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Bericht aus Lugansk: „Eine Zukunft mit der Ukraine kann sich so gut wie keiner vorstellen“

© Foto : Zukunft DonbassEinschusslöcher in Solotoe 05, Lugansker Volksrepublik
Einschusslöcher in Solotoe 05, Lugansker Volksrepublik - SNA, 1920, 15.07.2021
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Seit Jahren liefert der Verein „Zukunft Donbass“ medizinisches Gerät, aber auch Dinge des täglichen Bedarfs an zahlreiche Kliniken, Altenheime und Kindergärten in der nicht anerkannten Volksrepublik Lugansk. Die Leiterin des Vereins, Iwana Steinigk, war selbst vor Ort und berichtet SNA im Interview exklusiv von ihren Eindrücken aus der Ostukraine.
Frau Steinigk, Sie wollten Sie sich selbst ein Bild machen von dem aktuellen Leben vor Ort in der nicht anerkannten Volksrepublik Lugansk und waren seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder dort. Wie sind Sie hingefahren, mit dem LKW mit einer der Hilfslieferungen Ihres Vereins oder separat?
Ich bin separat gefahren. Es war einfach mal wieder an der Zeit, dort vorbeizuschauen und zu gucken, sind die Spenden angekommen und auch wirklich dort gelandet, wo wir das vorgesehen hatten. Ich habe also eine ganze Liste von Krankenhäusern besucht und abgearbeitet und mich persönlich davon überzeugt, wo unsere vor allem in Thüringen und Sachsen, aber auch in anderen Bundesländern gesammelten Spenden hingekommen sind.
Wann waren Sie das letzte Mal da?
Ich war 2019 zum letzten Mal vor Ort.
Was hat sich seitdem verändert? Wie war Ihr Eindruck?
Erschreckend für mich zu beobachten war, dass die Menschen sich an diesen Kriegszustand gewöhnt haben. Sie leben damit. Das ist auf der einen Seite sehr deprimierend, dass man überhaupt in so einem Zustand leben kann, dass das irgendwie Alltag ist. Auf der anderen Seite haben sie aber trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie gehen noch immer alle davon aus im Gespräch, dass es irgendwann besser wird.

Das Wichtigste: Ende des Beschusses

Was hoffen die Menschen denn, was hätten Sie gern als Lösung?
In erster Linie wünschen sie immer noch, dass der Beschuss aufhört, der nach wie vor stattfindet. Gerade im Frontbereich wird nach wie vor täglich geschossen, also diese gesamte Demarkationslinie hoch und runter, sei es nun in der LNR („Lugansker Volksrepublik“) oder DNR („Donezker Volksrepublik“). Die Leute, die dort leben, sind davon ganz konkret betroffen. In den Städten im Hinterland und in Lugansk selbst merkt man von diesem Beschluss weniger. Man sieht dort nur noch Kriegsruinen aus den Jahren 2014 und 2015, als Lugansk direkt angegriffen und bombardiert wurde aus der Luft. Aber ich bin diesmal mit meinen Partnern vor Ort auch direkt in die Frontgebiete gefahren, nach Solotoe 05, etwa drei Kilometer von den ukrainischen Stellungen entfernt. Dort gibt es Häuserlinien, die wirklich wie Streuselkuchen aussehen, gesprenkelt mit Einschusslöchern. Diese Dörfer im Frontbereich werden nach wie vor fast täglich beschossen, meist abends und früh morgens. Und damit leben die Leute. Ich will nicht sagen, dass sie sich dran gewöhnt haben, aber sie leben damit und wissen, wann sie auf die Straße oder in ihren Gemüsegarten zur Selbstversorgung gehen können und wann nicht. Und wenn man dann überlegt, dass das ein europäisches Land und nicht so weit weg ist von uns…
Sie sagen „Selbstversorgung“, wie ist denn die Versorgungslage? Ich nehme an, ein Großteil der Produkte kommt inzwischen aus Russland?
Die Waren kommen größtenteils aus Russland. In der LNR gibt es aber auch eigene Lebensmittelbetriebe, also Molkereibetriebe, Großbäckereien oder auch Konservenfabriken. Also man kann alles kaufen. Die Geschäfte verfügen über genügend Waren. Es gibt kein Versorgungsdefizit. Aber die Preise sind recht hoch. Russisches Preisniveau. Es ist kein Unterschied, ob man jetzt in Rostow am Don im Lebensmittelladen steht oder auf dem Markt in Lugansk.
© Foto : Zukunft DonbassKinder freuen sich über Spenden im Kindergarten in Lugansk
Kinder freuen sich über Spenden im Kindergarten in Lugansk - SNA
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Kinder freuen sich über Spenden im Kindergarten in Lugansk
© Foto : Zukunft DonbassKrankenhaus in Lugansk
Krankenhaus in Lugansk - SNA
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Krankenhaus in Lugansk
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Kinder freuen sich über Spenden im Kindergarten in Lugansk
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Krankenhaus in Lugansk

Große Resignation und ein optimistisches In-die-Zukunft-Schauen

Und im Vergleich zu vor zwei Jahren: ist es besser oder schlechter geworden oder stagniert es?
Mein Eindruck war, dass es irgendwo feststeckt, stagniert. Gerade, was die medizinischen Einrichtungen angeht, die Krankenhäuser, die Kliniken, die wir ja mit unserem Spenden in erster Linie versorgen, da bewegt sich relativ wenig bis gar nichts. Das hängt einfach damit zusammen, dass diese kleine selbsternannte Republik nicht über genügend Haushaltsmittel verfügt, um neue Ausstattung anzuschaffen. Man arbeitet mit dem, was vor 2014 angeschafft wurde und das war ja schon eher bescheiden. Schon zu Ukrainezeiten ist dort in den Krankenhäusern ziemlich wenig modernisiert worden. Die Geräteausstattung stammt zum Teil noch aus den 1990er oder 1980er Jahren.
Ist denn das MRT-Gerät, das Sie aus Deutschland nach Lugansk geliefert hatten, inzwischen in Betrieb?
Noch nicht ganz, aber es steht kurz vor der Vollendung. Der Raum für das Gerät ist fertig. Nun wird das MRT noch einmal technisch überprüft, ob es funktionsfähig ist.
Wie ist die Stimmung unter den Menschen, was haben Sie gespürt in den Gesprächen?
Auf der einen Seite eine große Resignation. Auf der anderen Seite, gerade bei den Jüngeren, auch ein optimistisches In-die-Zukunft-Schauen.
In was für eine Zukunft?
In eine Zukunft in Frieden.
In Russland, in der Ukraine oder für sich?
Eher in Russland. Wobei dies ein spannungsgeladener Diskussionspunkt ist. Der überwiegende Teil der Älteren, mit denen ich bei meinem Besuch gesprochen habe, wünschen sich, dass sie von Russland aufgenommen und ein Teil der Russischen Föderation werden. Die jüngeren Leute können sich auch weiter eine Selbständigkeit vorstellen, als eigenes Staatengebilde, kulturell und politisch aber nahe an Russland. Eine Zukunft mit der Ukraine kann sich so gut wie keiner vorstellen.
Ihr Thema ist in erster Linie die Solidarität und nicht die Politik. Ganz ohne geht es aber leider nicht bei dem Thema. Der ukrainische Präsident Wladimir Selenski hatte als Hauptwahlversprechen ausgegeben, den Krieg im Donbass zu beenden. Glaubt da noch jemand dran in der Ostukraine?
Nein. Da glaubt definitiv keiner dran.
Hat sich irgendetwas verändert mit seinem Amtsantritt?
Nein. Ich kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass es schlechter geworden ist, aber es bewegt sich ja überhaupt nichts. Es hat sich unter Poroschenko nichts bewegt in Richtung Frieden, also der Umsetzung des Minsker Abkommens und seit Selenski im Amt ist passiert in der Richtung auch nichts. Im Gegenteil, wenn man die Treffen der Minsker Kontaktgruppen verfolgt und dann die Feedbacks der LNR- und DNR-Delegationen liest oder hört, dann sagen sie, dass auf Seiten der ukrainischen Delegation stark abgeblockt und der Prozess insgesamt sabotiert wird.
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Helfen wichtiger als politische Mitentscheidung

Frau Steinigk, wie ist denn Ihr Fazit der Reise – sind Sie eher desillusioniert oder sagen Sie: jetzt erst Recht?
Ich würde sagen - jetzt erst recht. Solange wie wir können, werden wir weiter helfen. Ich habe mich ja jetzt wieder davon überzeugen können: es sind sogar die ganz kleinen Sachen, die den Krankenhausmitarbeitern, den Ärzten, den Schwestern ihre Arbeit für die Menschen enorm erleichtern. In einem Kindergarten, den ich besucht habe, da war es dasselbe. Selbst kleine Sachen, die wir liefern, sind sehr wichtig, wenn sie dort ankommen.
Ein Problem ist für Sie bestimmt, dass das Thema ein wenig aus unseren Medien raus ist. Wie motivieren Sie deutsche Spender weiter für das Thema?
Ich habe viele Fotos von meiner Reise mitgebracht, auch kleine Filme, die ich dort aufgenommen habe. Ich schreibe Berichte über das, was ich gesehen habe. Und wir schreiben jetzt verstärkt individuell unsere Spender an und versuchen das natürlich soweit es geht in die Medien zu bringen - gerade diesen Aspekt, dass so den einfachen Leuten vor Ort geholfen werden kann. Das ist das, was wir machen können. Wir können nicht auf der politischen Ebene mitentscheiden. Das liegt außerhalb unserer Reichweite, Aber wir können den einfachen Menschen helfen und sie wieder in den Fokus zurückholen. Das ist wichtig.
Sind bereits neue Hilfslieferungen geplant?
Für September stellen wir jetzt einen LKW zusammen. Das wird unser 29. LKW und den haben wir im Moment schon zu etwa 50 Prozent gefüllt.
Das Interview mit Iwana Steinigk zum Nachhören:
Spenden für den Verein „Zukunft Donbass“ können Sie hier.
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