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Letzter Zug von Bio’s Bahnhof abgefahren – deutsche TV-Legende Alfred Biolek gestorben

Alfred Biolek (Archivbild) - SNA, 1920, 23.07.2021
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Der bekannte und viele Jahre äußerst einflussreiche Entertainer Alfred Biolek ist tot. Er starb nach Angaben seines Adoptivsohnes friedlich nach einer langwierigen Erkrankung. Biolek gilt als geistreicher Erfinder diverser Programmformate, aber vor allem als Geburtshelfer des modernen Talkshow-Formates im deutschsprachigen Fernsehen. Ein Nachruf.
Eigentlich schienen im Leben von Alfred Franz Maria Biolek die Weichen schon früh so gestellt, dass dem 1934 im damaligen tschechoslowakischen Freistadt (heute das tschechische Karviná) geborene Alfred eine ähnliche Karriere wie die seines Vaters vorbestimmt schien – als tiefreligiöser, katholisch sozialisierter Rechtsanwalt mit konservativen politischen Ansichten.
Und tatsächlich war Alfred Biolek Messdiener, machte Abitur, studierte Jura, trat einer katholischen Studentenverbindung bei und wurde Mitglied der CDU. Der Titel seiner Doktorarbeit klingt wie der feuchte Traum jedes fleischgewordenen Ärmelschoners: „Die Schadensersatzpflicht des Verkäufers und des Herstellers mangelhafter Waren nach englischem Recht.“ Kurz danach legte er das Zweite Juristische Staatsexamen ab und vertrat seinen an Krebs erkrankten Vater in dessen Kanzlei.

Statt Anwaltsrobe Fernsehgarderobe

Das ZDF glaubte 1963, für seine Juristische Direktion mit Dr. jur. Alfred Biolek eine perfekte Neueinstellung geschafft zu haben. Doch Biolek hatte relativ schnell keine Lust mehr an Paragraphen, sondern wollte Fernsehen machen. Und zur Verblüffung einiger alter Hasen im Business entpuppte sich der angeblich dröge Jurist als ein talentierter Fernsehjournalist.
Fernsehturm Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 21.06.2021
Ein Sommer ohne TV-Talks: „Entzugstherapie“ und „Angebote für alle“
Was oder wer genau 1969 dazu führte, dass Alfred Biolek mit seinem bisherigen Leben kurzen Prozess machte und sich komplett neu erfand, mag dahingestellt bleiben. Fakt ist, dass er seine Festanstellung beim ZDF kündigte, nach München zog und bei der dortigen Bavaria Filmgesellschaft anheuerte, einem der bedeutendsten europäischen Film- und Fernsehstudios im Besitz der ARD-Gesellschaften WDR, SWR, MDR, BR und des Freistaates Bayern. In München lernten die Kolleginnen und Kollegen einen Alfred Biolek kennen, der mit extravagantem, beinahe dandyhaftem Outfit und entsprechendem Auftreten nicht nur seine Homosexualität offen und vor allem offensiv auslebte, sondern auch seine Kreativität.

„Am laufenden Band“ kreative Fernseharbeit in „Bio's Bahnhof“

Und die hatte es wirklich in sich. Biolek entwickelte Programmformate, die nicht nur erfolgreich waren, sondern teilweise auch bahnbrechend für das deutschsprachige Fernsehen. Er umgab sich gezielt mit anderen Schöngeistern und kreativen Köpfen. Die legendäre Sendung „Am laufenden Band“ wäre ohne seine Mitarbeit als Co-Produzent von Rudi Carell so nicht Fernsehgeschichte geworden.
Mit der Sendung „Bio’s Bahnhof“ beschritt er für das deutschsprachige Fernsehen neue Wege in der Unterhaltung und machte sich so ganz nebenbei auch einen Namen als Talentejäger. Durch das Engagement in seiner Sendung konnten sich spätere Weltstars wie Kate Bush, Helen Schneider oder The Police zunächst auf dem umsatzstarken deutschen Markt vor einem Millionenpublikum etablieren.
Kameramann vor dem Logo des öffentlich-rechtlichen Sender ZDF (Archivbild) - SNA, 1920, 19.03.2021
Zu groß, zu teuer und zunehmend irrelevant – Reformkonzept für die Öffentlich-Rechtlichen
Seine Talkshows „Bei Bio“ und „Boulevard Bio“ sind bis heute Messlatte für Gesprächsformate im Fernsehen, die mehr sind als Quasselbuden oder Bühne für Selbstdarsteller. Zwölf Jahre lang befragte er im Wochentakt mehr oder weniger prominente, dafür aber interessante Menschen, mit interessanten Biographien, ohne sie voyeuristisch vorzuführen. Welches Vertrauen und welchen Respekt er genoss, mag der Umstand verdeutlichen, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seine Sendung kam, obwohl oder gerade weil es ein offenes Geheimnis war, mit welcher Mischung aus Misstrauen bis offener Verachtung der Einheitskanzler Medien gegenübertrat. Der besondere Gast sollte dem erfolgsverwöhnten Alfred Biolek aber keinen Triumph, sondern die wohl katastrophalsten Publikumsreaktionen seiner Karriere bescheren.

Biolek lebte seine Homosexualität offen statt öffentlich – eines seiner Grundprinzipien

Bioleks Renommee beruhte auf dem Prinzip des strengen Unterscheidens zwischen Offenheit und Öffentlichkeit sowie Privatem und Persönlichem. Das Prinzip funktionierte auch und gerade in seinem Privatleben so gut, dass ein großer Teil seiner Fangemeinde erst 1991 die Tatsache realisierte, dass Biolek offen, aber eben nicht öffentlich schwul lebte. Der Regisseur Rosa von Praunheim hatte seinerzeit in der RTL-Sendung „Explosiv – der heiße Stuhl“ unter anderen auch Alfred Biolek vor einem Millionenpublikum geoutet.
Biolek gestand später, dass ihn das sehr verletzt, aber auch befreit habe. Denn viele junge Schwule hätten ihm danach erzählt, dass sie ihren eher konservativen Eltern beim Coming Out erklären konnten, „Guckt mal, euer Liebling Bio, der ist auch schwul.“ Biolek konstatierte: „Irgendwo hat dieser Schlag auch eine Verspanntheit gelöst, die danach weg war“, ließ er später in seiner Autobiographie schreiben. Schreiben ließ er deshalb, weil Biolek bei der Veröffentlichung von „Bio. Mein Leben“ 2006 unumwunden erklärte, da er von sich glaube, dass er nicht schreiben könne, habe er den Kunsthistoriker und Autoren Veit Schmidinger gebeten, das Buch zu schreiben, und ihm durch Briefe über sein Leben berichtet.

Durch Kochen Gesprächspartner „öffnen“ – „Alfredissimo!“ wird ein Fernsehereignis

Nachdem er das Format von „Boulevard Bio“ für ausgereizt hielt, aber das Format Talkshow noch nicht, hatte er 1994 den brillanten Einfall, seine Leidenschaft fürs Kochen mit der Tatsache zu verbinden, dass die Ablenkung durch das Hantieren im privaten Umfeld einer Küche und gleichzeitigen Smalltalk seine Gäste erheblich leichter öffnete als in einer statischen Studioatmosphäre mit Sitzgruppe und Publikum.
„Alfredissimo!“ wurde nicht nur als Talkshow ein Riesenerfolg, sondern läutete auch eine Renaissance des Formats der Kochsendungen im deutschsprachigen Fernsehen ein. Das Ritual des Präsentierens des passenden Weines und des gemeinsamen Anstoßens noch vor Beginn des eigentlichen Kochens wurde zu einem auch vielfach karikierten „Running Gag“ der Sendung.
Die tschechische Schauspielerin Libuše Šafránková - SNA, 1920, 09.06.2021
Trauriges Weihnachten 2021 – „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-Star Libuše Šafránková verstorben
Alfred Biolek entwickelte und produzierte mit seiner Gesellschaft „Pro GmbH“ so erfolgreiche Sendungen wie „Mitternachtsspitzen“, „Nightwash“ oder „Menschen bei Maischberger“ und stellte auch das Management für Dirk Bach und Ralph Morgenstern, zwei andere offen schwul lebende Künstler.

Gesellschaftspolitisch aktiv – und der Rückzug ins Private

Biolek engagierte sich auch gesellschaftspolitisch. Er war UN-Sonderbotschafter für Weltbevölkerung und setzte sich für die Eindämmung von AIDS in Afrika ein. Für die dort lebenden Menschen war auch seine 2005 gegründete „Alfred Biolek Stiftung – Hilfe für Afrika“ gedacht. Er unterstützte die deutsche Kleinkunstszene und blieb bis ins hohe Alter mit diversen kleinen Formaten in ganz Deutschland aktiv.
Biolek hatte 1984 seinen damaligen Lebensgefährten adoptiert. Keith Biolek-Austin starb im April 2021 in den USA im Alter von 58 Jahren. 2014 adoptierte Alfred Biolek einen engen Freund seines Adoptivsohnes. Scott Biolek-Ritchie, der wie sein Adoptivvater in Köln, aber in getrennten Wohnungen lebt, pflegte Alfred Biolek, als dieser sich 2010 nach einem Sturz schwere Schädelverletzungen zuzog und zeitweise im Koma lag. Die Spätfolgen dieser Verletzungen und andere Altersgebrechen setzten Biolek in seinen letzten Lebensjahren immer mehr zu.
Alfred Biolek sei nun in seiner Kölner Wohnung „friedlich eingeschlafen“, teilte sein Adoptivsohn mit.
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