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Datenweitergabe an Internet-Riesen: Klage gegen „Spiegel“, „Zeit“ und andere

© AP Photo / Joerg SarbachSpiegel-Standort in Hamburg (Archivbild)
Spiegel-Standort in Hamburg (Archivbild) - SNA, 1920, 18.08.2021
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Die Datenschutz-NGO „NOYB“ legte Beschwerde gegen die Cookie-Paywalls von sieben großen Nachrichten-Websites ein. Es handelt sich um die des „Spiegels“, von „Heise“, dem „Standard“, der „Zeit“, der „Faz“ sowie von „Krone“ und „T-Online“.
Immer mehr Webseiten stellen ihre Leser vor die Wahl: Entweder der Datenweitergabe an mitunter hunderte Tracking-Unternehmen zustimmen (was den Seiten laut „NOYB“ ein paar Cent bringt) oder ein Abo (für bis zu 80 Euro pro Jahr) abschließen. Die vom österreichischen Datenschutz-Aktivisten Max Schrems gegründete NGO „NOYB“ („None Of Your Business“, zu Deutsch: Das geht Sie nix an) fragt: „Wie ‚freiwillig‘ ist eine Einwilligung, wenn man das zehn-, zwanzig- oder hundertfache des Marktpreises zahlen muss, um seine Daten zu behalten?“

Personalisierte Werbung sichert Überleben?

Medien finanzieren sich durch Werbung, Inserate, Abonnements, staatliche Unterstützungen oder Spenden. Auch online ist ein großer Teil der Werbung nicht personalisiert, genau wie bei Werbeeinschaltungen in Print-Produkten, im Radio oder Fernsehen. Während Medienhäuser mit direkt gebuchter und meist nicht personalisierter Werbung gutes Geld machen, werden die „Restplätze“ auf den Webseiten an Google, Facebook oder andere große Online-Giganten für ein paar Cent günstig veräußert. Die an sich wertvollen Nutzerdaten gehen dabei gleich mit auf die Reise zur Konkurrenz, die damit den größten Teil des Werbekuchens für sich behält.
Profit und Daten bleiben bei Google und Co. Laut einer Studie aus den USA bekommen Medien nur etwa vier Prozent der Mehreinnahmen durch die Datenweitergabe. In den Niederlanden macht der öffentlich-rechtliche Rundfunk online mehr Geld mit nicht-personalisierter Werbung als durch die Datenweitergabe an Tracking-Konzerne. Alan Dahi, Datenschutzjurist bei „NOYB“, kommentiert diesen Zustand:

„Viele Medienhäuser haben sich in eine toxische Abhängigkeit von großen Konzernen begeben. Sie verscherbeln die Daten und das Vertrauen ihrer Leser für ein paar Cent. Die großen Gewinne wandern trotzdem zu Google, Facebook und Co – genau wie die Daten.“

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Leser sollen Daten zum „Wucherpreis zurückkaufen”?

Nur etwa drei Prozent aller Nutzerinnen wollen laut „NOYB“ der Auswertung ihrer Daten zustimmen. Ausgehend von „Der Standard“ in Österreich haben immer mehr Medien eine „Pay or Okay”-Lösung für ihre Online-Präsenzen umgesetzt. Nutzer können nicht (wie in der DSGVO vorgesehen) „frei” entscheiden, ob sie einwilligen, sondern müssen ein Abo abschließen, wenn sie keine Einwilligung geben wollen.
„Nein“ zu sagen ist nicht nur aufwändig (man muss seinen Namen, Anschrift und Kreditkartendaten preisgeben), Nutzer müssen dafür auch tief in die Tasche greifen: Während die Datenweitergabe den Medienhäusern nur ein paar Cent pro Nutzerin bringt, verlangen „Der Spiegel“ oder die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Faz) laut „NOYB“ aktuell je 59,88 Euro pro Jahr, um Daten nicht weiterzureichen. „Die Zeit“ verlangt 62,40 Euro und „Der Standard“ 84 Euro pro Jahr für sein „Pur Abo” ohne Werbung.
Vergleicht man die aktuellen Umsätze von Medienhäusern mit diesen Preisen, zeigt sich das Ausmaß der „Wucherei“, wie „NOYB“ vorrechnet: „Der Spiegel“ würde, wenn alle Nutzer auf seiner Seite ein „Pur Abo“ abschließen würden, schon alleine damit einen Umsatz von etwa 1,2 Milliarden Euro machen. Tatsächlich kommt „Der Spiegel“ auf einen digitalen Erlös von ca. 76,9 Millionen Euro.
„Die Leute müssten mitunter das zehn-, zwanzig- oder hundertfache zahlen, damit ihre Daten nicht mehr weitergegeben würden. Man bekommt den Eindruck, dass es hier nicht um eine faire Alternative zur Einwilligung geht, sondern darum, teure Abos zu verkaufen”, so Alan Dahi.
Rechner (Symbolbild) - SNA, 1920, 06.08.2021
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Alternative zum Daten-„Verschleudern“

Die zunehmende Verbreitung dieser „Lösung“ beruht wahrscheinlich auch auf einer Entscheidung der österreichischen Datenschutzbehörde aus dem Jahr 2019, die in diesem „Pay-or-Okay“-System keinenVerstoß gegen die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) sieht. Allerdings wurde dieser Fall von einem Laien vor die Behörde gebracht und basiert laut „NOYB“ auf faktisch falschen Annahmen. Max Schrems und seine NGO haben dazu eine eindeutige Haltung und jetzt eine offizielle Beschwerde gegen diese Praxis eingereicht. Alan Dahi betont:

„Wir brauchen ordentlich finanzierte Medien. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass die Finanzierung unbedingt durch das Verschleudern von Userdaten an Google und Co. passieren muss. Innovative Werbesysteme, die Medienhäuser selbst betreiben und bei denen sowohl Daten als auch Gewinne bei den Qualitätsmedien bleiben, sind nicht nur rechtlich geboten, sondern wohl auch eine wirtschaftliche Überlebensfrage. Aktuell werden die ehemaligen Flaggschiffe der freien Presse zu Litfaßsäulen und Datensammlern für Google, Facebook und Co. Wir müssen wieder zu einem System kommen, wo der Leser der Werbung folgt, nicht die Werbung dem Leser.“

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