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Ungarn macht den Unterschied - Gedanken zum Besuch des russischen Außenministers Lawrow in Budapest

© CC0Budapest (Archiv)
Budapest (Archiv) - SNA, 1920, 23.08.2021
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Am 24. August startet Außenminister Lawrow mit einer Reise, die ihn zuerst nach Ungarn führt. Auf Einladung seines Amtskollegen Peter Szijjártó ist er Festredner der ungarischen Botschafterkonferenz, bevor es nach Wien und Rom weitergeht. Unsere Gastautorin macht sich ihre eigenen Gedanken, warum Lawrow seine Reise ausgerechnet in Budapest beginnt.
Wer Ungarn wenigstens ein bisschen verstehen und vor allem das bemerkenswerte Selbstverständnis der Magyaren von ihrem Land in der Welt ergründen möchte, denen rate ich zu dem genialen Gedicht „Ungarische Schöpfungsgeschichte“ von Peter Hammerschlag. Dieser Dichter und Kabarettist aus Wien wurde 1941 in Auschwitz ermordet, wie Millionen andere seiner Zeitgenossen. Wo der Humor abhanden kommt, beginn das Totalitäre. Das Schicksal von Hammerschlag spiegelt diese triste Wahrheit wider, die Europa öfter beherrschte.
Hammerschlags Humor ist von psychologischer Tiefe, wie es nur die kluge Ironie vermag. Dafür muss man reich im Geiste, also geistreich sein. In der Ode an Ungarn als das Alpha und das Omega der Menschheitsgeschichte, von der Genesis über die Antike bis in die Hochkultur, beschreibt Hammerschlag die ungarische Seele. Ich kann dieses Gedicht dutzende Male hören und komme immer wieder zu dem Schluss, dass es keine bessere Analyse von Ungarn und dessen Platz in der Welt gibt.

Das Selbstbild und die Tragödie

Denn Ungarn, das ist die Ausnahme. Eine Sprache, die nichts, aber wirklich überhaupt nichts mit den großen Sprachfamilien ihrer Nachbarn zu tun hat. Lange Kapitel der Fremdherrschaft, die vergangene Größe überschatten und eine ziemlich brutale territoriale Aufteilung nach dem Ersten Weltkrieg im Vertrag von Trianon, der Millionen Ungarn jenseits der ungarischen Staatsgrenzen zur Folge hatte. Trianon steht seither für die nationale Tragödie und prägt seit den 1990er Jahren die Außenpolitik der Ungarischen Republik. Denn Politik wird in Budapest stets auch für die ungarische Diaspora gemacht, ob in der Ukraine oder in Südosteuropa. Eine der ersten Amtshandlungen von Premier Viktor Orbán war, als dieser 2010 neuerlich Regierungschef wurde, Trianon zum nationalen Trauertag zu erklären. Das Datum ist tief in der ungarischen Geschichtsschreibung verwurzelt
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Diplomatie via Bildschirm ist keine Diplomatie
Genauso heftig gebeutelt hat der Aufstand im Herbst 1956 Generationen von Ungarn, die immer wieder für ihren Freiheitswillen auf die Barrikaden gingen und alles riskierten. Der Blutzoll, den jene Generation 1956 bezahlte, war sehr hoch. Tausende kamen bei den Kämpfen ums Leben, als die Rote Armee ins Land rollte und die Hoffnungen der jugendlichen Revolutionäre unter Panzerketten zerrieb. Während die USA freie Hand in der Suez-Krise hatte, weil die Sowjetunion dort nicht intervenierte, ließ man selbige in Ungarn gewähren. Es war ein Kuhhandel der Großmächte, der ernüchterte. Die Ungarn begriffen damals wieder, dass sie meist allein dastehen. Hunderttausende flüchteten und gingen in die Emigration.
Im Schlussreim der Ungarischen Schöpfungsgeschichte heißt es: „Ungarherz hat viel zu leiden, steht im Hintergrund bescheiden, zupft sich kleines Lied auf Zitha‘, extra Hungariam non est vita." (Übersetzung aus dem Lateinischen: Jenseits von Ungarn gibt es kein Leben - Anm.d.Red)
Die drei Konstanten der ungarischen Selbstwahrnehmung vereinen sich hier: auserwähltes Volk, allein gelassen, Selbstmitleid.

Die ahistorische EU

Zur Geschichtsvergessenheit der Funktionäre unserer Zeit passt ihr ständig wiederholter Vorwurf, Ungarn wäre nicht europäisch genug. Dabei haben gerade die Ungarn mit ihrer Leidenschaft für Literatur und der steten Bereitschaft, für die Freiheit alles zu riskieren, Europa im wahrsten Wortsinn gelebt. Diese Risikobereitschaft existiert schon ein paar Kilometer weiter westlich, also zum Beispiel in Österreich nicht mehr. Mut kann man bekanntlich nicht kaufen. Während in Österreich im Frühjahr mehrfach bloß verkündet wurde, demnächst gäbe es den Impfstoff "Sputnik V", entschlossen sich die Ungarn zu einer nationalen Zulassung und mussten sich wieder einen Rüffel aus Brüssel gefallen lassen. Das ließ die Ungarn aber ziemlich kalt. Viel schwerer wiegen die Verfahren zur Rechtsstaatlichkeit, gemäß Artikel V, auf Basis des Vertrags von Amsterdam aus dem Jahr 1997, die Ungarn nun in offene Konfrontation zur EU-Kommission in der Frage LGBT und Schulunterricht gebracht haben.
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Auch in Bezug auf die Energiepolitik lässt sich Ungarn nicht die Vorgaben machen, die andere einfordern. Die Erfahrungen mit dem kurzfristigen Stopp von South-Stream 2014 sitzen vielen noch in den Knochen, denn der Druck aus Brüssel kippte Zehntausende Aufträge und Arbeitsverträge im Land. Anders als Polen und die baltischen Staaten fährt der Nato-Staat Ungarn einen ziemlich selbstständigen Kurs im Dreieck USA-EU-Russland. Zudem begab sich Budapest als einer der ersten EU-Staaten in eine strategische Partnerschaft mit China, die wiederum dafür sorgt, dass die Ungarn EU-Papiere zu China gerne auch mal blockieren.
In Budapest trifft man auf sehr eigenständige Minister, die sich von Drohungen, von welcher Seite auch immer, nicht so rasch einschüchtern lassen. Das machte bilaterale Gespräche für mich als österreichische Außenministerin umso interessanter, denn der Gedankenaustausch bot meist Substanz und tiefsitzende Überzeugungen, auch wenn man unterschiedlicher Meinung war. Meine Zusammentreffen mit dem eloquenten und humorvollen Außenminister Szijjártó habe ich in guter Erinnerung.

Die wunderbare ungarische Sprache

Als das österreichische Außenministerium zu Beginn der 1990er Jahre Kurse für Sprachen der Nachbarländer anbot, meldete ich mich sofort für Ungarisch-Lektionen. Diese ganz besondere Sprache zog mich ebenso an wie die Steppe, die bereits östlich von Wien für mich immer auch den Duft der Weite in sich barg. Dies hat wohl auch damit zu tun, dass es hier an einem Meereszugang fehlt.
Und die ungarische Sprache ist ein ganz besonderes Universum, die allen Unkenrufen zum Trotz immer noch da ist. Lateinische Begriffe wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts umfassend aus dem ungarischen Wortschatz verbannt. Es wurde eben alles und jedes magyarisiert. Vielleicht war dies auch eine subtile Rache an der ziemlich hochnäsigen Prognose des deutschen Philosophen Johann Gottfried Herder, der 1770 meinte, dass die Sprachen der kleineren Völker in Europa aussterben würden, so auch das Magyarische. Doch nein, beim Attila, das lassen die rebellischen magyarischen Freigeister nicht zu!
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In der Endphase der großen Völkerwanderung, vor rund einem Jahrtausend, zogen gemeinsam mit den Ungarn viele andere Völker vom Altai-Gebirge über den Ural bis nach Pannonien, also in die ungarische Steppe. Darunter waren auch Awaren und Skythen. Ihre Sprachen sind verschwunden, das Ungarische mit seiner faszinierenden Grammatik aber hat überlebt. Wie Wortgebilde in dieser Sprache zusammengefügt werden, ist faszinierend. Meine kleine Hypothese lautet, diese Worte sollten bei den langen Ritten nicht verloren gehen. Und wer Ungarn sagt, muss auch ungarische Pferde sagen, denn ohne selbige wäre die ungarische Geschichte erst gar nicht in die Weltgeschichte getreten. Was immer an Reitkultur sich im Laufe der Jahrhunderte etabliert hat, neben der klassischen Dressur der persischen Antike und den Meistern aus Neapel, die ungarischen Züchter und Reiter haben hier ihren Anteil. Das Habsburgerreich wäre unter dem Feldherren Prinz Eugen ohne diese ungarische Kavallerie kaum zur Donaumonarchie geworden. In der Geschichte lässt sich schwelgen.

Ungarn im Hier und Heute

Doch zurück ins geplagte 21. Jahrhundert. Eine Woche nach dem Fall von Kabul stellen sich auch für die ungarische Diplomatie und die ungarische Armee wichtige Fragen. Geplant war mit dem Nato-Abzugskalender, dass ungarische und türkische Einheiten den Flughafen von Kabul kontrollieren. Die Welt präsentiert sich heute wieder völlig anders.
Die Tatsache, dass der russische Außenminister Sergej Lawrow der Festredner der diesjährigen ungarischen Botschafterkonferenz ist, zeigt den hohen Grad an Vertrautheit zwischen Moskau und Budapest. Angesichts der Ereignisse des 20. Jahrhunderts ist dies umso interessanter, denn 1956 waren die Verhältnisse andere. Entspannung geht mit Selbstbewusstsein einher. Und daran mangelt es in Ungarn nicht.
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