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 - SNA, 1920
Afghanistan
Aktuelle Nachrichten aus Afghanistan

Bleiben und arbeiten oder evakuieren und vergessen – So verschieden handelt die Welt in Afghanistan

© AP Photo / Rahmat GulDie Lage in Afghanistan nach dem Machtwechsel
Die Lage in Afghanistan nach dem Machtwechsel - SNA, 1920, 16.08.2021
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Der ebenso überraschend schnelle wie überraschend erfolgreiche Siegeszug der Taliban in Afghanistan hat zu mehr oder weniger fluchtartigen Evakuierungen von Botschaftspersonal vieler Staaten geführt. Doch es gibt auch Staaten, die ihre diplomatischen Aktivitäten in Afghanistan nicht abgebrochen haben.
Auf einmal ging alles schnell. Am 15. August übernahmen die Milizen der Taliban, rund 75.000 Mann, meist auf Motorrädern, die Hauptstadt Kabul. Binnen Wochen waren die Kämpfer in die meisten Provinzhauptstädte einmarschiert, ohne auf Widerstand der 300.000 Mann starken Truppen der Berufsarmee zu treffen, die von der Nato trainiert und ausgerüstet worden sind. Wer die Nato-Tweets der letzten drei Wochen liest, konnte den Eindruck gewinnen, in Brüssel gäbe es noch Zuversicht, dass der Friedensprozess auf Schiene wäre. Von Covid war in den Communiqués die Rede, nicht aber vom Fall Kabuls. Diese Fehleinschätzungen machen dann doch sprachlos.
Vereinte Nationen (Symbolbild) - SNA, 1920, 16.08.2021
Afghanistan
UN-Sicherheitsrat beruft dringende Sitzung ein: Lage in Afghanistan im Fokus
Im Vorjahr hatte die Trump-Regierung mit den Taliban in Katar verhandelt, um den US-Abzug vorzubereiten. Die Regierung in Kabul unter Präsident Aschraf Ghani war in die Gespräche nicht eingebunden. Das Resultat ist vage. Im Mai verfügte Präsident Joe Biden den definitiven Abzug der US-Truppen, die seit Herbst 2001 das Land okkupiert hatten. Ihr Auftrag lautete damals, die Taliban zu vertreiben und sämtliche Terrorbewegungen ebenso.

Afghanistan und der 11. September

Auslöser für die Invasion war die Serie terroristischer Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Keiner der 19 Attentäter hatte einen afghanischen Pass. Die sogenannten Schläferzellen saßen in Hamburg und in Florida, wo die Hobby-Piloten Flugstunden nahmen. Eine Kausalität mit Afghanistan herzustellen, schien mir damals gewagt. Auf einen solchen Anschlag zudem mit einer militärischen Operation zu reagieren, anstatt die eigentlichen Drahtzieher zur Rechenschaft zu ziehen, würde zum militärischen Desaster führen. Wenn schon zuschlagen, dann gegen jene Banken in Saudi-Arabien, die Al-Qaeda mitfinanzierten – in diesem Sinne sprach ich mich 2001 und die Folgejahre gegen diese Operation aus und wurde dafür entsprechend kritisiert. Das Fehlen grundlegender Geschichtskenntnisse und die Arroganz der handelnden Personen waren in all den Konferenzen spürbar, die ich damals in Wien, Brüssel oder auch Beirut erlebte.

Wie sollte ein militärischer Rückzug erfolgen

Wenn die politische Entscheidung für einen Truppenabzug gefallen ist, gilt es, diesen möglichst umsichtig zu organisieren. Dies kann in Phasen und einer geordneten Übergabe an die lokalen militärischen Kräfte, in dem Fall die afghanische Armee, erfolgen. Als die Sowjetunion 1989 nach zehnjähriger Präsenz ihre Truppen zurückholte, war dies ein geordneter Abzug, auch wenn das Land damals in tiefen wirtschaftlichen Problemen steckte. Oder man entscheidet sich für einen Abzug gleichsam über Nacht, um Rückzugsgefechte zu vermeiden. Für letzteres entschied sich die israelische Armee im Mai 2000, als sie nach mehr als 18 Jahren Okkupation des Südlibanon, infolge des Drucks der Hisbollah und der vielen Verluste durch Selbstmordanschläge, bereit war, Material zurückzulassen. Die Bilder der israelischen Niederlage verschafften der schiitischen Hisbollah Zuspruch aus der gesamten islamischen Welt. Für Israel war es eine Demütigung.

Es ist viel schlimmer als Saigon 1975

Was sich in diesen Tagen an den Zäunen und auf den Dächern westlicher Botschaften sowie am Flughafen von Kabul abspielt, ist neben den menschlichen Dramen und dem militärischen Debakel die größte PR-Niederlage, welche die USA wohl seit Vietnam einstecken müssen. Der Fall von Saigon und die Menschen, die sich an Hubschrauber klammerten, weil sie für die US-Truppen im Vietnamkrieg gearbeitet hatten, gehören zu den ersten TV-Bildern, die ich aus meiner Kindheit in Erinnerung habe. Sie gingen mir seit Tagen durch den Kopf.
So erging es wohl auch vielen in den USA, jedenfalls auch US-Veteranen. US-Außenminister Anthony Blinken verkündete offenbar in Reaktion auf diese Stimmung: „Das ist nicht Saigon.“ Das stimmt. Was sich in Kabul abspielt, ist in seinen Folgewirkungen viel schlimmer als Saigon 1975. Die Folgen des Vietnamkrieges hatten die USA bereits in eine Rezession und Inflation gestürzt, das Selbstbewusstsein war heftig angeschlagen. Das sollte sich erst 1989-91 ändern, als mit dem Fall des Kommunismus die USA als Sieger des Kalten Kriegs galten. Die goldenen 1990er, mit dem Aufstieg des Internet, dem fröhlichen Bill Clinton – all das brachte Zuversicht und das Gefühl der Unverwundbarkeit - bis zum 11. September 2001.
Russlands Präsident Wladimir Putin am Telefon (Symbolbild) - SNA, 1920, 15.08.2021
Afghanistan
Putin telefoniert mit Usbekistans Staatschef zu Lage in Afghanistan
Die Folgen des 15. August 2021 werden aber in anderer Weise in die Geschichte der USA eingehen, denn es geht nicht nur um das militärische Debakel. Es geht um die Einsicht, die einige bereits 1975 hatten, andere 1979 im Iran erlangten oder dann 1983 in Beirut angesichts eines überhasteten US-Abzugs infolge eines Terroranschlags: eine Allianz mit den USA kann schnell in die Brüche gehen, es gibt keine Handschlagqualität, es gilt kein Ehrenwort. Verträge werden jederzeit aufgekündigt, man denke an die Abrüstungsabkommen der letzten Jahre.
Diese Liste der tiefen Ernüchterung erlangt nun mit der Lage in Afghanistan, den noch folgenden Schockwellen, die auch die von den USA unterstützen Islamisten in Syrien jubeln lassen, eine neue kritische Masse. Die Kraft der brutalen Bilder erfasst nicht nur die US-Politik, sondern die Nato in ihrer Gesamtheit. Wofür steht das Bündnis? Die Presseerklärungen von US-Politikern wie Nancy Pelosi oder vielen EU-Vertretern werden zur Farce angesichts der Videos einer neuen brutalen Realität aus Kabul. Irgendwann hat es sich auskommuniziert. Das netteste Marketing bringt nichts mehr, wenn die Inhalte fehlen. Und das tun sie bereits seit geraumer Zeit. Die „public diplomacy“, die vor rund 20 Jahren in den USA einen neuen Höhenflug startete, ist am Ende ihrer Weisheit.
Was es jetzt bräuchte wäre eine ernsthafte Diplomatie, die nicht nur für Schönwettertage konzipiert ist, wenn sich hübsche Fotos von Eröffnungen, NGO-Treffen und Besuchen posten lassen.

Diplomaten verlassen nicht das Schiff

Die USA, alle EU-Staaten, aber ebenso Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate räumen ihre diplomatischen Vertretungen. Die Saudis scheinen hierbei um einiges organisierter als das deutsche Auswärtige Amt, denn Riad verkündete bereits am Sonntag, dass sein diplomatisches Personal gesund heimgekehrt sei. Der britische Botschafter wurde wie viele andere am Sonntag überhastet ausgeflogen. Berlin verkündete, dass am Montag die Evakuierungen deutscher Staatsbürger und der tausenden Afghanen, die als Fahrer, Übersetzer, Berater, Sicherheitsleute etc. für die deutsche Regierung über die letzten Jahrzehnte gearbeitet hatten, beginnen würden. Ob diese Zusage gehalten wird, ist schon aus logistischen Gründen zu bezweifeln.
Dabei bräuchte das Land gerade jetzt eine effektive diplomatische Präsenz, um die vielen Veränderungen, denen die Menschen ausgesetzt sind, richtig einzuschätzen und darauf politische Antworten zu finden. Während also die USA und ihre Verbündeten das Feld räumen, ihre afghanischen Mitarbeiter nach hinten reihen, entscheiden sich andere Regierungen für das Weiterarbeiten und Flagge zeigen. Dazu gehören Russland, China, die Türkei und einige Staaten der Region.
Generalsekretär António Guterres (links) bei einem virtuellen Briefing, über die Vorbereitungen der COP26 in Glasgow - SNA, 1920, 30.07.2021
Diplomatie via Bildschirm ist keine Diplomatie
Wenn es drunter und drüber geht, schlägt die Stunde der Diplomatie. Hierbei geht es nicht nur um die konsularische Betreuung der eigenen Staatsbürger, die Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen, die gerade im Fall Deutschlands in Afghanistan massiv sind. Es geht um die drei alten Kernaufgaben der Diplomatie: Vertreten, Informieren und Verhandeln. Für diese Aufgabe braucht es mehr als ein letztes Aufgebot an Mitarbeitern, die den Strom in den Amtsgebäuden abdrehen. Es braucht einen exzellenten diplomatischen Stab, der die Lage im Land richtig einschätzt, der die Kontakte zu den Entscheidungsträgern hat. Wer sich für solche Feinheiten interessiert: Ich habe diese "Essentials" echter Diplomatie unter anderem, aber vor allem in meinem 2020 Buch "Diplomatie Macht Geschichte: Die Kunst des Dialogs in unsicheren Zeiten" ausführlich beschrieben.
Die USA und ihre Verbündeten wollen mit den Taliban in Katar weiter verhandeln, aber zeitgleich räumen sie ihre diplomatischen Vertretungen, darin steckt ein Widerspruch. Denn die Einsicht, dass mit den Taliban zu sprechen ist, hat sich in den letzten Jahren überall durchgesetzt. In dem Falle muss man sich der Realität stellen und sollte nicht davonlaufen. Die chinesische Regierung hat ihre Pläne und wird auf die Ratschläge erfahrener Diplomaten hören, wie auch das russische Außenministerium über die Jahre hinweg seine Vorkehrungen getroffen hat. Also wird in der Hauptstadt aber auch in den Provinzen diplomatisch wie auch konsularisch weitergearbeitet. Respekt, denn es ist unter diesen chaotischen Umständen ein noch größeres tägliches Risiko, als es dies bereits in den letzten Jahrzehnten in dem Land war.

Das Milliardengeschäft mit dem Krieg

Im Jahr 2005 wurde ich von der Diplomatischen Akademie Wien, wo ich damals lehrte, um ein Konzept für eine solche Akademie in Kabul gebeten. Es handelte sich um einen Auftrag der Uno-Organisation UNDP. Ich verfasste einen Entwurf, lehnte aber den sehr gut dotierten Vertrag mit dem UNDP aus vielen Gründen ab. Ich spreche Arabisch, aber kein Paschtu. Ich finde mich in Afghanistan nicht zurecht wie in vielen anderen Ländern, wo ich gelebt und gearbeitet habe. Zudem begründete ich gegenüber dem UNDP, das mich unbedingt für das Projekt gewinnen wollte – und ich hätte als Freischaffende das Honorar gut benötigt – mein Desinteresse: Ich glaubte auch damals nicht an einen Erfolg dieser massiven Operation aus NGOs, Experten, Militärs und Glücksrittern aller Art. Es war und ist ein Milliardengeschäft für manche, ein tödlicher Verlust für viele andere. Anstatt den Nepotismus noch weiter zu befördern, kaum anderes wäre in einer solchen Akademie der Fall gewesen, wo die Nichten und Neffen diverser Warlords mit Diplomen ohne viel Gegenleistung zu belohnen wären, schien mir der Bau von Grundschulen sinnvoller.
Ursula von der Leyen und Charles Michel beim Treffen mit Recep Tayyip Erdogan in Ankara am 6. April 2021 - SNA, 1920, 22.04.2021
Wer diplomatisches Protokoll als Veranstaltungsmanagement missversteht, produziert ein Sofagate
Nun wäre echte Diplomatie gefragt, wie sie vor dem Boom der „public diplomacy“ diskret und professionell einst da und dort praktiziert wurde. Die Bilder der Evakuierungen werden die deutsche Diplomatie wie auch jene der USA noch auf Jahre hinaus überschatten. Es fehlen Rückgrat und Inhalt. Beides kann man nicht kaufen, sondern muss erarbeitet werden.
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