlerin

© SNA / Igor Sarembo / Zur BilddatenbankBundeskanzlerin Merkel
Bundeskanzlerin Merkel - SNA, 1920, 07.09.2021
Abonnieren
Am Dienstag hat Kanzlerin Angela Merkel wahrscheinlich Ihre letzte Rede im Bundestag gehalten. Die Ära der Kanzlerin läuft allmählich ihrem Ende entgegen. Doch was hinterlässt sie nach ihrer 16-jährigen Kanzlerschaft? Das weiß Merkel-Biograf und „FAZ“-Korrespondent, Ralph Bollmann.
Deutschland habe weltpolitisch enorm an Gewicht gewonnen in den 16 Jahren der Regierungszeit von Angela Merkel. Doch das habe Merkel gar nicht angestrebt, sagte Buchautor Ralph Bollmann in einer Pressekonferenz des „Vereins der Ausländischen Presse“ (VAP) am Dienstag in Berlin. „Das ist ihr zugefallen durch Eurokrise und andere Dinge. Sie hat es auf eine Art und Weise gemanagt, die für Europa und die Welt sehr verträglich war - gerade durch ihre zurückhaltende Art“, so Bollmann.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz auf einer Pressekonferenz vor Gesprächen in Berlin, den 31. August. - SNA, 1920, 31.08.2021
Herr Kurz, was bleibt für Sie nach der Ära Merkel? Österreichs Bundeskanzler findet lobende Worte

Doch was hinterlässt die Kanzlerin?

Innenpolitisch hinterlasse Merkel einen Reformstau. „Wir haben bei der Corona-Krise und bei der Flut genau gesehen, was in Deutschland alles nicht gut funktioniert hat: Von der öffentlichen Verwaltung über den Föderalismus, bis zur Bildung, Digitalisierung, Altenpflege und ähnliche Themen. Das sind Sachen, die sie in ihrer langen Regierungszeit nicht angepackt hat“, erklärte der Experte für Wirtschaftspolitik der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Und das sei „fast schon tragisch“. Denn sie sei vor ihrer Amtseinführung im Jahr 2005 als eine „Kanzlerin der Veränderung“ angetreten. Durch die großen Krisen - wie die Euro-, Migrations- und Corona-Krise - „wurde sie zu einer Kanzlerin des Bewahrens“, sagt der Merkel-Biograf.
„Merkel hatte ein ambitioniertes Reformprogramm, als sie 2005 in den Wahlkampf gegangen ist. Die Wahl hätte sie aber fast verloren, weil die Deutschen eben nicht so eine große Lust auf Veränderungen hatten. Und seitdem hat sie sich damit doch sehr zurückgehalten – zumindest auf diesem wirtschafts- und sozialpolitischen Gebiet“. Doch eigentlich habe Merkel persönlich den „Veränderungsunwillen der Deutschen“ immer kritisch gesehen, meint Bollmann.
Den Widerspruch zwischen ihrem politischen Handeln und ihrer Einstellung erklärt er mit den großen Krisen, die die Welt seit 2008 erlebte. Diese hätten ihr einfach wenig Zeit und Energie übriggelassen haben, um sich um andere Themen zu kümmern. So beschreibt er Merkel in seinem Buch als die „Krisenkanzlerin“ und zieht dabei Parallelen zu Helmut Schmidt (SPD).

Merkel als "Verteidigerin der liberalen Demokratie"

Doch mit der Ankunft der Flüchtlinge im Spätsommer 2015 habe sich dies geändert – „wenigstens bei einem Teil der Bevölkerung“, schreibt Bollmann in seinem Buch. Merkel habe Deutschland nicht länger von den „Weltläufen“ abschirmen wollen. Sie habe polarisiert, selbst „im Konflikt zwischen nationaler Abwehr und Weltoffenheit“.
„Dem Ruf ‚Merkel muss weg‘ einer lautstarken Minderheit stand eine noch immer beträchtliche Popularität in einer breiten gesellschaftlichen Mitte gegenüber, die vom liberalen Flügel der Unionsparteien bis weit ins rot-grüne Spektrum reichte“, so der Autor. „Das hing mit einer neuen Spaltung der westlichen Gesellschaften zusammen, die sich in Deutschland später vollzog als andernorts.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel - SNA, 1920, 18.07.2021
„Feige, ohne Mut und Strategien“: Merkels außenpolitische Ära endet – Politik-Magazin
Wie jeder Politiker habe Merkel hier im Schnittpunkt von Interessen und übergreifenden Kräften der Geschichte gehandelt. Dabei sei sie in ihren Entscheidungen, wie jeder ihrer Vorgänger, nicht frei gewesen: „Der globale Großkonflikt zwischen liberalen Kosmopoliten und ängstlichen Protektionisten überschattete die letzten Jahre ihrer Kanzlerschaft, ließ die Regierungschefin allerdings zu einer vorher nicht gekannten Form der Deutlichkeit finden: Nun galt sie als eine der letzten Verteidigerinnen der liberalen Demokratie“, heißt es im Vorwort der Merkel-Biografie.
Ralph Bollmann ist studierter Historiker und wirtschaftspolitischer Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Bereits im Jahr 2013 hatte er ein Buch über Angela Merkel und die Deutschen verfasst. Für die aktuelle Biografie hatte er zahlreiche Gespräche mit Zeitgenossen und Weggefährten von Angela Merkel geführt.
Ralph Bollmann: „Angela Merkel: Die Kanzlerin und ihre Zeit“, „C.H.Beck“, 23. August 2021, 800 Seiten, 29,95 Euro.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала