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„Das ist einfach Bullshit!“ – Sintflut in Deutschland und Wahlwerbung im ZDF-Talk

ZDF-Logo (Symbolbild) - SNA, 1920, 16.07.2021
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Die ZDF-Chefetage hat prompt reagiert: Statt des geplanten Talks zum Thema Außenpolitik wurde am Donnerstagabend eine Runde zum Thema Sintflut in Westdeutschland zusammengetrommelt. Bemerkenswert: Keine Grünen bei einer hochaktuellen Talkshow zum Thema Klimawandel waren dabei.
Am Anfang wurde Armin Laschet aus dem Katastrophengebiet in Stolberg bei Aachen live zugeschaltet. Ein hochdramatisches Bild: Der 60-jährige Kanzlerkandidat in einer nassen Jacke und mit besorgter Miene, dennoch sehr präsent und konzentriert. Blinkendes Blaulicht im finsteren Hintergrund sorgt für noch mehr Dramatik und Spannung.

Armin Laschet in nasser Jacke und frischem Hemd

Tief bewegt berichtet der NRW-Ministerpräsident über seine Eindrücke von der Tragödie. Gekonnt macht er aber auch den Übergang zum gewohnten Themenbereich: „Das Denken an die Opfer ist jetzt genauso wichtig wie die politische Diskussion, die sich jetzt gleich anschließt.“ Und in dieser anschließenden politischen Diskussion postuliert der CDU-Politiker, seine Partei habe in puncto Klimaschutz in den letzten Jahren so ziemlich alles richtig gemacht und in der zurückliegenden Wahlperiode „eine der größten CO2-einsparenden Maßnahmen begonnen“.
„Die Große Koalition hat so viel im Senken von CO2 geleistet wie keine Bundesregierung seit vielen, vielen Jahren“, betont Laschet, der selbst in der finsteren und regnerischen Nacht in Stolberg bei Aachen seine Wahlkampagne im Auge behalten muss. Aber es werde „seine Zeit brauchen, bis wir die gesamte Industrie klimaneutral“ und die ganze Umstellung „sozial verträglich“ machen. Denn „Sie, Frau Illner, und ich und viele am Tisch bei Ihnen werden weiter fliegen können, selbst wenn das Fliegen teurer würde“, bemerkt der Kanzlerkandidat, der unter der Regenjacke immerhin ein frisches Hemd blendend weiß leuchten lässt. „Also muss man das sozial verträglich gestalten.“
Ich bin richtig wütend!“
Sobald Laschet vom Bildschirm verschwindet, schaltet der TV-Entertainer und Mediziner Eckart von Hirschhausen sein kritisches Temperament ein:

„Die Arroganz der Politiker – ‚Ja ja, wir machen ja schon so viel‘ – ist einfach Bullshit!“

Und: „Ich bin richtig wütend, weil ich sehe, wie die Menschen leiden!" Als eines der reichsten Länder der Welt hätte Deutschland längst 100 Prozent erneuerbare Energie haben können, behauptet er. Überhaupt sei der Klimawandel die größte Gesundheitsgefahr für die Menschheit – immerhin seien 2020 in Deutschland mehr Menschen an Hitze gestorben als an Covid.
Apropos Covid: Wenn man von Corona spricht, ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach stets irgendwo in der Nähe. Für die Zeit, wenn die Pandemie einmal abklingen sollte, hat der Politiker vorgesorgt und sich auf ein weiteres ersprießliches Thema umgestellt: Bei „Maybrit Illner“ erfährt man nun, dass er gerade an einem Buch zum Klimawandel schreibe – selbstverständlich, wie auch beim Thema Corona, in seinem beliebten Unker-Stil.

„Wir werden mehr von diesen Unwettern haben“, prophezeit er. „Egal, was wir jetzt machen, wird sich die Situation bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr verbessern, sondern tendenziell nur verschlechtern.“

Eckart von Hirschhausen, der sich als versierter TV-Entertainer dessen völlig bewusst ist, dass er sich in einer Show befindet, rückt wieder in den Vordergrund – mit einer noch provokativeren Wortwahl:
„Diese Priorisierung von Wirtschaft geht mir derartig auf den Sack!“
Überschwemmung in Erftstadt, Nordrhein-Westfalen - SNA, 1920, 16.07.2021
Westdeutschland nach tödlichen Überflutungen – Lage vor Ort

„Der Klimaschutz spart uns Geld“

CDU-Fraktionschef Andreas Jung, sein Gegenüber am Tisch, verkörpert dagegen Besonnenheit und Ruhe. „Technologieführerschaft ist eine Überlebensfrage der deutschen Wirtschaft“, stellt er fest und fährt dann auf Laschets Schiene weiter: „Wir müssen den Klimaschutz mit Innovationen erreichen. Wir wollen zeigen, dass es geht, Industrie klimaneutral zu machen und Mobilität für alle klimaneutral zu erreichen.“
Damit ist die Runde wieder bei Politik.
Herr Laschet wird nicht mehr politisches Kapital schlagen können aus dieser Flut, wie das Schröder 2002 konnte“, meint die „Spiegel“-Journalistin Christiane Hoffmann, „weil man dabei den Klimawandel immer mitdenkt und auch die Rolle der CDU, die bisher ja immer gebremst hat.“
Aber auch die Grünen mussten mittlerweile einsehen, dass sie mit ihren Klimaschutz-Losungen nicht mehr richtig auftrumpfen können. „In dem Moment, wo die Grünen gesagt haben, der Sprit wird bei uns um 16 Cent teurer, sind sie zwei Punkte in den Umfragen runtergesackt“, konstatiert sie.
„Der Klimawandel kostet enormes Geld“, betont Wirtschaftsforscherin Claudia Kemfert. „Klimaschutz spart uns dieses Geld!“ Diese Erkenntnis sei auch Jahrzehnte alt, bisher wollte aber niemand von der Politik darauf richtig reagieren. Eine Wende sei aber immer noch in kürzester Zeit möglich, wenn nur der politische Wille dazu an den Tag gelegt werde.
Dies wäre eine überaus passende Ansage für einen grünen Politiker in der Runde gewesen. Bleibt die Frage, warum niemand von den Grünen zu der Talkshow zum Thema Klimaschutz eingeladen wurde. Mag allerdings auch sein, dass sie keinen zuverlässig gescheiten Kopf auf die Schnelle mobilisieren konnten, weil diese gerade bis über beide Ohren in der Begrenzung des von ihrer Kanzlerkandidatin verursachten Schadens stecken.
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