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„Europa hatte keinen Che Guevara, es hatte Mikis Theodorakis“ – Zum Tod des griechischen Musikstars

CC BY-SA 2.0 / Πρωθυπουργός της Ελλάδας / Wikimedia CommonsDer griechische Komponist Mikis Theodorakis (Mitte) im Mai 2010 in der griechischen Hauptstadt Athen mit den damaligen Regierungschefs der Türkei Erdogan (links) und Papandreou (rechts) beim Versuch, eine Versöhnung zwischen Griechen und Türken zu erreichen.
Der griechische Komponist Mikis Theodorakis (Mitte) im Mai 2010 in der griechischen Hauptstadt Athen mit den damaligen Regierungschefs der Türkei Erdogan (links) und Papandreou (rechts) beim Versuch, eine Versöhnung zwischen Griechen und Türken zu erreichen. - SNA, 1920, 03.09.2021
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Der wahrscheinlich bedeutendste griechische Komponist der Neuzeit, Mikis Theodorakis ist tot. Er starb im Alter von 96 Jahren in Athen. Theodorakis war allerdings mehr als nur ein weltbekannter Komponist. Er galt generationsübergreifend als ein nationales Symbol Griechenlands. Ein Nachruf.
Komponisten haben es schwer, Nationalhelden zu werden, und das auch noch zu Lebzeiten. Sie können geliebt werden, ja. Ihre Kompositionen können Gassenhauer werden, ja. Aber sie selbst echte Helden? Nicht einmal Verdi, dessen opulente Chöre den italienischen Befreiungsbewegungen der letzten 150 Jahre als Soundtrack dienten, der die Italiener noch heute mitreißen kann, nicht einmal Verdi ist ein echter Nationalheld, er ist ein Symbol des Nationalstolzes, aber kein Nationalheld.
Ganz im Gegensatz zu Mikis Theodorakis. Er lehrte die stolzen Griechen eine andere Form Stolz, wenngleich nicht alle Griechen dieses Geschenk von ihm annahmen. Nationalstolz ohne Überheblichkeit, ohne übertriebenes Pathos, ohne Rachegefühle, sondern mit Würde und der Bereitschaft zur Vergebung.
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Die besondere Position von Mikis Theodorakis in Griechenland ist ohne seine marxistischen Grundüberzeugungen nicht vorstellbar, was für sich genommen bereits bemerkenswert ist, weil die Linke in Griechenland zwar stark, aber keineswegs unumstritten war und ist. Theodorakis war zeitlebens ein überzeugter Linker. Aber er war auch Genussmensch und doch kein Salonkommunist, der hart arbeitenden Menschen mit einer Cohiba im Mund das Paradies auf Erden ohne Ausbeutung versprach, allerdings erst in einer nicht näher zu bestimmenden Zukunft.

Mikis Theodorakis – Der ewige Widerstandskämpfer

Der Mythos Mikis Theodorakis in Griechenland beruht vor allem auch darauf, dass dieser Intellektuelle, dieser Schöngeist, keine Scheu hatte, sich die Finger schmutzig zu machen, nichts Geringeres als sein Leben in die Waagschale zu werfen, wenn es darum ging, seine Heimat, seine Traditionen, Prinzipien zu verteidigen, die der Menschheit als Blaupause für eine demokratisch verfasste Gesellschaft eines selbstbewussten, nicht obrigkeitshörigen Volkes dienen.
Mit 18 wird Mikis Theodorakis, der am 29. Juli 1925 auf der Insel Chios in der nördlichen Ägais geboren wird, das erste Mal verhaftet. Ein Jahr nachdem er in Tripolis, der Hauptstadt des Peloponnes sein erstes Konzert gegeben hatte. Da war der Zweite Weltkrieg in vollem Gang und seine Heimat im Würgegriff der sogenannten faschistischen Achsenmächte Deutschland, Italien und Bulgarien. Theodorakis wählt den Widerstand und erlebt in der Haft sofort die Gräuel von Folter.
Seine Zugehörigkeit zur griechischen Volksbefreiungsarmee soll auch seine marxistische Weltanschauung begründen, befördern und zementieren. Er kämpft gegen die britische Einmischung in die politischen Nachkriegsgeschehnisse in Griechenland, wird zweimal verhaftet und brutal gefoltert, unter anderem zweimal lebendig begraben. Doch er wird nicht gebrochen, obwohl er bei seiner Entlassung nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

Mikis Theodorakis – Musik als Medizin für die eigene Heilung

Sein Vater verkauft seinen Besitz, um seinem Sohn helfen zu können. Ein Job als Musiklehrer verschafft Mikis Theodorakis schließlich für eine Weile die Stabilität in seinem Leben, die er braucht, um dann heiraten und 1959 ein Musikstudium in Paris mit Auszeichnung abschließen zu können. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt schon eine Reihe von Kompositionen vorzuweisen. Ein 20 Jahre zuvor geschriebenes Lied war die offizielle Hymne des Widerstandes in der griechischen Marine während des Zweiten Weltkrieges. Theodorakis konnte beim Studienabschluss bereits ein sinfonisches Werk vorweisen, das manche Komponisten in ihrem ganzen Berufsleben nicht schaffen. Theodorakis‘ Musik erlebt in diesen ersten Jahren seiner Karriere zahlreiche internationale Aufführungen und Ehrungen.
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1958 und 1960 werden seine Tochter und sein Sohn geboren. Das Glück schien Theodorakis reich zu beschenken. Er kehrte nach Griechenland zurück und begann eine sieben Jahre andauernde Schaffensphase, in der er sich vor allem auf griechische Musiktraditionen besinnt und konzentriert, was auch jenes Werk hervorbringen sollte, mit dem er Weltruhm erlangte: die Musik für den Film „Alexis Sorbas“, 1965 mit einer Nominierung für den "Golden Globe" in der Kategorie "Beste Filmmusik" geehrt.

Mikis Theodorakis – Erneuter Widerstand gegen die griechische Militärdiktatur

Doch dann bricht der Putsch und die sich anschließende Diktatur der faschistischen Obristen erneut wie eine Naturgewalt in sein Leben. Theodorakis schließt sich umgehend dem Widerstand an, geht in den Untergrund, wird verhaftet, erneut gefoltert. Die Obristen hielten ihn und seine Musik für so gefährlich, dass alleine schon der Besitz einer Theodorakis-Platte strafbar war. Im KZ Oropos erkrankt Theodorakis 1969 lebensgefährlich an Tuberkulose. Nur eine massive internationale Protest- und Solidaritätskampagne, an der sich eine Reihe von Weltstars des Kunst- und Kulturbetriebes beteiligen, bewirkt 1970 seine Freilassung und Überführung nach Paris.
Doch auch während der Diktatur entstehen Kompositionen von Theodorakis, unter anderem die Filmmusik für den Streifen „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ seines Freundes Constantin Costa-Gavras. Theodorakis nimmt in Paris umgehend wieder Aktivitäten in Angriff, den Widerstand gegen die Obristen in Athen vom Ausland aus zu organisieren. Er trifft sich mit Politikern wie Salvador Allende, Gamal Abdel Nasser, Josip Broz Tito, Francois Mitterand, Olof Palme oder Willy Brandt. Als Zeichen seiner unbedingten Unabhängigkeit tritt er 1972 aus der Kommunistischen Partei Griechenlands aus und wird bis an sein Lebensende in keine Partei mehr eintreten. Im Pariser Exil entsteht ein zweites Werk, das die Weltgeltung von Mikis Theodorakis begründete: „Canto General“, die monumentale Vertonung des berühmten Gedichtzyklus‘ des chilenischen Nationaldichters und Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda, dem Theodorakis ein Jahr vor dessen Tod in die Hand versprochen hatte, sein lyrisches Hauptwerk in Musik zu verwandeln.
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Das Ende der faschistischen Diktatur in Athen, 1974, bringt eine triumphale Rückkehr von Theodorakis mit sich, dem alle Türen in seinem Land offenstehen, auch die der großen Politik. Allerdings stellt sich schnell bei ihm Ernüchterung ein und er schwankte immer häufiger zwischen Phasen energischen Engagements und resignativer Stille. Er nutzt diese Phasen, um sich endlich den höheren Weihen des Komponistendaseins zu widmen, der Oper. Fünf sollen es am Ende werden. Und drei Ballette, die zu den vieren hinzukommen, die Theodorakis bereits bis 1959 geschaffen hatte.

Mikis Theodorakis – Zwischen unermüdlichem Engagement und Resignation

Im Alter bleibt Theodorakis widerständig, wird aber auch widerborstiger und widersprüchlicher. Er lässt sich 1990 tatsächlich überreden, in die konservative Regierung Mitsotakis als Staatsminister ohne Geschäftsbereich einzutreten. Das hält er aber nur zwei Jahre durch und hat 1994 ganz grundsätzlich genug von seiner Rolle als aktiver öffentlicher Person. Zuvor gelingt ihm aber noch eine Sache, die ihm sowohl Bewunderung und Respekt, aber auch unbändigen Hass einbringt. Er setzt sich erneut, zusammen mit dem populären türkischen Musiker Ömer Zülfü Livanelli, öffentlichkeitswirksam für eine Aussöhnung zwischen Griechen und Türken ein. Das Engagement ist kein Zufall, denn Theodorakis und Livanelli hatten schon 1986 die „Griechisch-Türkische Freundschaftsgesellschaft“ gegründet.
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Ab Mitte der 90er Jahre konnte Mikis Theodorakis wegen diverser gesundheitlicher Beeinträchtigungen nur noch bedingt als Dirigent seiner Kompositionen in Erscheinung treten, meldete sich aber immer noch regelmäßig mit Äußerungen zur Tagespolitik zu Wort, die sowohl Jubel als auch Ablehnung auslösten, aber niemanden kalt ließen, sei es sein Protest gegen die Nato-Bombenangriffe auf Jugoslawien, die Behandlung von PKK-Chef Abdullah Öcalan oder der Irakkrieg.

Mikis Theodorakis – Widerständig, aber auch widersprüchlich

Für langanhaltende, jahrelange Kontroversen sorgten Äußerungen des Komponisten zur Politik Israels, die 2003 vom Zentralrat der Juden Griechenlands als Antisemitismus verurteilt wurden, was Theodorakis zurückwies. Interviewaussagen von ihm im Jahr 2011 befeuerten diesen Vorwurf aber erneut, als er sich als Antisemit bezeichnete, kurz darauf aber klarstellte, dass er Antizionist sagen wollte. Der Konflikt wurde 2011 mit einem Brief von Theodorakis an den Zentralrat der Juden Griechenlands beigelegt. Die Theodorakis-Fangemeinde hatte diesen Streit sowieso von Anfang an als gezielte Diffamierungskampagne mit Hilfe eines gewollten Missverständnisses kritisiert.
Den Schlussstein in das Monument vom unbeugsamen Widerstandskämpfer mit überragendem Kompositionstalent setzte Mikis Theodorakis 2012, als er 87-jährig in Athen in einem Rollstuhl sitzend an den Protesten gegen die rücksichtslose und von den Griechen als gezielte Demütigung empfundene Politik der sogenannten Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds teilnahm und durch den Einschlag einer Tränengasgranate in seiner unmittelbaren Nähe eine schwere, lange nicht heilen wollende Gesichtsverletzung erlitt.
Die Liste der weltweiten Ehrungen für Mikis Theodorakis ist lang. Noch länger ist die Liste der Lieder, die er komponierte und die sich nach mehr als 1000 bemisst. Es darf angenommen werden, dass sein Tod zu einem Wiederaufleben der Verkaufszahlen von „Alexis Sorbas“ führen wird. Ob „Sorbas der Grieche“ und „Sorbas‘ Tanz“ aber noch einmal jene Spitzenplatzierungen erreichen werden wie jenen siebten Platz in Deutschland, 1965 oder den Platz 1 in Österreich im gleichen Jahr, wird sich zeigen müssen.
Aber unabhängig davon wird auch weiter gelten, was der unvergessene Roger Willemsen 2006 postulierte:
„Europa hatte keinen Che Guevara, es hatte Mikis Theodorakis.“
Roger Willemsen
Aus dem Buch "Gute Tage", 2006
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