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Entsetzt und verzweifelt: Augenzeugen berichten von Hochwasser-Katastrophe

© AP Photo / Michael ProbstFolgen der Überschwemmung in Erftstadt
Folgen der Überschwemmung in Erftstadt - SNA, 1920, 20.07.2021
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Braunes Wasser in Häusern und Straßen, Autos in Gräben und auf Restaurantterrassen, alles ist voller Müll und Schlamm – so sieht Deutschland fünf Tage nach Beginn der Flutkatastrophe aus. Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Während sich das Wetter langsam bessert, werden auch immer mehr Einzelgeschichten und Schicksale bekannt.
Über die Geschichte von Monika Dewald, Senior-Chefin der Tankstelle in Dernau, Rheinland-Pfalz, berichtete der „Südwestrundfunk“. Am Mittwochabend wollte die Frau eigenen Angaben zufolge „schnell noch ein paar Sachen in Sicherheit bringen“. Doch dies konnte sie nicht mehr schaffen: Als sie sah, wie Wasser durch die Kellerfenster in ihr benachbartes Wohnhaus lief, riefen ihre Kinder sie ins Haus. Doch auch im Haus stieg das Wasser sehr schnell: Die Möbel fingen an, zu schwimmen. Während um das Haus herum das Wasser tobte, harrte Familie Dewald die ganze Nacht auf dem Dach aus, zusammen mit einer Katze und zwei Schildkröten.
Erst am frühen Morgen wurde die Familie von der Feuerwehr entdeckt und nach insgesamt zwölf Stunden auf dem Dach schließlich aus der Luft gerettet, mit einem Hubschrauber.
„Wir waren bis dahin alle tapfer. Wir haben nicht geweint. Aber ich hab gebetet. Ich habe sehr viel gebetet“, sagte die Frau gegenüber dem „SWR“.
Viele Menschen verloren durch die Überflutungen alles – Kummer, Schmerz und Leid liegt in der Luft. Auch die 82-jährige Ilse von Rauchhaupt hat nach der Katastrophe keine Heimat mehr, in die sie zurückkehren könnte. Die Frau verlor durch die Überflutungen ihr Haus in Walporzheim im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz, wie der „Norddeutsche Rundfunk“ berichtete. Glücklicherweise befand sich die Rentnerin zum Zeitpunkt des Unwetters zur Kur auf Sylt. Bürgermeister Benck der Norddeutschen Stadt List stellt ihr eine Bleibe zur Verfügung – ein Retter in der Not. In einer Gemeinde-Wohnung darf die Rentnerin nun bis zu vier Wochen bleiben.
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„Niemand hat mit so einem Ausmaß gerechnet“

Christin Pitzen ist alleinerziehend und lebt mit ihren drei Kindern in Üxheim, einer Ortsgemeinde im Landkreis Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz. Das Haus von Christin ist nur wenige Meter vom Ahbach, einem 21 km langen Nebenfluss der Ahr, entfernt.
Christin erzählte dem Portal „wetter.com“, dass es am Mittwochmorgen durchaus Warnungen vor Überflutungen gegeben habe. Aus diesem Grund wollte sie mit ihren Kindern zu Hause gemütlich Waffeln backen – wie an einem typischen Regentag.
„Niemand hat mit so einem Ausmaß gerechnet“, sagte sie.
„Ich schaute dann aus dem Fenster und merkte, dass der Pegel vom Bach wirklich sehr, sehr, sehr rasant stieg, also man konnte wirklich dabei zugucken“, schilderte sie gegenüber dem Portal die Lage. Im Ahbach stehe das Wasser normalerweise sehr niedrig, “höchstens kniehoch”, erklärt Christin.
Als das Wasser schließlich über die Ufer getreten sei, habe man gesehen, wie schnell es sich vor dem Haus ausbreiten konnte.
„Mir liefen die Tränen, ich bin verzweifelt gewesen, ich wusste nicht, was ist jetzt“, erklärt sie ihre Gefühlslage bei dem Anblick.
Schließlich kam es dann abends zur Evakuierung. Da das Haus hinten höher liegt als vorne, konnten Christin und ihre Kinder das Zuhause selbstständig über die Hintertür verlassen.
Sie rannten raus in den Regen und wollten in einer Jugendherberge in Gerolstein Schutz suchen. Jedoch sei diese überhaupt nicht erreichbar gewesen, aufgrund der Überschwemmungen auf den Straßen.
„Ja, das Ende vom Lied war, dass wir keine andere Möglichkeit hatten, als abends um 21:30 Uhr wieder zurück ins Haus zu gehen“, erklärte Christin.
Zu diesem Zeitpunkt stand das Wasser ihr zufolge etwa zehn Zentimeter hoch im Erdgeschoss.
Die Nacht hat die Familie zum Glück unbeschadet überstanden, das Wasser ging zurück. Mit ihrem 17-jährigen Sohn habe sie die ganze Nacht Wache gehalten, um im Notfall schnell reagieren zu können.
„Die Kinder haben geweint, die haben geschrien vor Angst“, so Christin.
Unter den Todesopfern der Flutkatastrophe sind auch zwölf Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Sinzig. Ein Mann konnte überleben, nachdem er sich vier Stunden an einem Fenster festgeklammert hatte.
„Nur sein Kopf ragte über dem Wasser“, erzählte eine Nachbarin, die gegenüber der Einrichtung wohnt, der „Bild“-Zeitung. „Er schrie um sein Leben. Es war unfassbar schlimm, weil ich nicht eingreifen konnte“, so die Frau.
Den Opfern des verheerenden Hochwassers helfen aktuell hunderte Einsatzkräfte. „Einfach unbeschreiblich“ seien die Emotionen der Opfer der Hochwasserkatastrophe gewesen, sagte Thorsten Becker von der Mannheimer Feuerwehr (Baden-Württemberg) gegenüber dem Südwestrundfunk.
„Die Anwohner haben die letzten Reste an Essen und Trinken, die sie noch hatten, mit uns geteilt, während sie auf der anderen Seite der Straße mit völlig vermatschten und verschlammten Händen ihr Hab und Gut aus dem Keller rausgeräumt haben, mit Tränen in den Augen“, so Becker.
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Auch Helfer aus der Region Stuttgart sind bereits zurück aus den Hochwassergebieten im benachbarten Bundesland. Bei Feuerwehrmann Simon Jaeckle aus Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) hat das Erlebte bleibenden Eindruck hinterlassen. „Ich bin daheim angekommen und es war irgendwie surreal, weil man immer noch im Hintergrund weiß: Es gibt Leute, die haben ihr Hab und Gut verloren, und ich komm heim und hab Strom und fließend Wasser. Es war schon ein bisschen komisches Gefühl.”

Unwetter-Katastrophe in Deutschland

Nach heftigen Regenfällen war es seit Mittwoch in mehreren Bundesländern zu Überflutungen gekommen. Nach aktuellem Stand sind mindestens 163 Menschen ums Leben gekommen, viele weitere werden vermisst. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verursachte die Naturkatastrophe bislang am meisten Schäden. Besonders stark betroffen sind in Rheinland-Pfalz der Landkreis Ahrweiler, das Gebiet Eifel und die Stadt Trier. In Nordrhein-Westfalen sind es die Städte Hagen und Wuppertal sowie der Kreis Euskirchen, der Rhein-Sieg-Kreis und Teile des Bergischen Landes.
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