Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde
 - SNA, 1920
Afghanistan
Aktuelle Nachrichten aus Afghanistan

Westen in Afghanistan komplett gescheitert? Warum Kabul kampflos an Taliban fiel – Konfliktforscher

© REUTERS / StringerTaliban-Kämpfer in Kabul
Taliban-Kämpfer in Kabul - SNA, 1920, 18.08.2021
Abonnieren
Vom Scheitern des Westens in Afghanistan ist die Rede, nachdem die Taliban* Kabul eingenommen haben. Die Schuld dafür sieht US-Präsident Biden bei der afghanischen Armee, die nicht bereit gewesen sei, „für sich selbst“ zu kämpfen. Das kritisiert Konfliktforscher Massarrat und spricht im SNA-Interview über die Rolle der Rüstungskonzerne.
US-Präsident Joe Biden hat zwar zugegeben, dass die USA das Tempo des Taliban-Vormarsches unterschätzt haben. Gleichzeitig verteidigte er seine Entscheidung zum Abzug der US-Truppen aus dem Land, trotz der überraschend schnellen Machtergreifung der Taliban in Afghanistan. Diese Ereignisse hätten bekräftigt, dass die Abzugsentscheidung richtig sei, sagte Biden am Montag in Washington. „Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu führen“, so der US-Präsident.
Über diese Aussage zeigt sich der Konfliktforscher Mohssen Massarrat, emeritierter Professor für Politik und Wirtschaft der Universität Osnabrück, zutiefst empört. „Es ist skandalös, dass hier Menschen verantwortlich gemacht werden, die überhaupt keine Verantwortung haben, sondern aus nachvollziehbaren Gründen sich entschieden haben, nicht gegen eigene Landsleute zu kämpfen und für die Nato zu sterben, sondern die Realitäten anzuerkennen und das Feld zu räumen“, so Massarrat.
Korruption und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der eigenen, westlich orientierten Regierung seien möglicherweise sogar die Hauptursache dafür gewesen, „warum die (afghanischen) Soldaten vor allen Dingen die, die im August – soweit ich weiß – noch nicht einmal ihren Sold bekommen haben, keine Lust hatten, ihr Leben zu opfern für eine korrupte Regierung und für die Nato“, meint der Politologe. Denn zahlenmäßig waren die afghanischen Sicherheitskräfte den Islamisten eigentlich weit überlegen. Rund 300.000 Kräfte bei Polizei und Armee standen Schätzungen zufolge etwa 60.000 Taliban-Kämpfern gegenüber.
Massarrat sei froh darüber, dass es nicht zu militärischen Auseinandersetzungen und zum „Blutbad“ gekommen sei. Dies habe aber nichts mit einem fehlenden Willen zu tun. „Ein Wille wozu?“, fragt der Friedensforscher.

„Um Nato-Interessen und Interessen des militärisch-industriellen Komplexes in den USA mit eigenem Leben zu bezahlen?“

Unterschiede in der Zielsetzung der Partner?

Im Tagesbefehl des Bundesverteidigungsministeriums zur Evakuierung in Kabul vom 17. August heißt es eindrücklich: „In den vergangenen 20 Jahren haben wir dafür gekämpft, dass von Afghanistan keine terroristische Gefahr mehr ausgeht. Und wir haben uns dafür eingesetzt, dass das Land eine Perspektive bekommt und dauerhaft Frieden finden kann. Die sichtbaren Fortschritte in Armee und Gesellschaft hatten uns Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung gegeben. Die afghanische Bevölkerung hatte durch unsere Präsenz in den vergangenen Jahren eine Chance auf Freiheit bekommen. (…) Dass es so wenig Widerstand bei ihrer Verteidigung gab, ist für uns ein Schock.“
Doch die Vereinigten Staaten sahen es überraschenderweise „etwas“ anders: Es sei nie Ziel des Einsatzes gewesen, dort eine geeinte Demokratie zu schaffen, betonte Biden. Das ursprüngliche Ziel des US-Einsatzes in Afghanistan, das Ausmerzen der Terrorgruppe Al-Kaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001, sei erreicht. Auch Bin Laden sei getötet worden, betont der US-Präsident.
Massarrat spricht von einer „Illusion“ und von einem „Selbstbetrug“, dem die Bunderepublik zum Opfer gefallen sei. Heute wüssten die Verantwortlichen ganz genau, dass es sich nicht um die Verteidigung der Menschenrechte und Sicherheitsinteressen Europas am Hindukusch gehandelt habe.

„Die westlichen Verbündeten haben sich unter Druck der USA dafür entschieden, in diesen Krieg einzutreten, und haben versucht, einen Vorwand zu finden für das, was sie taten. Und nun reden sie vom Scheitern.“

Doch ist der Westen tatsächlich komplett gescheitert?

Der Abrüstungsexperte Massarrat sieht auch Gewinner des Konflikts. Nach Angaben des Pentagons belaufen sich die Gesamtkosten des Afghanistaneinsatzes für die USA bis zum Jahr 2019 auf rund 776 Milliarden US-Dollar. Darin enthalten seien Angaben zufolge Kosten für die „Rekonstruktion“ von 137,9 Milliarden US-Dollar. Davon stelle der Wiederaufbau der afghanischen Sicherheitskräfte wiederum den größten Anteil mit über 80 Milliarden US-Dollar dar. Massarrat zeigt sich verwundert:

„700 Milliarden, nur um einen Menschen (Osama bin Laden) zu töten? Das ist doch Wahnsinn als Begründung!“

Diese Ausgaben seien aber nicht nur Verluste, sondern auch Gewinne zum großen Teil für den militärisch-industriellen Komplex der USA. „Insofern ist dieser Einsatz für den militärisch-industriellen Komplex nicht gescheitert, sondern war sehr gewinnbringend.“ Gescheitert sei der Einsatz für die „moralischen Werte des Westens“, unterstreicht der Wissenschaftler.
„Was hätte man mit diesem Geld für den Aufbau des Landes schon längst machen können, nachdem die Taliban-Regierung gestürzt worden waren?“ Der Krieg gegen den Terror sei in dieser Dimension nicht nur völkerrechtlich nicht gerechtfertigt, meint Massarrat, sondern sei vom „militärisch industriellen Komplex instrumentalisiert, gelenkt worden, um möglichst viel Waffen zu verkaufen“.
Die Lage in Afghanistan nach dem Machtwechsel - SNA, 1920, 16.08.2021
Afghanistan
Lage in Afghanistan nach Machtübernahme der Taliban

„Falsche Einschätzung“

Für die Lage in Afghanistan seien aus Sicht des Konfliktforschers eindeutig vor allem die westlichen Verbündeten verantwortlich. „Sie haben geglaubt, wenn sie viel Geld für Rüstung ausgeben, für (militärische) Ausbildung ausgeben, dann müsste es funktionieren, dass ein stabiler Militärapparat entsteht und dass ein Rechtsstaat entsteht.“ Dabei hätten sie völlig an der Realität der Stammesstrukturen, der Traditionen, der Verbindungen, der Menschen und ihrer Elite vorbei gedacht und gehandelt.
„Insofern ist es zu billig, zu sagen, wir haben die Lage falsch eingeschätzt. Die Verantwortlichen hätten überhaupt nicht begriffen, „in welchem Land man handelt und wofür“, bemängelt der Konfliktforscher.
Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte am Montag in Berlin, es gebe nichts zu beschönigen: „Wir alle – die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft – haben die Lage falsch eingeschätzt.“ Auch Kanzlerin Angela Merkel hatte sich der Analyse ihres Ministers ausdrücklich angeschlossen: „Da haben wir eine falsche Einschätzung gehabt. Und das ist nicht eine falsche deutsche Einschätzung, sondern die ist weit verbreitet.“ Es seien „keine erfolgreichen Bemühungen“ gewesen, erklärte Merkel im Hinblick auf die „Hoffnung“, Afghanistan zu Frieden, Demokratie und einer freien Gesellschaft zu führen.
Mohssen Massarrat wurde im Iran geboren und lebt seit 1961 in Deutschland. Er ist emeritierter Professor für Politik und Wirtschaft am Fachbereich Sozialwissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem der Nahe und Mittlere Osten, Energie-, Friedens- und Konfliktforschung. Er war für die Friedrich-Ebert- sowie Heinrich-Böll-Stiftung tätig. Seit dem Jahr 2002 ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von „Attac Deutschland“.

Das Interview mit Prof. Dr. Mohssen Massarrat zum Nachhören:

*Unter anderem von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (Armenien, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, Tadschikistan, Weißrussland) als Terrororganisation eingestuft, deren Tätigkeit in diesen Ländern verboten ist.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала