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Warum junge Leute in Österreich mit dem Leben unzufrieden sind – Sozialforscher klärt auf

© CC0 / lenahelfinger / PixabayMädchen in Tirol (Symbolbild)
Mädchen in Tirol (Symbolbild) - SNA, 1920, 26.07.2021
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Beinahe jeder Zweite ist der aktuellen Jugendstudie der Allianz Österreich zufolge mit dem Leben unzufrieden, jeder Dritte macht sich Sorgen um die Zukunft und jeder Vierte leidet unter psychischen Problemen. Laut dem Wiener Sozialforscher Daniel Witzeling ist die Corona-Krise stark für die pessimistische Perspektive der Jugend verantwortlich.
„Außerdem ist und war die wirtschaftliche Aufstiegssituation der jungen Menschen in Österreich in den letzten Jahren nicht sehr gut“, sagte der Leiter des Humaninstituts Vienna im Sputnik-Interview. „Ohne ein Netzwerk oder die richtigen Kontakte haben Jugendliche es sehr schwer, einen guten Job oder eine faire Chance im Leben zu bekommen. Dies hängt mit dem Parteiproporz in der Alpenrepublik zusammen. Jobs in vielen staatsnahen Unternehmen benötigen, wie es aktuelle Skandale in der österreichischen Innenpolitik belegen, eine gewisse Portion an Vitamin B – sprich Beziehungen. Die Pandemie hat ein ,Mehr‘ an Bewusstsein für das eigene Leben und die Zukunft bei den jungen Österreichern bewirkt, welches sonst durch Konsum überlagert wurde.“
Bei Vergleichsstudien 2011 waren noch 73 Prozent und 2017 immerhin 69 Prozent der 14- bis 24-Jährigen mit ihrem Leben zufrieden. So sind dies aktuell nur noch 57 Prozent. Gar nur 17 Prozent der „Generation Reset“ geben ihrem Leben insgesamt die Bestnote Eins. Die wachsende Unzufriedenheit zieht sich quer durch alle Lebensbereiche, vom Schul- und Berufsleben über die Freizeit bis hin zur Partnerschaft. Besonders betroffen davon sind junge Frauen sowie Personen mit schlechterem Gesundheitszustand.
Diese Ergebnisse seien logisch, behauptet Witzeling. „Junge Frauen sowie Personen mit einem schlechteren Gesundheitszustand verfügen über eine höhere Sensibilität für soziale und zwischenmenschliche Belange. Mädchen sind im Vergleich zu Burschen in ihrer Entwicklung tendenziell reifer und können daher die Zukunft differenzierter antizipieren. Dass sich die Unzufriedenheit quer über verschiedene Lebensbereiche vom Schul- über das Berufsleben bis hin zur Freizeit erstreckt, ist an sich mehr als logisch. Eine gute Schulbildung sowie ein universitärer Abschluss sind längst kein Garant mehr für sozialen und ökonomischen Aufstieg. Speziell in einem kleinen Land wie Österreich.“
„Hier zählen politische und soziale Netzwerke mehr“, fährt der Psychologe fort. „Der Bundeskanzler ist das beste Fallbeispiel, dass für das Topmanagement kein Studium notwendig ist, sondern andere Kriterien wie ein starkes Netzwerk und die richtigen Kontakte, die zählen. Kompetenz ist auf fachlicher Ebene eher nachrangig. Das Versprechen, dass, wenn man in der Schule und im Studium fleißig und erfolgreich ist, man sozial aufsteigen wird, gilt schon lange nicht mehr in einer rein kapitalistisch orientierten Gesellschaft.“
Emotionen (Symbolbild) - SNA, 1920, 28.04.2021
Acht effektive Wut-Ausschalter

Psychische Probleme der jungen Leute

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich die Zahl der jungen Menschen, die über psychische Probleme klagen, vervierfacht und liegt mittlerweile bei 24 Prozent, wie die aktuelle Allianz-Umfrage zeigt. 46 Prozent der 14- bis 24-Jährigen fühlen sich häufig müde und schlapp, 45 Prozent oft gestresst, 38 Prozent unter Druck von äußeren Einflüssen und 30 Prozent generell überfordert.
Witzeling kommentiert: „Das beschriebene Phänomen der Überforderung und des in weiterer Folge Ausgebranntseins hängt zentral mit einer nicht mehr vorhandenen Assoziation zwischen schulischer/akademischer Leistung und Aufstieg zusammen, jedenfalls nicht mit Leistung auf klassischen Gebieten. Heute zählen andere Skills, auf die die Schule und die Universität einen nicht mehr vorbereiten.“
„Nicht für das Leben lernen wir, sondern manchmal nur mehr für die Schule ohne für die Schüler erkennbaren Mehrwert“, argumentiert der Sozialforscher. „Es geht in der Realität ebenfalls um eine Ellbogentechnik sowie soziale Intelligenz, die man lernen muss. Die beschriebenen nicht erfüllten Versprechungen führen bei den Jugendlichen zu Frustration, gesellschaftlicher Depersonalisierung und schlussendlich zu depressiven Symptomen.“

Einsamkeit und negative Gefühle in der Corona-Zeit

Mehr als jeder vierte Jugendliche in Österreich ist häufig einsam und unglücklich. Drei von vier jungen Menschen vermissen besonders während der Corona-Zeit die sozialen Kontakte sehr, und mehr als die Hälfte ist davon überzeugt, dass wir auch in den kommenden Jahren noch mit der Pandemie zu kämpfen haben werden. „Da schon vor Corona das emotionale Gefüge der Jugend sehr fragil war, wurde es durch die Pandemie noch mehr irritiert“, meint der Experte. „Die Prognose der jungen Menschen, dass wir in den kommenden Jahren noch mit der Pandemie zu kämpfen haben, ist vielleicht nicht ganz falsch, aber sicher nicht so negativ, wie sie es aktuell sehen. Es kann sich ganz schnell wieder ändern.“
Junge Personen seien sehr lernfähig, stellt Witzeling fest. „Sie spüren – im Vergleich zu jenen in den Jahrzehnten zuvor – einen viel stärkeren Leistungsdruck und eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Wer gewisse Statussymbole wie teure Kleidung, schöne Autos und vieles mehr nicht besitzt, fühlt sich oft minderwertig. Dies wirkt sich auf das Selbstvertrauen bei der Partnersuche aus. Dazu kommen noch Schönheitsideale aus sozialen Medien wie Facebook oder Instagram, denen man nicht gerecht werden kann. Die Pandemie ist hier ein Symptom, welches die Krankheit dahinter stärker an die Oberfläche kommen lässt.“
„Die erwähnte Einsamkeit und die negativen Gefühle hängen eben nicht nur mit Corona zusammen, sondern mit Problemen, die mit dem Wertegefüge unserer Gemeinschaft zu tun haben“, ist sich der Sozialforscher sicher. „Corona verstärkt die in der Tiefe schon schlummernden Emotionen.“
Computerspiele helfen gegen psychische Erkrankungen  - SNA, 1920, 19.06.2021
Studie belegt: Computerspiele helfen gegen psychische Erkrankungen

Digitale Medien als Abwechslung und Kontaktpflege

Die Allianz-Studie zeigt, dass Beschäftigung mit Smartphone (78 Prozent), Internet surfen (70 Prozent) und Social Networks (70 Prozent) die Top-3 der „nichtsportlichen“ Freizeitbeschäftigungen sind. Streaming ist der große Gewinner in der Corona-Zeit. Als Motive für den Aufenthalt in der digitalen Welt wurde in der Umfrage – auch aufgrund fehlender Alternativen in der Pandemie – Langeweile genannt, aber auch das Bedürfnis, mit Freunden in Kontakt bleiben zu können oder andere Menschen „wiederzufinden“.
Witzeling bezeichnet die neuen Medien als Fluch und Segen in einem. „Einerseits ermöglichen sie menschliche Interaktionen über lokale Grenzen hinaus. Andererseits besteht die Gefahr eines ,digitalen Autismus‘, wenn man es übertrieben formuliert. Der Mensch verschmilzt mit dem Handy, dem Tablet oder dem Laptop. Im Cyberspace kann man sich und seine Identität ohne realen sozialen Rückhalt aber ebenso leicht verlieren. Im Besonderen trifft dies auf die jüngere Generation zu, welche zwar über Fähigkeiten im Umgang mit den neuen Technologien verfügt, der aber die Reife und Entwicklung auf persönlicher Ebene fehlt, die man nur durch reale Vorbilder im Sinne des Lernens am Modell nach Bandura entwickeln kann“, so der Psychologe abschließend.
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