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Afghanistan
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Warum die Amerikaner in Afghanistan versagt haben – Politologe klärt über Gründe auf

© Foto / Public domain / Master Sgt. Alejandro LiceaAmerikaner in Afghanistan (Archivbild)
Amerikaner in Afghanistan (Archivbild) - SNA, 1920, 16.07.2021
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Die Gründe dafür, warum die USA, die mächtigste Militärmacht der Welt, in Afghanistan versagt haben, sieht der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Hannes Hofbauer darin, dass sie mit ihren Freunden und Feinden instrumentell verfahren. Das habe sich schon an vielen Schauplätzen gezeigt.
In Afghanistan werde diese menschenverachtende Machtpolitik besonders deutlich, sagte Hofbauer im SNA-Interview. „Nach dem Einmarsch der Sowjetunion 1979, mit dem Moskau sich in den politischen Hexenkessel Afghanistan auf Seiten einer zur Zusammenarbeit gezwungenen kommunistischen Partei einmischte, setzten die USA auf den radikalen Islamismus. Ohne die finanzielle und logistische Unterstützung Washingtons hätte es keinen Aufstieg Osama bin Ladens oder später der Taliban* gegeben. Die USA haben aus lokalen islamischen Gotteskriegern international tätige Terroristen gemacht und diese dann als ,Freiheitskämpfer‘ tituliert – übrigens nicht nur in Afghanistan, sondern später auch in Bosnien.“
„Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 war den USA der große Feind abhandengekommen“, so der Publizist weiter. „Dem wirtschaftlich bedeutsamen militärisch-industriellen Komplex drohte die Geschäftsgrundlage verlorenzugehen, und die geopolitischen Falken suchten nach neuen Feindbildern. Nach dem 11. September 2001 war mit dem ,Krieg gegen den Terror‘ ein neuer, fast imaginärer Feind ausgemacht: die islamische Welt. Flugs wurden auch ehemalige Verbündete Gegner. Die Gründe für die Niederlage der USA in Afghanistan gleichen jenen der Sowjetunion: In einem fremden Land mit einer völlig fremden und als immer feindseliger begriffenen Kultur kann man militärisch nichts ausrichten.“

Konsequenzen für die zentralasiatischen Nachbarn Afghanistans

„Geopolitische Kräfteveränderungen – und mit einer solchen haben wir es zweifelsfrei zu tun – bergen immer große Risiken einer Destabilisierung in sich“, ist sich Hofbauer sicher. „So auch der Vormarsch der Taliban in Afghanistan. Entscheidend könnte sein, ob es den Taliban gelingt, eine Zentralmacht aufzubauen und die in Volksgruppen und Klans zersplitterte demographische Landschaft in Afghanistan unter Kontrolle zu bringen. Ihr Anspruch – so archaisch er sich für aufgeklärte Europäer auch anhört – dürfte ein solcher sein: dieradikale Auslegung des Koran als einigendes gesellschaftliches Band. Es ist schwer vorstellbar, dass eine solche Idee einer Gesellschaft für Bevölkerungsteile in Nachbarländern attraktiv ist. Aber das ist von Europa aus kaum zu beurteilen.“

Eine Katastrophe für die Afghanen?

„Die USA waren niemals eine Schutzmacht für die einfache Bevölkerung, sondern ein fremder Eindringling“, so der Politologe. „Insofern war ihre Intervention sowie ihre 20-jährige Anwesenheit eine Katastrophe für das Land. Für Teile der afghanischen Bevölkerung, insbesondere die in Städten lebenden höher Gebildeten, wird die Katastrophe auf anderer Ebene weitergehen.“
Eine Massenmigration nach Europa, so wie sie 2015 aus den Flüchtlingslagern rund um Syrien stattgefunden und alle Schichten betroffen hat, erwartet Hofbauer nicht. „Allerdings werden all jene Afghanistan fluchtartig verlassen (müssen), die sich in den vergangenen Jahren in den Dienst der USA und ihrer Verbündeten gestellt haben: Übersetzer, Chauffeure, Hilfskräfte aller Art. Und auch jene, die sich an ein ,modernes‘ Leben gewöhnt haben, werden eine Flucht in Erwägung ziehen. Vergleichbar mit einem vom Bürgerkrieg verheerten Syrien, in dem Millionen bereits jahrelang in Flüchtlingslagern außerhalb des Landes elendiglich gelebt hatten, bevor sie den Weg nach Europa antraten, ist das allerdings nicht.“
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Kommt jetzt der islamische Gottesstaat mit dem Recht der Scharia?

„Von der Einführung der Scharia unter einer Taliban-Regierung müssen wir wohl ausgehen“, behauptet der Publizist. „Das ist ja das oberste Ziel der ,Koranschüler‘. Ihre internationale Ausrichtung würde auch einen expansiven Charakter nahelegen, von dem meiner Meinung nach dennoch nicht auszugehen ist; auch deshalb nicht, weil alle Nachbarstaaten genau dies schon in Ansätzen verhindern werden.“
Was die Rolle Russlands beim Schutz der gemeinsamen Grenzen der Länder der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, in erster Linie Tadschikistans und Usbekistans betrifft, so sei sie enorm groß, urteilt Hofbauer, umso mehr, als dass sich ja die USA und ihre Verbündeten aus Afghanistan zurückziehen. „Und die Tatsache, dass sich Moskau dafür entschieden hat, mit den Taliban im Gespräch zu bleiben, gibt Hoffnung. So hatten Anfang Juli 2021 Taliban-Vertreter den russischen Beauftragten für Afghanistan in Moskau getroffen und anschließend in einer Pressekonferenz deutlich gemacht, dass sie dafür sorgen würden, dass von Taliban-kontrollierten Gebieten keine Aggression gegen Nachbarn ausgehen würde.“
Insbesondere im Visier der Taliban stünde der „Islamische Staat“**, so der Taliban-Vertreter. Der russische Außenminister Sergej Lawrow wiederum ließ verlauten, dass Russland keinen Grund zum militärischen Einschreiten sehe, solange Kampfhandlungen nicht auf Nachbarregionen überschwappen würden, „was insofern bemerkenswert pragmatisch ist, als dass die Taliban in Russland als terroristische Organisation gelten“, resümiert der Experte.
Hannes Hofbauer, Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Publizist, lebt in Wien. Von ihm ist unter anderem das Buch „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ erschienen.
*Unter anderem von der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Russland, Tadschikistan, Weißrussland) als Terrororganisation eingestuft, deren Tätigkeit in diesen Ländern verboten ist.
**Terrorvereinigung, in Deutschland und Russland verboten
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