Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Sie nannten ihn Knautschgesicht und Baby – Frankreich und die Filmwelt trauert um Jean-Paul Belmondo

© AP Photo / Laurent CiprianiJean-Paul Belmondo
Jean-Paul Belmondo - SNA, 1920, 06.09.2021
Abonnieren
Der französische Schauspieler Jean-Paul Belmondo ist in Paris im Alter von 88 Jahren verstorben. Ein Schlaganfall, den er 2001 erlitt und von dem er sich zunächst gut zu erholen schien, bedeutet de facto doch das Ende seiner Karriere. Zeitlebens galt er den Franzosen als raubeiniger Gegenentwurf zum Schönling Alain Delon. Ein Nachruf.
Frankreich ist zwar das Herz der Modeindustrie, die immer noch ganz gut mit dem schönen Schein lebt und damit weltweit Sehnsüchte, Essstörungen und Schönheitsoperationen verursachen kann. Aber die Franzosen haben ihr Herz beileibe nicht nur an die vermeintlich perfekten Gesichter und Körper verloren. Die leidenschaftliche Hingabe etwa, mit der die französische Gesellschaft 2017 den damals mit 73 Jahren nach jahrzehntelangem Kettenrauchen an Lungenkrebs verstorbenen Johnny Hallyday zu Grabe trug, sprach Bände über das besondere Verhältnis der Franzosen zu den kantigen, kratzigen oder auch kauzigen und kaputten Typen der Grande Nation.
Es darf vermutet werden, dass beim Begräbnis von Jean-Paul Belmondo nicht Hunderttausende die Straßen von Paris säumen, wie beim Abschied von Hallyday. Aber schon die Reaktionen der ersten Stunde nach Bekanntwerden der Todesnachricht von Belmondo demonstrierte, welche immense Bedeutung dieser Schauspieler für die französische Gesellschaft hatte und darüber hinaus.

Sie nannten ihn liebevoll „Bébel" – Aber er war alles andere als ein „Baby"

Denn umgehend wurde das Internet mit seinem Spitznamen geflutet: „Bébel", ein kleines Wortspiel mit der ersten Silbe seines Familiennamens, was sich auf Deutsch mit Baby übersetzen lässt. Es war eine Liebeserklärung, und die ganze Bedeutung dessen wird erst deutlich, wer sich in Erinnerung ruft, dass der andere große Schauspielstar Frankreichs seiner Generation keinen Spitznamen erhielt: Alain Delon. Die Franzosen mochten auch ihn, aber Belmondo war ihr Liebling. Wahrscheinlich, weil er dem Durchschnittsfranzosen mehr zu ähneln schien als der in seiner Jugend beinahe unwirklich attraktiv wirkende Delon, dessen Augen immer eine gewisse Kälte und Borniertheit ausstrahlten.
Режиссер Альфред Хичкок на Каннском кинофестивале, 1972-й год - SNA, 1920, 07.07.2021
Archiv-Fundstücke: Die Filmfestspiele von Cannes
Belmondo sah nicht nur wie ein Rummelboxer aus, er bekam sein Markenzeichen bei Boxkämpfen verpasst - seine mehrfach gebrochene Nase. Als 13-Jähriger hatte er aus reiner Lust an diesem Kampfsport angefangen in den Ring zu steigen. Es reizte ihn, dass man bei diesem Sport „viel zu zahlen hatte, um zu gewinnen“, wie er später einmal erklärte. Er bemühte sich gar nicht erst, geheimnisvoll und zurückhaltend zu wirken, sondern war der Typ des „Hoppla, hier bin ich“. Der Ruf des Draufgängers aus der Vorstadt, der um keinen lockeren Spruch verlegen ist und sich von niemandem dumm kommen lässt, schien ihm auf den Leib geschrieben, legte er doch eine Schüler-„Karriere“ hin, die in anderen Familien schnell Polizei und Jugendamt auf der Türschwelle stehen lässt. Doch Jean-Paul Belmondo war das ganze Gegenteil eines kulturlosen Proleten.

Aus einer Künstlerfamilie stammend auf seinem eigenen Weg in die Kunst

1933 als zweites von drei Kindern eines in Frankreich ziemlich bekannten Bildhauers und einer Tänzerin im traditionellen Pariser Quartier des französischen Bildungsbürgertums, Neuilly-sur-Seine geboren, erlebte er, dass große Namen der französischen Kunst- und Kulturszene im Elternhaus ein- und ausgingen. Sein Vater ließ sich nicht von den ständigen Schulwechseln seines Zweitgeborenen beirren, die durch Belmondos für eine normale Durchschnittsschule nicht unbedingt kompatibles Temperament erzwungen wurden, sondern förderte die künstlerischen bzw. kreativen Talente, die er in und an seinem Sohn auszumachen schien.
Kameramann - SNA, 1920, 13.02.2021
„Die drei Musketiere“ in Frankreich bald neu verfilmt – Teil des Drehteams bereits bekannt
Belmondos älterer Bruder war lange sein Manager und Produzent seiner Filme. Seine jüngere Schwester schlug die Tanzlaufbahn ihrer Mutter ein. Jean-Paul Belmondo aber wusste erst nach einem Kuraufenthalt wegen einer TBC-Erkrankung, dass er Schauspieler werden wollte. Weder eintöniges Tingeln mit einer Amateurtheatertruppe noch eindringliches Abraten durch erfahrene Schauspieler konnten ihn von diesem Ziel abbringen. Am Pariser Konservatorium lernte er andere junge, angehende Schauspieler kennen, die nicht nur berühmte Kollegen wurden, sondern auch Freunde fürs Leben, unter anderen Annie Giradot, Jean-Claude Brialy oder Jean Rochefort.

„C'est vraiment dégueulasse!“ – Ein unflätiger Satz macht ihn weltberühmt

1960 sollte ein Zufall wie ein Katapult wirken. Viele der verehrten Kritiker der Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“, die das bisherige etablierte französische Kino verrissen hatten, wurden aus Frustration selbst Regisseure und begründeten die berühmte „Nouvelle Vague“, eine Epoche, in der französisches Kino Weltgeltung erlangen sollte. Unter den jungen Filmemachern neuen Typs war auch Jean-Luc Godard. Der damals 29-Jährige besetzte 1960 einen 26-jährigen, weitgehend unbekannten Schauspieler mit der Hauptrolle seines ersten Films.
Élysée-Palast während der Amtseinführung von Emmanuel Macron (Archivbild) - SNA, 1920, 31.05.2021
Frankreich – das Land der mächtigen Präsidenten und eines immer zum Protest bereiten Volkes
Die Rolle des Kleinganoven Michel Poiccard in „Außer Atem“ machte Jean-Paul Belmondo auf einen Schlag weltberühmt. Weniger wegen seiner Physiognomie, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem Knautschgesicht angeblich untauglich fürs Kino sein sollte, wie ihm immer wieder gesagt worden war, sondern wegen eines Satzes, der zum Smells-like-teen-spirit-Moment der 60er Jahre werden sollte. Als er wegen des Verrats seiner Freundin Patricia niedergeschossen wird, kann er am Ende noch in die Kamera hauchen: „C'est vraiment dégueulasse!“ In der deutschen Synchronisation wird aus „Das ist wirklich ekelhaft!“, der beinahe schon filmikonische Satz „Du bist wirklich zum Kotzen!“
Der enorme Ruhm, den dieser Film weltweit auslöst, schmeichelt dem jungen Belmondo einerseits, andererseits ist er klug genug zu begreifen, dass dieser frühe Erfolg auch eine Falle sein kann. Deshalb wirkt er 1961 in einem Interview beinahe schon abgeklärt, als er auf die Frage nach spezifischen Zielen, inmitten von mannshohen römischen Statuen stehend, erklärt:
„Ich versuche mit jeder Rolle besser zu werden, um ein großer Schauspieler zu werden und nicht nur ein Mythos.“
Jean-Paul Belmondo
in einem Fernseh-Interview 1960

Mit Fleiß und Energie baut er an der Karriere des Action-Heldes mit großer Klappe

Er ist dann doch beides geworden. Geradezu fanatisch dreht er bis 1964 ganze 28 Spielfilme und probierte sich dabei in verschiedenen, vollkommen gegensätzlichen Charakterrollen aus. In dieser Zeit wird auch sein Ruf als Idealbesetzung für das Genre der Abenteuerfilme geboren, den er noch dadurch steigert, dass er viele seiner Stunts ohne Double dreht, was die Filmversicherungsfirmen regelmäßig in den Wahnsinn treibt.
In den 70er Jahren hat sich das Image des coolen, charmanten, sprücheklopfenden Draufgängers, der jede noch so halsbrecherische Verfolgungsjagd makellos übersteht, derart gefestigt und wird durch die Rollenauswahl Belmondos noch verstärkt, dass ihm die Kritiker Manierismus vorwerfen.
In den 80ern gelingt ihm mit dem Actionthriller „Der Profi“ noch einmal ein weltweiter Erfolg. Ein Unfall 1985, bei einem Stunt für „Der Boß“, verursachte eine Kopfverletzung, die einiges in Belmondos Kopf durchgerüttelt zu haben schien. Er nahm nicht nur Abschied vom inzwischen zum Klischee gewordenen Rollenbild des Klamauk-Actionhelden, sondern in der Rückbetrachtung gesehen vom Filmgeschäft an sich, denn er nahm kaum noch Angebote an, sondern spielte stattdessen wieder Theater, vor allem aber frönte er seiner anderen Leidenschaft, dem Autorennsport.

Immer in Bewegung – Nicht nur auf der Leinwand

Auch wenn die ganz großen Preise der Industrie, also Oscar und Golden Globe für seine rund 100 Filme ausblieben, den französischen Oscar, den César und die Top-Trophäen der Filmfestivals von Cannes und Venedig konnte er sich in sein Heim stellen. Das teilte er mit einigen Frauen. Doch nur mit wenigen blieb er wirklich lange zusammen. Mit seiner ersten Ehefrau Renée schenkte er drei Kindern das Leben. Er vergnügte sich fast acht Jahre lang mit der Leinwanddiva Ursula Andress und hielt es weitere sechs Jahre mit seiner dritten Ehefrau Nathalie aus.
Julia Ducournau - SNA, 1920, 17.07.2021
Goldene Palme des Filmfests Cannes für „Titane” der Französin Ducournau
Ob am Scheitern dieser dritten Ehe die Folgen des Schlaganfalls Mitverantwortung trugen, den er 2001 erlitt, ist nicht bekannt. Bekannt ist hingegen, dass ihn dieser Schicksalsschlag den Rest seines Lebens mehr beschäftigen sollte, als ihm lieb war, denn die halbseitige Lähmung führte zu motorischen Beeinträchtigungen, die ihn bis zum Schluss an einen Gehstock zwangen, beim Gehen und Sprechen behinderten, ganz gleich, wie sehr er sich auch bemühte, wieder halbwegs der Alte zu werden.
Aber er wurde nur noch alt, allerdings mit einer gewissen Grandezza. Als er 2008 noch einmal in „Ein Mann und sein Hund“ auf die große Leinwand zurückkehrt, wird vor allem die enorme Disziplin Belmondos von Kritikern und Publikum gewürdigt, die für die Bewältigung dieser schauspielerischen Herausforderung von seinem Körper verlangt wurde.

Die letzten Jahre und der Versuch, in Würde zu altern

2014 setzt ihm sein Sohn Paul mit dem Dokudrama „Belmondo von Belmondo – Eine Hommage an den Vater“ ein Denkmal zu Lebzeiten. Paul nimmt seinen Vater in diesem 90-minütigen Streifen mit auf eine Reise zu den wichtigsten Stationen seiner Karriere.
2017 erhält Jean-Paul Belmondo einen Ehren-César für sein Lebenswerk. Und auch wenn er sich grandios auf der Bühne hält, die stehenden Ovationen der versammelten Creme der französischen Filmindustrie im Pariser Konzerthaus Salle Pleyel genießt und mit eiserner Disziplin seine Dankesrede hält, für alle Zuschauer ist offenkundig, dass Jean-Paul Belmondo nie wieder der Alte sein würde.
Am Ende wurde es still um den Schauspieler, der Lärm zu genießen schien. Ob er unglücklich war damit, ist nicht bekannt. Bekannt ist ein Lebensmotto von Jean-Paul Belmondo, das ihm möglicherweise durch die Höhen und Tiefen seines 88 Jahre währenden Lebens half:
„Die meisten Menschen sind unglücklich, weil sie vom Glück zu viel verlangen. Der Ehrgeiz ist der größte Feind des Glücks, denn er macht blind.“
Jean-Paul Belmondo
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zollte Jean-Paul Belmondo seinen Tribut.
Deutsch: "Er wird immer als "Le Magnifique" bekannt sein. Jean-Paul Belmondo war ein nationaler Schatz, voller Schwung und Lachen, mit einer hohen Stimme und einem geschmeidigen Körper, ein erhabener Held und eine vertraute Figur, ein unermüdlicher Draufgänger und ein Magier der Worte. In ihm haben wir uns alle wiedergefunden."
Au revoir, Bébel.
Newsticker
0
Neueste obenÄlteste oben
loader
Live
Заголовок открываемого материала
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала