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Vom schauspielernden Nachrichtensprecher zum weltweit ältesten aktiven Mimen – Herbert Köfer ist tot

© Foto : Brüggmann, EvaHerbert Köfer (Bildmitte) in "Nackt unter Wölfen"
Herbert Köfer (Bildmitte) in Nackt unter Wölfen - SNA, 1920, 27.07.2021
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Im Alter von 100 Jahren verstarb am Wochenende der frühere DDR-Schauspielstar Herbert Köfer, der auch nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes im vereinten Deutschland Erfolge feiern konnte. Köfer galt als ein wandlungsfähiger Künstler und als der älteste beruflich aktive Schauspieler der Welt. Ein Nachruf.
Es darf angenommen werden, dass es wenige ehemalige DDR-Bürger gibt, die Herbert Köfer nicht kennen. Spätestens, wenn sie seine markante Stimme hörten, gab es keine Zweifel mehr. Dass einem DDR-Schauspieler, der in seiner langen Karriere gar nicht darum herumkam, auch an Produktionen teilzunehmen, die aus heutiger Sicht als etwas zu „systemnah“ angesehen werden, der schon knapp zwei Monate nach ihrer Gründung Mitglied der SED wurde – dass einem solchen DDR-Schauspieler nach 1990 dennoch eine gesamtdeutsche Karriere gelang, dürfte daran gelegen haben, dass Herbert Köfer eben kein ideologischer Phrasendrescher war, sondern ausgesprochen menschlich wirkte, und dies wiederum nicht gespielt wirkte – eine schauspielerische Leistung an sich.
Es war kein Zufall, dass ihn die Leserinnen und Leser der DDR-TV-Programmzeitschrift „FF Dabei“ sieben Mal zum „Fernsehliebling“ wählten. Köfers Spezialgebiet waren Rollen, die ihm den Weg zum Status eines sogenannten Volksschauspielers ebneten.

Statt kaufmännischer Lehre Ausbildung an der Schauspielschule

Das sah anfangs gar nicht danach aus. Zwar wurde schnell klar, dass der am 17. Februar 1921 im damaligen Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg geborene Sohn eines Kleinunternehmer-Ehepaares auf keinen Fall den Postkartenverlag übernehmen würde, dessen Einnahmen seinen Eltern ermöglichten, ihn auch auf eine Privatschule zu schicken, wo er die Mittlere Reife erlangte. Die kaufmännische Lehre brach er aber schnell ab und absolvierte stattdessen eine Ausbildung an der renommierten, von Theaterlegende Max Reinhardt gegründeten Schauspielschule des Deutschen Theaters, aus der später die heutige Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ hervorgehen sollte.
Doch über eine kleine Rolle in einem schlesischen Provinztheater kommt Herbert Köfer erst einmal nicht hinaus, denn er wird im Zweiten Weltkrieg eingezogen, verwundet, gefangengenommen und von den Briten interniert. Dort kann er zum ersten Mal wieder Theater spielen. Das soll er, als der Krieg zu Ende ist, auch in Lübeck, wo das dortige Theater ihn gerne engagieren würde, aber Köfer will unbedingt zu seinen Eltern, die mittlerweile in Kleinmachnow, am südlichen Stadtrand von Berlin leben. Und Köfer kann sprichwörtlich durchstarten und dabei beweisen, welches breite Spektrum er bedienen kann.

Durchstarten nach dem Zweiten Weltkrieg

Schon bald ist Köfer wieder auf den ersten Bühnen des Nachkriegs-Berlin zu sehen. Ob Neues Berliner Künstlertheater, Tribüne, Volksbühne oder die Kleine Bühne – der Vorläufer des Kabaretts „Die Distel“ – bis hin zum Deutschen Theater. Parallel beginnt er seine mehr als dreißigjährige Laufbahn in der Hörspiel-Produktion des DDR-Rundfunks. Davon gehören allein sage und schreibe 21 Jahre der außerordentlich beliebten Radio-Serie „Neumann, zweimal klingeln“, in der Herbert Köfer in 764 Folgen den Familienvater Hans Neumann spielte. Ohne seine charakteristische Stimme wäre dieser Langzeit-Erfolg undenkbar gewesen, darüber sind sich alle Beteiligten schnell klar.
Das erkannten natürlich auch die Chefs von Film und Fernsehen in der DDR. Allerdings trauten sie ihm dort eine Rolle zu, für die er dann doch ungeeignet war. Herbert Köfer sprach allen Ernstes die erste Ausgabe der DDR-Hauptnachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ am 21. Dezember 1952, wurde aber umgehend ausgetauscht, weil – wie er später erklärte – der Intendant zutreffend erkannte, dass er die Nachrichten nicht sprach, sondern spielte, was selbst für die auf Außenwirkung bedachte Partei- und Staatsführung etwas zu viel des Guten war.

Achtungserfolg als brutaler Nazi im Film – aber der eigentliche Ruhm kommt durchs Fernsehen

Seine ersten Defa-Filme werden keine wirklich durchschlagenden Erfolge, aber das liegt nicht an Köfers schauspielerischer Leistung in seinen eher kleinen Rollen, sondern an eher mittelmäßigen Drehbüchern. Erst seine Besetzung als skrupelloser Hauptsturmführer Kluttig in Frank Beyers Verfilmung des Bruno Apitz Klassikers „Nackt unter Wölfen“ rückt Herbert Köfer 1963 schlagartig in den Fokus ernsthafter Betrachtungen seiner Schauspielkunst, denn bis zu diesem Zeitpunkt konnte sich scheinbar niemand vorstellen, dass Köfer auch Charaktere beherrscht, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Obwohl sehr gelobt, kann Köfer von der Defa weiterhin nur konsequent Nebenrollen erwarten, die er aber, egal ob komisch oder nicht, immer wieder so anlegt, dass sie den Zuschauern im Gedächtnis haften bleiben.
Dennoch ist das eigentliche Metier für den Schauspieler Herbert Köfer das Fernsehen. Auch hier spielt er eine Bandbreite an Charakteren, die im Rückblick überrascht und Fragen hinterlässt, warum diese Ausdrucksvielfalt eigentlich nicht viel nachdrücklicher von der Kritik gewürdigt wurde. Das übernahm – wir erwähnten es – das Fernsehpublikum. Vor allem in diversen Folgen der Kriminalserien des DDR-Fernsehens „Pitaval“ und „Polizeiruf 110“ kann Köfer immer wieder den Beweis antreten, dass er nicht nur einer der Hofnarren des DDR-Fernsehens ist.
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Seine größten Erfolge – beruflich und privat

Doch es sind seine Rollen in eher humorvoll angelegten Erfolgsproduktionen des DDR-Fernsehens wie insbesondere „Rentner haben niemals Zeit“ oder die TV-Adaption seines Hörspiel-Hits über die „Familie Neumann“, die Herbert Köfer in der DDR zum Publikumsliebling machen, was er genießt. Auch seine Gastauftritte in den mit Inbrunst geliebten DDR-Fernsehschwänken, die sich um den Rentner Maxe Baumann rankten, brachten ihm große Reputation beim Publikum ein.
1986 wird er in der Defa-Produktion „Rabenvater“ besetzt, in der sein Sohn aus erster Ehe die Kamera verantwortet. Auch seine zwei Töchter aus seiner zweiten Ehe werden später ihren Weg ins Filmgeschäft nehmen und arbeiten heute als Schauspielerinnen. 21 Jahre dauerte seine dritte Ehe.

Nach dem Ende der DDR ist kein Ende für die Karriere von Herbert Köfer

Unerwartet langlebig war auch die Karriere von Herbert Köfer, denn bereits die Tatsache, dass er fast nahtlos an seine DDR-Erfolge anknüpfen konnte, während viele Kolleginnen und Kollegen teilweise in tiefe virtuelle Löcher fielen, war in den Wild West Zeiten nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes keine Selbstverständlichkeit. Köfer wurde erneut viel im Fernsehen, und erneut viel in Krimiserien besetzt.
Mit zunehmendem Alter entwickelte er sich zu einem viel befragten Zeitzeugen der deutsch-deutschen Film- und Kulturgeschichte. Noch im Alter von 99 Jahren drehte Köfer für den achten Teil der Erfolgsserie um den brandenburgischen Polizeihauptmeister a.D. Horst Krause. Schon 2017 hatte ihm die Redaktion des „Guinness Buch der Rekorde“ bescheinigt, der älteste noch aktive Schauspieler der Welt zu sein, mit einem Werkverzeichnis von mehr als 300 Rollen in Film und Fernsehen, Dutzenden Hörspielproduktionen, Theaterengagements und anderen künstlerischen Produktionen wie Kabarett oder Lesungen.
Das Geschenk der ARD zum 100. Geburtstag von Herbert Köfer war eine Sendung der beliebten Ratesendung „Wer weiß denn sowas?“ in der Köfer gegen Barbara Schöne antrat und die an seinem Geburtstag ausgestrahlt wurde. Da hatte er schon zwei Autobiografien veröffentlicht. Allerdings hatte er 1995, als er seine erste „Das war’s noch lange nicht“ nannte, wohl nicht geahnt, dass er noch ein weiteres Vierteljahrhundert leben und beruflich aktiv sein würde. Als er 95 wurde, hatte Herbert Köfer auf die Frage nach seinem Lieblingszitat Robert Musil genannt, der meinte:

„Nie ist das, was man tut, entscheidend, sondern immer nur das, was man danach tut.“

Es wird das Geheimnis von Herbert Köfer bleiben, wie er das nun bewerkstelligt.
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