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Gendermedizin und Covid-19: Mehr Fälle, aber weniger schwere Verläufe bei Frauen

© CC0 / MaximeUtopix / PixabayMaskenpflicht (Symbolbild)
Maskenpflicht (Symbolbild) - SNA, 1920, 21.08.2021
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Frauen fangen sich häufiger das SARS-Coronavirus-2 ein, aber sie erkranken seltener schwer oder tödlich als Männer. Insbesondere gilt dieser Trend für die Zeit, in der das Hormonsystem der Frauen aktiv ist. Aus Sicht von Gendermedizinern ist das ein Grund, solche Unterschiede endlich mehr in medizinischen Studien zu berücksichtigen.
Im Juli kritisierte eine Forschergruppe, dass in Covid-19-Studien nicht genügend nach Geschlechtern unterschieden werde, obwohl sich die Geschlechtszugehörigkeit auf die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung auswirke: „Frauen sind häufiger als Männer als Pflegekräfte tätig und arbeiten häufiger in Berufen mit viel Kontakt zu Kund*innen und Auftraggeber*innen. Dadurch steigt ihr Ansteckungsrisiko“, erklären sich die Studienautoren etwas, das sich statistisch zeigen lässt: Frauen sind häufiger von Covid-19 betroffen. Die Verfasser der Studie fordern deswegen, dass Geschlecht und die soziale Rolle – im englischssprachigen Raum Gender genannt – stärker in medizinische Studien einbezogen werden.
Allerdings zeigen die Statistiken auch etwas anderes: Männer entwickeln öfter schwere Verläufe und versterben häufiger an der Krankheit. Eine plausible Erklärung für dieses scheinbar paradoxe Verhältnis hat eine Forschergruppe um die Gendermedizinerin Ute Seeland gefunden. Ihre Hypothese geht in eine andere Richtung: in die der unterschiedlichen Biologie der Geschlechter. Dazu haben sie einen internationalen Datensatz mit Daten von insgesamt 60.000 Menschen beider Geschlechter untersucht, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hatten. Diesen Satz hatten sie dann in Altersgruppen aufgeteilt und sich angeschaut wie hoch der Anteil der Geschlechter und schwerer Fälle in diesen Gruppen war.

Frauen infizieren sich öfter, Männer sterben häufiger

„Wir haben dann gesehen, dass gerade die Frauen, die prämenopausal sind, also im Alter von 20 bis 60, vermehrt eine erhöhte Inzidenz von Covid-19-Erkrankungen hatten, das heißt sich vermehrt infiziert haben. Der Unterschied zwischen den Frauen und den Männern in dieser Altersgruppe beträgt ungefähr 15 Prozent. Was wir auch gesehen haben ist, dass die Mortalität bei den Männern in allen Altersgruppen höher war als von den Frauen“, so Ute Seeland, Gendermedizinerin an der Berliner Charité und Hauptautorin der Studie, gegenüber SNA. Dabei gelte: Vor der Geschlechtsreife und nach Einsetzen der Wechseljahre infizieren sich junge Mädchen und ältere Frauen etwa annähernd so oft wie gleichaltrige Männer. Was die Sterblichkeit betrifft, die schon erwähnte Mortalität, so nimmt diese bei beiden Geschlechtern ab einem Alter von 50 Jahren rapide zu – aber bei Männern deutlich steiler.
Das sind soweit Dinge, die auch an den Statistiken des Robert-Koch-Instituts abgelesen werden können, betont Seeland. „Der Unterschied ist nun, dass man aus geschlechtersensibler Sicht sehr gut sehen konnte, dass genau dieser Bereich, wo die Frauen hohe Östrogenspiegel haben, also der prämenopausale Bereich sich anders verhält als die Frauen, die peri- und postmenopausal sind – also so ab 60 und dann bis 85. Denn da gleicht sich die Wahrscheinlichkeit, dass man sich infiziert hat mit dem SARS-CoV-2 an“, so die Forscherin.
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Schützt Östrogen vor schwerem Covid-19?

Der Unterschied liegt aus Sicht der Forscher am weiblichen Hormon Östrogen sowie an der genetischen Ausstattung der Frauen. „Die Östrogen-Wirkung muss man sich so vorstellen, dass sie eher schützenden Charakter hat, bezüglich einer überschießenden Immunreaktion, die bei der Sterblichkeit von Männern eine Rolle gespielt haben“, erläutert Seeland den Unterschied. Bei Männern werden oft zu viele Botenstoffe der Klasse der sogenannten Zytokine produziert, die Immunzellen auf den Plan rufen und nicht nur die Infektion bekämpfen, sondern oft auch das umliegende Gewebe schädigen. Bei einer solchen gefährlichen Entgleisung des Immunsystems spricht man auch von einem Zytokinsturm. „Das Östrogen scheint da schützend zu wirken, in der Hinsicht, dass das Immunsystem der Frauen zwar schneller hochgefahren wird und deutlicher reagiert, aber auch wieder schneller runtergefahren werden kann und damit die gewebeschädigenden Einflüsse des Immunsystems oder Immunreaktion nicht so ausgeprägt sind“, betont die Forscherin.

Haben Zellen bei Frauen mehr Einfallstore für SARS-CoV-2?

Neben dieser hormonvermittelten Regelung des Immunsystems liegt aus Seelands Sicht ein wesentlicher Unterschied auch im zweiten X-Chromosom begründet, über das Frauen verfügen. Da das Gen für den ACE-2-Rezeptor, über den das SARS-Coronavirus-2 in Zellen eindringt, auf genau diesem Chromosom liegt, verfügen Frauen über das Gen also in zweifacher Ausfertigung pro Körperzelle, was sich natürlich auch auf die Produktion von ACE-2 auswirken könnte. Befinden sich aber mehr solcher Rezeptoren auf Körperzellen, so ist auch die Empfänglichkeit für den Infekt höher. Zudem soll Östrogen ebenfalls für eine erhöhte Produktion solcher Proteine in Zellen sorgen. Das X-Chromosom könnte andererseits aber auch einen zusätzlichen Schutz für Frauen bieten, denn auf diesem Chromosom sind auch eine Reihe weiterer Gene angesiedelt, die das Immunsystem regulieren – und bei Männern fehlen.
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Schützt Östrogengabe vor schweren Verläufen?

Am Ende bleibt diese biologische Sicht auf die Dinge aber eine plausible Hypothese, die sich neben die Grundannahme gesellt, dass Frauen einfach öfter in sozialen Berufen arbeiten und darum einem höheren Risiko ausgesetzt sind, sich zu infizieren. Am Ende könnte auch beides eine Rolle spielen.
Doch die Forscher haben noch eine weitere Untersuchung vorgenommen – und die könnte auch von Bedeutung für die Behandlung von Covid-19-Patientinnen sein. Sie haben im Datensatz die Frauen näher untersucht, die in den Wechseljahren waren und hier zwei Gruppen unterschieden: jene, die eine Hormontherapie in Anspruch genommen hatten und andere, bei denen das nicht der Fall war.

„Da haben wir eine erstaunliche Beobachtung gemacht. Denn die Frauen mit der Hormontherapie, die haben eine deutlich signifikant reduzierte Mortalität im Vergleich zu den Frauen, die die Hormontherapie nicht genommen haben. Damit hatten wir einen weiteren Hinweis aus diesem retrospektiven Datensatz dass die Östrogene eine wesentliche Rolle bei der Modulation des Immunsystems haben.“

Ute Seeland
Gendermedizinerin Charité Berlin
Die Mediziner sind auch dabei, Daten zu Männern zu untersuchen, die sich im Rahmen einer Geschlechtsumwandlung einer Hormontherapie unterziehen. Hier stehen Ergebnisse noch aus, nach der obigen Hypothese wäre aber zu erwarten, dass die Sterblichkeit bei ihnen verringert wäre.

Bei Medikamenten sind die Geschlechter oft nicht genug berücksichtigt

Ganz grundsätzlich appelliert Seeland an die Forschung, die Geschlechterunterschiede schon am Beginn der klinischen Studien ausreichend zu berücksichtigen. „In der medizinischen Versorgung sieht man besonders häufig Nebenwirkungen bei Frauen im Vergleich zu Männern. Und diese Aspekte werden dann im Nachhinein nochmal analysiert beziehungsweise genauer angeschaut. Und dann sieht man eben häufig, dass die Medikamentenentwicklung an männlichen Tieren erfolgt ist und auch die Phase-1-Studien an gesunden Männern erfolgte und die nächste Phase-2-Studie bzw. die weiteren klinischen Studien zwar auch an Frauen durchgeführt worden sind, aber in meistens sehr geringer Anzahl, sodass nachher die statistische Aussage zu der Dosierung, zu der Effektstärke der Wirkung und zu den Nebenwirkungen nicht gleichermaßen statistisch signifikant für beide Geschlechter ausgewertet werden kann. Und daher ist das Problem der Nebenwirkungsrate von Frauen bei sehr vielen Medikamenten sehr viel höher.“
Die Hintergründe könnten vielfältig sein. Sie beginnen mit der simplen Tatsache, dass weibliche Mäuse eher für die Zucht und männliche für Experimente eingesetzt werden. Auch die Vorstellung einer „zyklusbereinigten“ männlichen Normalmaus in der Wissenschaft könnte eine Rolle spielen. Bei menschlichen Studien-Teilnehmern haben sie vielleicht auch etwas mit männlichem Risikoverhalten zu tun, während Frauen mehr zum Abwägen und Zögern tendieren. Ein erster wichtiger Schritt, um mehr Probandinnen zu gewinnen, wären aus Seelands Sicht geschlechtsspezifische Fragebögen. Dann müssten Männer auch nicht mehr die Frage beantworten, ob sie gerade schwanger sind und Frauen könnte vermittelt werden, wie wichtig ihre Teilnahme ist, um Nebenwirkungen für beide Geschlechter ermitteln zu können.
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