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Corona-Blues in der Musikbranche: Konzerte nur für Geimpfte oder in leeren Hallen?

© AP Photo / Emilio MorenattiTest-Konzert in Barcelona, 27. März 2021
Test-Konzert in Barcelona, 27. März 2021 - SNA, 1920, 28.07.2021
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Der nächste Festivalsommer ist pandemiebedingt geplatzt. Erste Konzerte, die wieder stattfinden, sorgen für Unmut. Helge Schneider bricht seine „Strandkorb-Konzerte“ ab, weil ihm der Kontakt zum Publikum fehle. Nena bekommt Konzertverbot, weil sie ihre Fans aufforderte, zur Bühne zu kommen. Und Eric Clapton möchte nicht nur für Geimpfte spielen.
Es brodelt in der Branche. Wohl kaum ein Wirtschaftszweig hat so sehr unter der Corona-Pandemie gelitten wie die Konzert- und Veranstaltungsbranche. „Nach nunmehr anderthalb Jahren ohne Einnahmen und Perspektive ist wirklich jeder verzweifelt“, sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) der Deutschen Presse-Agentur (DPA). Für dieses Jahr rechne die Branche mit einem Minus um die 98 Prozent, also einem Verlust von fast elf Milliarden Euro an Einnahmen. Laut einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts vom Juni fürchten 70 Prozent der Betriebe in der Veranstaltungsbranche um ihre Existenz. Bestenfalls halbvolle Konzerthallen seien nicht rentabel. „Das mag in öffentlich geförderten Häusern funktionieren. Für Konzert- und Tourneeveranstalter machen Aufführungen jedoch nur Sinn, wenn man damit auch Geld verdienen kann. Das ist unter den aktuellen Voraussetzungen unmöglich“, meint Michow. Allein die Miete für große Orte wie etwa die Münchner Olympiahalle könne schon im sechsstelligen Bereich liegen. Wenn dann nur 35 Prozent der Tickets verkauft werden könnten, sei das wirtschaftlich nicht nachvollziehbar.

Tanzen verboten

Konzerte und Großveranstaltungen waren so ziemlich das Erste, was verboten wurde im Frühjahr 2020 und das Letzte, was erst jetzt im Sommer 2021 wieder zaghaft unter strengen Auflagen erlaubt ist. Genau an diesen Auflagen stören sich sowohl Künstler und Veranstalter als auch Publikum. Da die Säle und Open-Air-Flächen aufgrund der Abstandsregeln nur zu einem Bruchteil belegt werden dürfen, lohnt sich ein Konzert bisher wirtschaftlich meist nicht für den Veranstalter. Einen Teil der Einnahmeausfälle holen sich manche Betreiber über erhöhte Ticketpreise wieder rein. Das wiederum erzürnt das Publikum, das so lange auf Live-Kultur warten musste und nun für viel Geld nicht einmal richtig feiern darf. Denn die meisten Konzerte sind bisher Sitzkonzerte mit Abstand. Tanzen verboten. Schon gar nicht zusammen. Das wiederum irritiert die Künstler, die so keinen wirklichen Kontakt zum Publikum aufbauen können. Ein Klassikkonzert unter Corona-Auflagen mag vielleicht noch funktionieren – ein Rockkonzert eher schlecht, wie der Autor dieser Zeilen bei seinem ersten (Rock-) Konzert seit anderthalb Jahren gerade selbst erleben musste. In einem Saal für 500 Personen waren knapp einhundert Personen zugelassen („Ausverkauft!“), die mit Abstand zueinander sitzen mussten. Entsprechend wurde nicht getanzt, und die Stimmung war eher vorsichtig und „eingerostet“. Auch der Klang litt, da die Saalakustik auf Rock gepolt war und entsprechend über die Köpfe des spärlich sitzenden Publikums hinwegpolterte. Stimmung kam entsprechend kaum auf, und manche Gäste stellten sich vorsichtig die Frage, ob unter solchen Umständen nicht lieber weiter ganz auf Konzerte verzichtet werden sollte, als sich den Eindruck von der Lieblingsband zu verderben.

Helge platzt der Kragen

Ähnlich scheint die Gefühlslage auf Seiten der Künstler zu sein, mit dem Unterschied, dass vielen Gästen der Eintrittspreis nach der sparsamen Pandemiezeit nicht weh tut, während viele Künstler auf diese Einnahmen angewiesen sind. So stellt sich für die meisten Musiker die Frage nicht, ob sie lieber ein schlechtes als gar kein Konzert geben – es geht schlicht ums Überleben nach anderthalb Jahren Auftrittsverbot. Einer, dem letzte Woche trotzdem der Kragen platzte, war der Entertainer und Jazz-Musiker Helge Schneider. In Augsburg konnte der Musiker bei einem Konzert nicht mehr an sich halten und machte seinem Ärger über die Gastronomiemitarbeiter Luft, die das Publikum bedienten:

„Ich muss sagen, das geht mir ziemlich auf den Sack. Ich habe keine Lust mehr“, sagte er am Freitagabend, brach seine Show ab und verließ unverrichteter Dinge die Bühne.

Schneider sagte dem verdutzten Publikum: „Das macht wirklich keinen Spaß. Man kriegt keinerlei Kontakt zum Publikum. Hier laufen auch andauernd Leute rum. (...) Bitte habt Verständnis dafür: Ich als Künstler kann unter diesen Umständen überhaupt nichts mehr machen.“ Dann sagte Schneider noch: „Das System ist einfach fadenscheinig und dumm.“ Ob er damit auf die Corona-Auflagen in der Pandemie etwa für Künstler anspielte, wurde nicht deutlich.

„Ich will kein Scheiß-Konzert geben“

Im Rahmen des Festivals „Strandkorb Open Air“ soll es in diesen Sommer Konzerte in mehreren Städten geben – die Fans sitzen in Strandkörben unter freiem Himmel. Die Besucher bekommen einen festen Korb zugewiesen, um Abstände zu anderen einzuhalten. Zudem gibt es weitere Maßnahmen, damit sich das Publikum möglichst nicht begegnet. Getränke und Speisen können die Gäste direkt an ihre Körbe bestellen.
Am Samstag erklärte Schneider sein Verhalten in einem Video auf Twitter:

„Ich muss ehrlich sein. Ich will kein Scheiß-Konzert geben. Und ich spule auch nicht einfach nur ab. Sondern ich erfinde während des Konzerts auch Sachen. Ich will ja auch Leute begeistern.“

Schneider bedankte sich bei denjenigen, die seine Entscheidung respektiert hätten.
Am Dienstag hat Helge Schneider nun seine weiteren Konzerte im Rahmen des Formats „Strandkorb Open Air“ abgesagt. Er habe Respekt für das große Engagement des Veranstalters, der mit dem neuen Konzept überhaupt erst wieder Livekonzerte in größerem Rahmen vor Publikum möglich gemacht habe, heißt es in der auf der Homepage von Schneider veröffentlichten Mitteilung. Für ihn persönlich passe das Format „aber leider nicht“.
Deutsche Popsängerin Nena (Archivbild) - SNA, 1920, 27.07.2021
Wegen ihrer Corona-Aussagen in Berlin: Nenas Konzert in Wetzlar (Hessen) abgesagt

„Ich habe die Schnauze voll davon“

Jemand, der eher unfreiwillig auf ein „Strandkorb-Konzert“ verzichten muss, ist Nena. Die beliebte Musikerin hatte bei einem Open-Air-Konzert am Samstag in Berlin für einen Eklat gesorgt, als sie ihre Fans mehrmals aufforderte, aus ihren Boxen näher zur Bühne zu kommen und mit ihr zu feiern – sprich, gegen die Hygieneregeln zu verstoßen. Der Veranstalter drohte der Sängerin damit, das Konzert abzubrechen. Nena wandte sich daraufhin an das Publikum und meinte, das Ganze werde jetzt politisiert, und es sei vollkommen ätzend, „weil, wie gesagt, gestern war Christopher Street Day, und es war völlig okay, dass 80.000 Leute eng aneinander auf der Straße waren. Also schaltet den Strom aus oder holt mich mit der Polizei hier runter. (...) Ich habe die Schnauze voll davon“, rief Nena ins Mikrofon.
Für die Musikerin gab es daraufhin viel Sympathie, aber auch Kritik in den sozialen Medien. Es gibt aber auch bereits Konsequenzen: Der Veranstalter eines Konzerts mit Nena in Wetzlar im September hat dieses nun abgesagt, um sich von ihren Aussagen zu distanzieren. Es hätte sich bei dem Auftritt in Wetzlar auch um ein sogenanntes Strandkorb-Konzert gehandelt.

Zutritt nur für Geimpfte?

Abgesehen von den stimmungsmindernden Regeln bei Konzerten zeichnet sich gerade eine andere Diskussion ab: Kann man die Auflagen lockern und mehr Publikum zulassen, wenn man nur Geimpfte reinlässt?
Die Konzertveranstalter befürworten dies, da sie langfristig nur mit mehr Publikum wirtschaftlich arbeiten können, ohne die Ticketpreise unverhältnismäßig zu erhöhen. Bereits im Februar 2021 forderte Europas größter Ticketverkäufer CTS Eventim eine Covid-19-Impfung als Zugangsvoraussetzung für Konzerte und Veranstaltungen. Dem schloss sich diese Woche der Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow, an. Im Deutschlandfunk forderte er „Konzerte und Veranstaltungen nur für Geimpfte“. Michow schlägt vor, Konzerte für nachweislich Geimpfte und Genesene ohne Corona-Auflagen durchzuführen. Wirtschaftlich würden sich Veranstaltungen nur ohne Abstandspflicht lohnen. Die Filterung des Publikums nach Immunitätsstatus lasse sich über das Hausrecht der Veranstaltenden durchsetzen. Michow räumte gegenüber dem Deutschlandfunk allerdings ein:

„Wer sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen konnte, ist hier leider in einem gewissen Nachteil.“

Ähnlich äußerte sich auch der Konzertveranstalter Semmel Concerts. Geschäftsführer Dieter Semmelmann sagte der Deutschen Presse-Agentur in Bayreuth, dass er möchte, dass Künstler ab September wieder in vollen Hallen und Konzertsälen auftreten können. Dafür sollen Geimpfte und Genesene Veranstaltungen besuchen dürfen, ohne Abstand einzuhalten.
Semmel Concerts mit Hauptsitz in Bayreuth arbeitet mit Prominenten wie Elton John, Sarah Connor und Roland Kaiser. Ob allerdings alle Künstler, um deren Konzerte es ja geht, diesen Standpunkt teilen, ist bisher nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass die meisten allen Maßnahmen zustimmen, um überhaupt wieder live spielen zu können. Gewöhnlich sind Konzerte die Haupteinnahmequelle von Musikern.
Grünen-Chefin und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock - SNA, 1920, 26.07.2021
Baerbock: Einschränkungen für Ungeimpfte nicht ausgeschlossen

Konzerte für Geimpfte diskriminierend?

Gegen einen Einlass nur für Geimpfte hat sich explizit der Weltstar Eric Clapton ausgesprochen. Der Gitarrist und Sänger erklärte, er werde kein Konzert geben, bei dem „ein diskriminiertes Publikum anwesend“ sei. „Sofern nicht die Teilnahme aller Personen vorgesehen ist, behalte ich mir das Recht vor, die Show abzusagen.“
Auch Nena spielte auf ihrem Konzert in Berlin auf einen möglichen Impfzwang an und sagte ins Publikum:

„Mir wird hier gedroht, dass sie die Show abbrechen, weil ihr nicht in eure Boxen geht. (…) Ich überlasse es eurer Verantwortung, ob ihr das tut oder nicht, das darf jeder frei entscheiden. Genauso wie sich jeder frei entscheiden kann, ob er sich impfen lässt oder nicht!“

Die Politik hält sich bedeckt

Zutritt nur für Geimpfte, nur zu einem Viertel oder weniger gefüllte Säle, Sitzkonzerte mit Maske – noch ist unklar, wie es weitergeht mit Konzerten und Kulturveranstaltungen. Die Politik hält sich weiterhin bedeckt mit Zusagen an die Branche. Man könne keine allgemeingültige Aussage zu Perspektiven für Konzertveranstalter machen, erklärte ein Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gegenüber DPA. Für Regelungen der Corona-Schutzmaßnahmen und damit verbundene Öffnungsbeschränkungen und Verbote seien grundsätzlich die Länder zuständig. Und diese wichen in ihrer Ausgestaltung auch in Bezug auf Kulturveranstaltungen voneinander ab. „Hinzu kommt, dass Schutzmaßnahmen an den Verlauf des Pandemiegeschehens gekoppelt sind und auch insoweit keine belastbaren längerfristigen Aussagen möglich sind.“
Ändert sich nichts, bleibt vielen Veranstaltern wohl nur noch, erneut alles abzusagen und zu verschieben – so wie seit Beginn der Pandemie vor mehr als einem Jahr. Die Nachholtermine häufen sich inzwischen. „Wir schieben ja im Prinzip weit über 1000 Veranstaltungen vor uns her, die 2020 oder auch 2021 stattfinden sollten“, meint Semmelmann gegenüber DPA. „Es ist fast nicht mehr möglich, freie Termine zu bekommen, weil die Hallen und Locations alle schon so voll sind.“
Die Kultur- und Veranstaltungsbranche scheint weiter der größte Verlierer der Pandemie zu bleiben.
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