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Deutsche Medien zu Merkel-Biden-Deal: „Der lachende Dritte“

© AP Photo / Susan WalshBundeskanzlerin Angela Merkel während eines offiziellen Arbeitsbesuches in Washington am 15.07.21
Bundeskanzlerin Angela Merkel während eines offiziellen Arbeitsbesuches in Washington am 15.07.21 - SNA, 1920, 26.07.2021
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Das Medienecho auf den Deal zwischen Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Joe Biden zu Nord Stream 2 war weitgehend eindeutig: Es sei nur der Kreml, der vom Gas-Projekt profitiere. Offen blieb, wieso sich dann die Kanzlerin für die Pipeline einsetzt und so anscheinend selbstlos für Präsident Wladimir Putin die Kastanien aus dem Feuer holt.
Der ARD-„Tagesthemen“-Kommentator Stephan Stuchlik war sichtlich bemüht, seinen Gesichtsausdruck möglichst tadelnd und empört zu gestalten. Die Nord Stream 2-Pipeline „war ein großer Fehler, und die ständigen Versuche, diesen Fehler zu verbessern, haben Vieles eher schlimmer gemacht“, trichterte er etlichen Millionen Zuschauern der Hauptnachrichtensendung ein. „Die Pipeline ist ein außenpolitischer Scherbenhaufen.“

Russland als „üblicher Verdächtiger“

Die meisten Tageszeitungen, die die Einigung zwischen Angela Merkel und Joe Biden kommentierten, wonach die USA der Fertigstellung der Pipeline nicht mehr im Wege stehen würden, hauten in dieselbe Kerbe und stellten dabei einhellig fest: An dem Deal profitiert Russland allein und niemand sonst. „In Moskau kann man sich freuen“, lautete der Titel in der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Nord Stream 2: Der lachende Dritte heißt Putin“, hieß es bei der Deutschen Welle; „Ein Gewinner, viele Verlierer“ bei der „taz – Die Tageszeitung“.
Deutschland und die USA hätten sich dem Willen Russlands und Putins gebeugt, so die meisten Kommentatoren. Dabei tauche Russland in der deutsch-US-amerikanischen Erklärung „lediglich als negativer Akteur“ auf, bemerkte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Denn laut dem Dokument stehtRussland im Verdacht, „Energie als Waffe zu benutzen oder weitere aggressive Handlungen gegen die Ukraine zu begehen“.
Die Außenminister der Ukraine und Polens, Dmytro Kuleba und Zbigniew Rau, reagierten auf die Einigung prompt mit einer dramatischen Erklärung: „Diese Entscheidung hat zusätzliche politische, militärische und energiewirtschaftliche Bedrohungen für die Ukraine und Mitteleuropa insgesamt geschaffen, während sie Russlands Potenzial für eine Destabilisierung der Sicherheitslage in Europa erhöht und die Spaltung unter Nato- und EU-Staaten fortsetzt.“ Sie versprachen, gegen die Umsetzung des Projekts weiter anzukämpfen, und rechnen dabei mit Unterstützung durch die baltischen, aber auch skandinavischen Länder.
Die Fertigstellung von Nord Stream 2 - SNA, 1920, 22.07.2021
US-Deutschland-Deal über Nord Stream 2: Russischer Botschafter sieht darin feindlichen Ton

Merkel und „Bad Guy“ Putin

Bekanntlich ist Russlands Präsident Wladimir Putin für die europäischen und die US-amerikanischen Meinungsmacher der absolute und unverbesserliche „Bad Guy“ – egal, was er auch tut. Insofern sind die Medien ihren Konsumenten eine Erklärung schuldig, wieso Merkel mit diesem Bösewicht gemeinsame Geschäfte macht und sich für diese auch anscheinend nahezu selbstlos ins Zeug legt.
Für die Mainstream-Medien scheint es dermaßen wichtig zu sein, das negative Russland-Image weiter zu pflegen, dass sie Merkels Motive gerne unter den Tisch fallen lassen. Die unbedarften Nachrichtenkonsumenten könnten als Folge dieses simplen Schemas womöglich auf den Gedanken kommen, die Bundeskanzlerin wäre Putins Marionette und werde von diesem gewissenlos ausgenutzt.
Weniger propagandistisch engagierte Medien – solche gibt es zum Glück auch, wenn diese momentan auch in der Minderheit sind – lassen Pragmatiker zu Wort kommen. Diese legen die eindeutigen Vorteile Deutschlands plausibel dar, von denen sich auch die Bundesregierung in puncto Nord Stream 2 all die Jahre leiten lässt.

„Wir halten Nord Stream 2 weiterhin für eine Schlüssel-Infrastruktur für die künftige deutsche und europäische Energieversorgung“, stellte etwa Oliver Hermes, Chef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, in der FAZ fest. „Mittelfristig hat die Pipeline großes Potential, auch Wasserstoff zu transportieren und die jahrzehntelange, verlässliche Energiepartnerschaft mit Russland zu einer Klimapartnerschaft weiterzuentwickeln.“

„Die Gaspreise werden sinken“

In Wirklichkeit lässt sich der Unmut der Nord-Stream-2-Kritiker in Europa eher dadurch erklären, dass Deutschland im Falle einer Inbetriebnahme der Pipeline in der Tat seine dominante Stellung hinsichtlich der Energieversorgung des Kontinents weiter festigen würde: Die größten europäischen Gasspeicher befinden sich in Deutschland. Auch die wichtigsten Gasstränge in Richtung Westeuropa – Nord Stream und Nord Stream 2 – würden dann faktisch von Deutschland kontrolliert.

„Nord Stream 2 hat aus einer rein wirtschaftlichen Betrachtung durchaus Vorteile“, stellte die „Neue Zürcher Zeitung“ fest. „Experten gehen in der Regel davon aus, dass durch die Pipeline die Gaspreise in der EU sinken werden.“

Weder die „Tagesthemen“-Redaktion der ARD noch die meisten deutschen Print- und Online-Medien würden aber heute auf die Idee kommen, Merkel, geschweige denn Putin dafür zu danken.
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