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„Politik hat keinen Plan für Rückkehr zur Normalität“: Virologe Stöhr zu Cluberöffnungen

Club (Symbolbild) - SNA, 1920, 11.08.2021
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Während des Pilotprojekts „Reboot Clubculture“ durften am vergangenen Wochenende 2000 Partygänger in Berliner Clubs tanzen. Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr begrüßt die Initiative. Man würde dabei wichtige Daten gewinnen. Er bezweifelt allerdings, dass die Politik daraus die richtigen Schlüsse zieht.
In sechs Berliner Clubs, darunter „Kitkat“, „Renate“ und „SO36“, konnte am 6. und 7. August ohne Maske und Abstand getanzt werden. Für die Nächte von Freitag bis Sonntag waren insgesamt 2000 Tickets verkauft worden. Zusammen mit den Beteiligten mussten 2110 Menschen vorher einen PCR-Test machen. Dabei wurden sieben Covid-Fälle identifiziert, kontaktiert und an die Gesundheitsämter gemeldet. Am kommenden Freitag soll es eine Nachtestung aller Teilnehmenden sowie eine Online-Befragung der beteiligten Charité geben. Erst dann könne Bilanz gezogen werden, hieß es am Sonntag. „Alle Sicherheitsmechanismen haben gegriffen“, hatte Lutz Leichsenring, Vorstandsmitglied und Sprecher der Berliner Clubkommission, bereits zuvor gesagt.

Zieht die Politik aus Daten die richtigen Schlüsse?

Das Pilotprojekt „Reboot Clubculture“ sollte der international gefeierten Berliner Clubszene nach 18 Monaten im Corona-Aus neue Perspektiven aufzeigen. Berlins Kultursenator Klaus Lederer zeigte sich zum Auftakt am Freitagabend „total happy“ über den Start des Projekts: „Clubkultur gehört zur DNA der Stadt“, sagte der Linke-Politiker.
Der Virologe und Epidemiologe Professor Klaus Stöhr begrüßt wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte zur gesellschaftlichen Öffnung. In Schleswig-Holstein habe man das schon gemacht, im April in den Niederlanden, und auch in Madrid. Er betont im Interview mit der „Welt“:

„Die Daten sind natürlich dann das Wichtige, und hier habe ich meine Bedenken. Ich hoffe nur, dass die Ergebnisse, die dann auflaufen, relativ schnell zur Verfügung stehen, aber dann auch von der Politik verwendet werden.“

Das wäre bereits anders gelaufen: Zum Beispiel mit Daten, die belegen würden, dass das anlasslose Testen von Kindern in Schulen 170.000 Euro kosten würde, um ein symptomatisches Kind zu finden. „Und dann schickt man die Kontakte dieses symptomatischen Kindes noch in die Quarantäne, und wir wissen, dass nur ein Prozent dieser Kontakte tatsächlich positiv sind“, so Stöhr. Das würde dann wiederum als Grund genommen, um im Herbst Kinder impfen zu lassen.
Eine Warteschlange vor einem Corona-Testzentrum in Berlin (17.12.2020) - SNA, 1920, 08.08.2021
Berliner Nachtleben kehrt zurück – sieben Menschen landen in Quarantäne statt im Club
Wissenschaftliche Ergebnisse seien also wichtig und gut, aber sie müssten dann auch von der Politik verwendet werden, um entsprechende Bekämpfungsmaßnahmen zu kalibrieren, betont Stöhr.

Deutschland noch weit von der Normalität entfernt

Der Zeitpunkt sei jetzt richtig. Die Inzidenzen seien jetzt, trotz Zunahme in den letzten Wochen, sommerlich außerordentlich tief. Derartige Tests seien also richtig. Die Impfrate bei den über 60-Jährigen liege ja bei 80 Prozent und nehme auch bei den Jüngeren zu. Stöhr betont:

„Es ist der richtige Zeitpunkt, das auszuprobieren. Man darf auch nicht vergessen: Wir sind noch sehr weit in Deutschland von dem Gedanken entfernt, dass wir wieder zur Normalität zurückkehren wollen oder müssen. In England ist man diesen Schritt schon gegangen, auch in den Niederlanden. In vielen anderen Ländern hat man Pläne, wo man sagt: Wir müssen jetzt langsam dahin zurückkehren, wo wir eigentlich die Verhältnismäßigkeit sehen.“

Für die meisten anderen Atemwegsinfektionen wie zum Beispiel Influenza und andere würde man auch akzeptieren, dass die Kinder bis zum Alter von 12 oder 18 Jahren je nach Land und je nach Erreger langsam mit dem Erreger konfrontiert würden, das sogenannte Durchseuchen. Gegenüber Corona existiere eine große Angst, und es werde darüber diskutiert, was man mit den Kindern im kommenden Herbst mache.

„Wir akzeptieren auch, dass 60.000 Menschen wegen Feinstaub sterben“

Stöhr sieht dort die Verhältnismäßigkeiten verloren und erklärt:

„Wir akzeptieren ja auch irgendwie, wenn wir auf die Autobahn fahren, dass da ein Risiko existiert. Wir akzeptieren auch, dass 60.000 Menschen jedes Jahr wegen Feinstaub sterben. Wir scheinen zu akzeptieren, dass 30.000 Menschen jedes Jahr an sogenannten ambulanten Pneumonien versterben. Das zu akzeptieren, ist nicht richtig, aber es ist die Realität, und wir müssen uns irgendwie auch verhältnismäßig mit der neuen Situation Corona arrangieren.“

Das Verhältnis müsse dann in Zukunft stimmen, und man müsse sich langsam wieder in Richtung Normalität bewegen. Wenn man in Deutschland tatsächlich ein Impfangebot gemacht hat, müsse man überlegen, so Stöhr, ob der Staat dann seine Schutzfunktion erfüllt habe und was man mit den Menschen macht, die sich nicht haben impfen lassen. Das Papier vom Bundesgesundheitsministerium scheine ja anzudeuten, dass man auch diese Menschen dann noch schützen wolle. Stöhr sagt:
„Also, die Normalität wird kommen. Wir müssen einen Plan haben, wie wir dort hinkommen. Die anderen, die Schweizer, die Franzosen haben schon Stufen-Pläne entwickelt dafür. Das sehe ich in Deutschland aber eben noch nicht.“
Leichsenring meinte: „Dieses Gefühl von körperlicher Nähe, vibrierendem Bass und Unbefangenheit haben wir alle seit eineinhalb Jahre stark vermisst.“ Damit sei womöglich eine Perspektive für den Herbst geschaffen.
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