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„Wir sind moralisch verletzt“ – Afghanistan-Veteran rechnet mit Merkel ab

© REUTERS / HAUKE-CHRISTIAN DITTRICHNach der Rückkehr aus Afghanistan: Bundeswehrsoldaten auf dem Flugplatz in Wunstorf
Nach der Rückkehr aus Afghanistan: Bundeswehrsoldaten auf dem Flugplatz in Wunstorf - SNA, 1920, 24.08.2021
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Der Vorsitzender des „Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte“ (PAO), Marcus Grotian, wirft der Bundesregierung gravierende Versäumnisse sowie „unterlassene Hilfeleistung“ angesichts der dramatischen Lage in Kabul vor. Als Afghanistan-Veteran zeigt er sich beschämt über den Umgang Deutschlands mit den afghanischen Hilfskräften.
"Wir sind als Verein, der versucht Ortskräften zu helfen, und als Menschen, überwältigt und verbittert in einem Maße, dass wir es nicht in Worte fassen können“, sagte der Vorsitzende Marcus Grotian am Dienstag in Berlin. Die Hauptverantwortung für die dramatische Lage in Kabul nach der Machtübernahme durch die Taliban* sieht er vor allem bei dem Bundeskanzleramt und der Kanzlerin Angela Merkel. Auf Briefe des Vereins sowie Lösungsvorschläge habe es aus dem Ministerium keine Reaktionen gegeben. Dabei hätte es vor allem dort die Möglichkeit gegeben, zwischen den Ministerien zu vermitteln. „Da es uns klar war, dass die verschiedenen Ministerien sich da gegenseitig blockieren. (..) Das Bundeskanzleramt hätte eingreifen können, aber hat es nicht getan hat“, so Grotian in der Bundespressekonferenz.
Der Verein wirft den deutschen Regierungsvertretern vor, zu spät mit der Rückführung der Ortskräfte begonnen zu haben. Zudem seien Personen mit „bürokratischen Tricks“ von der Antragberechtigung sowie aus den „Listen“ entfernt worden. „Und sie werden auch nicht drauf kommen, denn das ist bürokratisch nicht vorgesehen“, betont der Vorsitzende. Seinen Schätzungen zufolge handelt es sich insgesamt um 8000 Ortskräfte und deren Familienangehörige. Er wisse allerdings nicht, wie viele dieser bereits in Deutschland sind.
Die Bundesrepublik sei das einzige Land, das eine zeitliche Ortsbegrenzung habe. „In diesen Minuten werden Menschen abgelehnt am Flughafen Kabul, weil sie nicht auf Listen stehen, weil sie in einer Zeit für ein Ressort gearbeitet haben, was nicht bürokratisch erfasst ist“, kritisiert der Bundeswehroffizier.

Veteran: „Das ist beschämend“

„Wir sind überwältigt von der Fassungslosigkeit, weil Regierungsparteien und Politiker die Warnungen missachtet, die Hinweise und Lösungsmöglichkeiten ignoriert, die Verantwortlichkeiten abgeschoben haben und bis heute die eigenen Verfahren und Handlungen loben“, empört sich Grotian.
Im Jahr 2011 war der Bundeswehrsoldat nach eigenen Angaben selbst im afghanischen Kunduz stationiert. Er wisse, warum viele Veteranen derzeit von den Ereignissen in Afghanistan „retraumatisiert“ seien:

Wir sind moralisch verletzt. Wir sind nicht vom Vorgehen der Taliban verletzt, denn Taliban waren Gegner. Der Gegner tut Dinge, die uns überraschen sollen. Deshalb ist er unser Gegner. Wir sind von unserer eigenen Regierung moralisch verletzt. Und das ist beschämend.

Die militant-islamistischen Taliban haben nach der faktischen Einnahme des Landes den Krieg in Afghanistan für beendet erklärt und eine allgemeine Amnestie verkündet. Dennoch versuchen viele Afghanen, ihr Land nach Kräften zu verlassen. Seit dem Start ihrer Evakuierungsaktion habe die Bundeswehr fast 3000 Menschen aus Kabul ausgeflogen, teilte das Verteidigungsministerium am Montag mit. Darunter waren laut dem Auswärtigen Amt mehr als 1800 Afghanen.
*Unter anderem von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Russland, Tadschikistan, Belarus) als Terrororganisation eingestuft, deren Tätigkeit in diesen Ländern verboten ist.
Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan

Am Hindukusch waren in den vergangenen fast 20 Jahren insgesamt über 150.000 Soldaten der Bundeswehr im Einsatz. Sie waren in der Regel je vier bis sechs Monate im Einsatz. 59 deutsche Militärs kamen dort ums Leben, 35 von ihnen wurden im Gefecht oder durch Anschläge getötet. Das war bislang der höchste Blutzoll, den Deutschland in Auslandseinsätzen zu beklagen hat. Denn in anerkannten ausländischen Missionen, an denen sich die Bundeswehr seit 1992 beteiligt, sind insgesamt 115 deutsche Soldaten gestorben, so das Militär der Bundesrepublik.

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