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Bürgerkrieg in Äthiopien: Wo sind die Spendenmillionen von Bob Geldofs „Live Aid“ gelandet?

© Foto : Anna MeuerPrinz Asfa-Wossen Asserate
Prinz Asfa-Wossen Asserate - SNA, 1920, 24.07.2021
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Im Juli 1985 veranstaltete der Musiker Bob Geldof das Konzert „Live Aid“. Millionen Dollar Spenden kamen für die Hungernden in Äthiopien zusammen. Doch gibt es auch Vorwürfe, das Geld sei den Falschen zugutegekommen. Im SNA-Interview blickt der politische Analyst Prinz Asfa-Wossen Asserate auf die Gerüchte um die Benefizveranstaltung.
Verschiedene Medien behaupteten, dass entweder Äthiopiens langjähriger sozialistischer Diktator Mengistu Haile Mariam oder aber die Rebellen der Volksbefreiungsfront von Tigray TPLF (Tigray People's Liberation Front) Waffen von den „Live Aid“-Spenden gekauft hätten. Was dran an den Vorwürfen ist, wollte SNA von dem seit über 30 Jahren in Deutschland lebenden äthiopischen Prinz Asfa-Wossen Asserate wissen. Er wurde 1948 in Addis Abeba als Sohn des Herzogs Asserate Kassa, einem der führenden Politiker unter Kaiser Haile-Selassie, geboren. Prinz Asserate ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und politischer Analyst.
Prinz Asserate, am 13. Juli jährte sich das „Live Aid“-Konzert zum 36. Mal. Damals spielte auf dem von den Musikern Bob Geldof und Midge Ure organisierten Konzert alles, was Rang und Namen hatte: Queen, Madonna, Mick Jagger, Paul McCartney, David Bowie und viele mehr. Besonders bekannt ist die Hitsingle von „Band Aid“, „Do they know it’s Christmas“. Sie wird jedes Jahr zu Weihnachten im Radio gespielt. Das eingespielte Geld – 120 Millionen Dollar – sollte der hungernden äthiopischen Bevölkerung zugutekommen. Bob Geldof resümierte ein paar Jahre später, das Projekt sei „fast perfekt gewesen in dem, was es erreicht hat“. Würden Sie das auch so sagen?
Zum großen Teil ist es tatsächlich so gewesen. Rückwirkend und von hier aus kann man das natürlich nicht bis aufs letzte i-Tüpfelchen kontrollieren. Es ist aber sicher, dass es auch damals große Hindernisse gegeben hat. In Äthiopien herrschte zu dieser Zeit noch eine kommunistische Militärdiktatur, mit der bekanntlich nicht so kooperiert wurde, wie das geschehen sollte.
Ist bekannt, an wen das Geld von „Live“- und „Band Aid“ ging und was damit gemacht wurde?
Das kann man nach 36 Jahren nicht hundertprozentig sagen. Es ist aber zu vermuten, dass die kommunistische Militärdiktatur natürlich nicht nur an das arme äthiopische Volk gedacht hat.
Die anhaltende Dürre in den 80ern in Äthiopien war schlimm, über mehrere Jahre fielen die Ernten aus. Dass aber 1984 acht Millionen Menschen hungerten, war größtenteils Schuld der Regierung – der Militärjunta Derg, unter Mengistu Haile Mariam – und ihres Kampfs gegen aufständische Truppen aus der Provinz Tigray. Das schreibt auch der britische Autor Peter Gill in seinem 2010 erschienenen Buch, „Famine and Foreigners: Ethiopia Since Live Aid“. Ein Regierungssprecher sagte damals: „Nahrung ist eines der wichtigsten Elemente im Kampf gegen die Sezessionisten.“Natürlich floss das meiste Geld aus Exporterlösen in die Rüstung statt in die Infrastruktur. Hätte man das nicht wissen können vor dem Benefizkonzert?
Das Dilemma vieler Wohltätigkeitsorganisationen liegt darin, dass sie sich fragen müssen, ob sie Ländern mit nicht-demokratischer Führung humanitäre Hilfe zuteilwerden lassen können. Natürlich gab es auch damals Menschen, die die Mengistu-Diktatur als etwas Großartiges betrachtet haben, weil sie scheinbar eine feudale Struktur in Äthiopien – die älteste Monarchie der Welt – zerstört hat. Leider hat man nicht akzeptieren wollen, dass dieses Unrechtsregime während des „Roten Terrors“ Hunderttausende Menschen hat umbringen lassen und Zehntausende Äthiopier ins Gefängnis geworfen hat.
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Im Juli 1986 bemängelte die britische Musikzeitschrift „Spin“, dass ein Großteil der Gelder nicht den Hungernden, sondern vor allem dem sozialistischen Programm Mengistus sowie seiner Armee zugutegekommen sei. Durch die Hilfszahlungen sei sie zur größten und am besten ausgestatteten Armee in Subsahara-Afrika aufgestiegen. Ist an der Geschichte von „Spin“ etwas dran?
Das ist vielleicht etwas übertrieben. Heute wissen wir, dass damals einer der größten Geldgeber der äthiopischen Revolutionsarmee die Sowjetunion war. Man sagt, dass Äthiopien damals mit 16 Milliarden Rubel bei der Sowjetunion „in der Kreide stand“.
Es gibt auch noch eine andere Version: die von Martin Plaut, einem Journalisten des britischen Rundfunksenders BBC. Der sagte 2010, dass die mit der Verwendung des Geldes betrauten Nichtregierungsorganisationen getäuscht und etwa 95 Millionen Dollar der Spendengelder an die Volksbefreiungsfront von Tigray weitergegeben hätten. Anstatt dieses Geld für Nahrung einzusetzen, soll diese es für Waffen und den Aufbau eines marxistischen Flügels ihrer Partei verwendet haben.
Das ist hochinteressant, und ich kann mir gut vorstellen, dass das der Wahrheit entspricht. Denn ab diesem Moment erstarkte auch die Volksbefreiungsfront TPLF in einer Art und Weise, wie man das kaum für möglich gehalten hätte.
Immerhin waren unter anderem Aregawi Berhe, der ehemalige Kommandant der TPLF, und ein Bericht der CIA Kronzeugen dieser Version. Nach einer Untersuchung durch die BBC-Beschwerde-Redaktion gab der Sender allerdings im November 2010 bekannt, es gebe keine Beweise dafür, dass Geld von „Band Aid“ oder „Live Aid“ veruntreut worden sei. Aussagen in Anspielung darauf wären besser nicht ausgestrahlt worden, hieß es. Geldof selbst sprach von einer „ungewöhnlichen Verletzung“ der BBC-Standards. Alles in allem: Kann man den Organisatoren von „Live Aid“ etwas vorwerfen?
Der Organisation kann man nicht viel vorwerfen. Ich kenne Bob Geldof gut und weiß, mit welcher Inbrunst er hinter dieser Aktion stand. Aber bitte noch ein Wort zu Herrn Plaut: Es ist sehr interessant, dass derselbe Herr, der damals diese Vorwürfe gegenüber der TPLF erhob, heute einer der größten Fürsprecher der terroristischen Organisation TPLF ist. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht mit unwahren Berichten die äthiopische Nationalarmee verunglimpft und die „ruhmreichen“ Taten der immer noch kommunistischen TPLF in der Provinz Tigray verkündet.
Es gibt ja noch einen anderen brandaktuellen Zusammenhang zu dem Thema außer dem „Live Aid“-Jubiläum. In der Region Tigray gab es nach wiederholt intensiven Kämpfen zwar einen einseitigen Waffenstillstand und den Abzug der äthiopischen Regierungstruppen, aber die Lage dort bleibt angespannt. Wie schätzen Sie die Situation dort ein?
Ich kann nur eines feststellen: Äthiopien hat leider Gottes sehr viele Feinde. Es geht nicht mehr nur um den Krieg in Nordäthiopien, in Tigray, es geht hier um die Frage, ob die nationale Souveränität und die territoriale Integrität des äthiopischen Staates bewahrt werden können oder nicht. Der Westen darf seine uralte Freundschaft mit Äthiopien nicht aufs Spiel setzen und eine sterbende, bis zum heutigen Tage kommunistische Organisation nicht einem 120-Millionen-Volk vorziehen.
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Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed Ali schloss kurz nach seinem Amtsantritt ein Bündnis mit dem ehemaligen Erzfeind Äthiopiens, Eritrea. Verkauft wurde dies als „Friedensvereinbarung“, und Abiy bekam dafür den Friedensnobelpreis. Der Inhalt des Vertrags wird allerdings bis heute unter Verschluss gehalten, und es gibt Beobachter, die davon ausgehen, dass es vor allem der Kriegsvorbereitung gegen die Regionalregierung Tigrays und die TPLF diente. War der Friedensnobelpreis Ihrer Meinung nach berechtigt?
Der Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea war ein Meisterstück des Ministerpräsidenten Abiy Ahmed, der einen 30-jährigen Konflikt beendete. Viel wird am Horn von Afrika auch in Zukunft davon abhängen, ob dieser Frieden von Dauer ist. Insofern war es richtig, dass Abiy Ahmed mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Aber das Friedensnobelpreiskomitee sollte grundsätzlich in Zukunft davon Abstand nehmen, aktive Politiker mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Es wäre viel besser, wenn diese Entscheidung erst am Ende ihrer Amtszeit fallen würde.
Die gesamte Situation ist also sehr kompliziert. In der Debatte um Sinn und Unsinn der westlichen Entwicklungshilfe gibt es vereinfacht gesprochen zwei Lager. Die einen sagen, man habe früher Fehler gemacht, nun aber werde alles gut, wenn nur genug politischer Wille und Geld auf Seiten der Industrienationen sowieehrliches Engagement und transparente Strukturen auf Seiten der Entwicklungsländer gewährleistet seien. Bob Geldof, Bono und der Ökonom Jeffrey Sachs sind die bekanntesten Vertreter dieser ersten Fraktion. Skeptiker sagen, Entwicklungshilfe schade mehr als sie nütze. Wie sehen Sie das Thema?
Es ist anzunehmen, dass Afrika und die anderen Länder der sogenannten Dritten Welt auch in nächster Zukunft auf die Großzügigkeit der Industriestaaten angewiesen sein werden. Mein persönlicher Wunsch zu diesem Thema wäre, dass sich die europäische Afrikapolitik nach der Entscheidung der Afrikanischen Union und deren fabelhafterAgenda 2063 richtet. In ihr sind wichtige Werte und Visionen der Afrikaner sowie die Annahme einer guten Regierungsführung durch alle afrikanischen Länder in einer herausragenden Rolle vorzufinden. Wenn die europäischenStaaten diese Agenda als eine „Conditio sine qua non“ (Anm. d. Red.: eine notwendige Bedingung) für die Vergabe ihrer Entwicklungshilfe als Bestandteil ihrer Afrikapolitik aufnehmen würden, glaube ich, dass wir die von Ihnen genannten Schwächen der bisherigen Entwicklungspolitik beheben könnten.
Das komplette Interview mit Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate zum Nachhören:
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