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„Auch in Pandemien sofort zum Arzt“: 44 Prozent weniger behandelte Herzinfarkte im ersten Lockdown

© CC0 / Pexels / PixabayHerzinfarkt (Symbolbild)
Herzinfarkt (Symbolbild) - SNA, 1920, 15.07.2021
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Haben Leute mit Herzinfarkt sich im ersten Lockdown nicht ins Krankenhaus getraut? Darauf deuten Daten des Augsburger Herzinfarkt-Registers und Aussagen von Herzinfarkt-Patienten hin, wie eine neue Studie zeigt. SNA hat bei Timo Schmitz, einem der beteiligten Forscher, nachgefragt.
Der erste Lockdown kam plötzlich und traf viele unvorbereitet. Das damals noch recht unerforschte Corona-Virus sorgte in der Bevölkerung für Unsicherheit und zum Teil auch für fatale Ängste, wie eine Auswertung von Daten des Augsburger Herzinfarktregisters zeigt. Um 44 Prozent sind Behandlungen von Herzinfarkten im ersten Lockdown im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres zurückgegangen. Hatten die Menschen wirklich auch bei so einer schwerwiegenden Erkrankung die Krankenhäuser gemieden? Das wollte SNA von Timo Schmitz vom Lehrstuhl für Epidemiologie an der Universität Augsburg wissen, der an der Auswertung beteiligt war.
Herr Schmitz, Sie haben sich die Zahl der Herzinfarktbehandlungen im ersten Lockdown angeschaut und haben einen Rückgang um 44 Prozent festgestellt. Haben da wirklich Menschen einen Herzinfarkt in den eigenen vier Wänden überstanden, statt den Notarzt zu rufen?
Wir sind ein bevölkerungsbasiertes Herzinfarktregister, wir erfassen alle Herzinfarktfälle in der Region Augsburg. Wir haben gesehen, dass in den ersten fünf Wochen, der Hauptphase des Lockdowns 44 Prozent weniger Herzinfarkte im Krankenhaus behandelt wurden. Da stellt sich dann natürlich die Frage: Woher kommt dieser Rückgang oder welche Bedeutung hat er?
Könnte das auch am massiven Homeoffice liegen, wo einge Stressfaktoren dann weggefallen sind?
Da gibt es im Wesentlichen zwei Hypothesen, die infrage kommen. Die erste wäre natürlich, dass einfach weniger Herzinfarkte stattfinden und deswegen auch die Krankenhausaufnahmen wegen akutem Herzinfarkt zurückgehen. Man könnte sich überlegen, dass es an dem verringerten Arbeitsstress und körperlichen Stress durch die Lockdown-Situation lag. Gegen diese Hypothese spricht aber, dass wir einen Rückgang von Herzinfarktpatienten in allen Altersgruppen gesehen haben – auch bei den Über-70-Jährigen, die zu dem Zeitpunkt überwiegend bereits in Rente waren. Da ist das Argument nicht mehr so plausibel. Außerdem weiß man aus anderer Forschung, dass die Pandemie viel zusätzlichen psychologischen Stress verursacht hat, sodass das Argument des Stresswegfalls unplausibel scheint.
Und die andere Möglichkeit ist Angst vor Corona?
Genau. Die zweite große Hypothese ist: Die Herzinfarkte fanden tatsächlich statt, aber viele Patienten haben aufgrund der Angst vor einer Covid-19-Infektion im Krankenhaus gezögert, ärztliche Hilfe zu suchen und entsprechend gingen die Behandlungen im Krankenhaus um fast 50 Prozent zurück. Diese Angst vor der Infektion ist keine reine Hypothese, wir haben versucht, sie weiter zu erforschen. Wir haben die Patienten, die dann tatsächlich wegen akutem Herzinfarkt ins Krankenhaus kamen, gefragt mit einem Fragebogen, um herauszufinden, was die Gedanken und Ängste in den letzten Wochen vor dem Herzinfarkt waren, als die Corona-Situation schon immanent war. Und wir haben gesehen, dass bei den meisten die Angst vor einer Covid-Erkrankung tatsächlich stark ausgeprägt war. Auf der Grundlage gehen wir davon aus, dass die zweite Hypothese eher zutrifft als die erste, dass die Infarkte also tatsächlich stattfanden, aber deutlich seltener aus Angst vor einer Infektion behandelt wurden.
Menschliches Herz (Symbolbild) - SNA, 1920, 26.04.2021
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Wenn man jetzt versuchen will herauszufinden, wie viele Herzinfarkte tatsächlich aus Corona-Angst nicht behandelt wurden, welche Daten braucht man da, um eine realistische Zahl zu erhalten?
Wir sind ja ein bevölkerungsbasiertes Register und eine repräsentative Studienregion. Bei uns waren es in den fünf Wochen etwa 40 Herzinfarktfälle weniger vor dem Covid-Lockdown. Das Ganze könnte man schätzungsweise hochrechnen, auf Bayern oder Deutschland etwa. Es gibt auch natürliche Schwankungen. Wir haben deswegen für die Zukunft auch eine Auswertung der prähospital Verstorbenen geplant, also solchen Patienten, die es nicht mehr ins Krankenhaus geschafft haben. Wir erfassen dabei die Totenscheine und können dann die wahrscheinlichste Todesursache zuordnen. Wenn Hypothese zwei zutrifft, könnte man in diesem Zeitraum eine erhöhte Zahl solcher prähospital „Koronar-Toten“, wie wir sie nennen, feststellen. „Koronar-Tote“ sind Menschen, die mit Symptomen verstorben sind, die für einen Herzinfarkt typisch sind. Das werden wir aber erst sehen können, wenn uns diese Daten vollständig vorliegen. Es kann auch sein, dass die Folgen unbehandelter Herzinfarkte erst Monate oder Jahre später auftreten. Solche Fälle könnte man aus den Daten schlecht herauslesen.
Was Sie auf jeden Fall wissen, ist, dass Leute sehr oft Angst vor einer Infektion im Fragebogen angekreuzt hatten und das bestimmt in einigen Fällen für Hinauszögern oder Fernbleiben gesorgt hat. Da stellt sich natürlich auch die Frage: Was hätte man besser machen können? Gab es ein Problem in der Kommunikation im ersten Lockdown vonseiten der Einrichtungen, die für die Gesundheit der Menschen sorgen sollen oder hatten die Menschen selbst gehäuft falsche Entscheidungen getroffen? Da könnte man ja eine Lehre für künftige Pandemien mitnehmen.
Das ist der Haupt-Appell, den wir aus unseren Daten nach draußen schicken möchten: Die Situation (Anm.d.Red.: im ersten Lockdown) war außergewöhnlich, keiner hat sie so kommen sehen und es war praktisch nicht möglich, sich mental darauf vorzubereiten. Aber: Auch in einer Pandemiesituation sollte man auf jeden Fall mit für Herzinfarkte typischen Symptomen auf jeden Fall den Arzt aufsuchen und gegebenenfalls ins Krankenhaus kommen. Die Hygienemaßnahmen sind sehr hoch und die Komplikationen nach unbehandeltem Herzinfarkt überwiegen die Gefahr einer Infektion sicherlich deutlich. Rückblickend kann man sagen: Man hätte diesen Appell schon früher nach draußen geben müssen, dass es keinen Sinn macht wegen der Covid-Situation mit schwerwiegenden Symptomen zuhause zu bleiben. Aus heutiger Sicht würde man auf jeden Fall sagen: Alle Patienten mit entsprechenden Symptomen sollen auf jeden Fall ins Krankenhaus gehen, auch wenn ein Lockdown ist oder eine Pandemie vorherrscht.
Das Interview mit Timo Schmitz zum Nachhören:
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