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Jens Berger („Nachdenkseiten“): Corona für Alte wie Ebola, für Junge ungefährlicher als die Grippe

CC BY 2.0 / daniel seiffert / FlickrJens Berger („Nachdenkseiten“)
Jens Berger („Nachdenkseiten“) - SNA, 1920, 12.07.2021
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Droht uns durch die Coronakrise eine Spaltung der Gesellschaft? Davor warnt der Journalist Jens Berger („Nachdenkseiten“) in seinem neuen Buch „Schwarzbuch Corona“. Akribisch lässt der Bestsellerautor noch einmal den bisherigen Verlauf der Pandemie Revue passieren und analysiert im Interview mit SNA News die Fehler der Regierung.
Herr Berger, warum braucht es ein „Schwarzbuch Corona“?
Wenn wir uns die Debatte in der Politik und in den klassischen Medien anschauen, dann hat diese doch eine ziemliche Schlagseite, finde ich. Es wird sehr stark die virologische und epidemiologische Seite beleuchtet, es wird über Fallzahlen, Inzidenzen und Sterbefälle berichtet, aber auf der anderen Seite werden die ganzen Kollateralschäden, die ganzen Auswirkungen nicht durch das Virus, sondern durch die Maßnahmen und Lockdowns, kategorisch missachtet.
Kann man denn direkte Schäden wie Corona-Tote mit indirekten Schäden durch Lockdowns vergleichen und aufwiegen, ist das nicht unethisch?
Nein, ist es nicht. Es gibt hier zwei Ebenen, die gesundheitliche und die ökonomische. Fangen wir mit der gesundheitlichen Ebene an, das ist einfacher. Es ist ja nicht so, dass diese Lockdown-Maßnahmen keine Auswirkungen auf die Volksgesundheit hätten. Nehmen wir nur einmal den ganz kleinen Punkt, dass während der Lockdown-Maßnahmen 40 Prozent der Deutschen im Schnitt über fünf Kilo zugenommen haben. Und an Fettleibigkeit starben schon vor Corona 75.000 Menschen in Deutschland, also fast genauso viele, wie in einem Jahr an Covid-19 gestorben sind. Das ist nur ein Beispiel. Andere Beispiele sind verschobene Operationen, verschobene Vorsorgeuntersuchungen – da gibt es eine Menge auf der gesundheitlichen Ebene.
Sie schreiben, dass Dinge wie Rauchen, Alkohol oder Fettleibigkeit mindestens genauso gefährlich sind wie Corona. Also einfach gesund leben, dann kann uns nichts passieren?
Prinzipiell schon. Rauchen ist mit 127.000 Todesfällen im Jahr der Killer Nummer Eins statistisch gesehen in Deutschland. Dahinter kommen dann Fettleibigkeit, Alkohol und solche Punkte wie Krankenhauskeime, wobei das wohl weniger vom persönlichen Lebenswandel bestimmt ist.

„Das kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen“

Ihr Buch ist keine Polemik, sondern eher eine Faktensammlung. Wie sind Sie vorgegangen? Im Laufe der Pandemie schon immer fleißig Zahlen gesammelt und Notizen gemacht?
Genau. Ich begleite ja als Redakteur auf den „Nachdenkseiten“ die Thematik von Anfang an. Interessanterweise gehörte ich am Anfang eher zu den „Alarmisten“, während Politik, Robert-Koch-Institut und auch die großen Medien die Sache zu Beginn verharmlost haben, als wir noch keine oder dann nur vereinzelte Fälle hatten und das Ganze im Prinzip noch ein chinesisches Thema war.
Nachher ist man immer schlauer. Man muss ja fairerweise sagen: das war eine Ausnahmesituation, die es so noch nicht gab. Was ist angesichts dieser Umstände verzeihlich und was bleibt kritikwürdig am Umgang der Regierung mit der Pandemie?
Absolut. Alles, was in den ersten Wochen, in den ersten zwei Monaten, also während des ersten Lockdowns passierte, fand ich persönlich verzeihlich. Wobei man auch damals schon klare Daten aus China hatte, die zeigten, dass das Coronavirus vor allem für Risikogruppen sehr gefährlich ist, aber für den Rest zwar eine ernste, aber keine supergefährliche Krankheit ist. Aber da möchte ich zu diesem Zeitpunkt noch niemandem einen Vorwurf draus machen. Aber gerade beim zweiten Lockdown, im November hat man die Daten, die alle vorlagen, nicht richtig interpretiert.

Man hat harte Lockdown-Maßnahmen verhängt für alle, mit allen Kollateralschäden, die damit zusammenhängen – ökonomisch, gesundheitlich, sozial, für diejenigen, für die Covid-19 nachgewiesener Maßen keine besonders gefährliche Krankheit ist.

Und gerade diejenigen, die besonderen Schutzes bedurft hätten, die Risikogruppen, die Hochbetagten, die Bewohner der Altenheime, die Menschen, die in den Krankhäusern lagen, wurden nicht durch besonders effektive Maßnahmen geschützt. Gerade in der zweiten Welle hatten wir immens hohe Inzidenzen bei den Hochbetagten. Das kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen. Da hätte man, von mir aus sogar mit einem rigideren Vorgehen, durchaus Menschenleben retten können, ohne bei den anderen große Kollateralschäden zu verursachen.
Im Prinzip wissen wir das alles, aber es war noch einmal frappierend, einige Zahlen bei Ihnen schwarz auf weiß zu lesen: z.B., dass seit Beginn der Pandemie in Deutschland gerade einmal etwa 900 Menschen unter 50 Jahren an Covid-19 gestorben sind. Von rund 90.000. Bei Kindern sind wir im einstelligen Bereich. Das Durchschnittsalter der Covid-Toten ist mit 84 Jahren höher als das durchschnittliche Sterbealter in Deutschland. Wie gefährlich ist die Krankheit denn nun? Wo muss man sie einordnen auf einer Skala zwischen Grippe und Pest?
Sehen Sie, das ist genau die Frage, die man eigentlich nicht stellen darf. Es gibt wohl kaum eine Krankheit, die so spezifisch ist wie Covid-19. Wenn man zur höchsten Risikogruppe gehört – sprich, man hat mehr als drei Vorerkrankungen und ist älter als 85 –, dann ist Covid-19 eine extrem gefährliche Krankheit. Da geht die Sterbequote fast an Ebola ran. Bei Männern mit diesen Parametern liegt sie bei fast zwanzig Prozent. Auf der anderen Seite gibt es bei Kindern weltweit fast nur Einzelfälle, die einen schweren Verlauf haben oder gar daran sterben. Für diese Gruppe ist Covid-19 tatsächlich ungefährlicher als die Grippe.

Mich hat allerdings massiv gestört, dass viele Virologen es nicht geschafft haben, auch in ihren öffentlichen Auftritten, andere Disziplinen mit einzubeziehen.

Als Journalisten hat uns das Thema Corona so ausführlich beschäftigt wie kaum etwas zuvor. Ich habe mich selten so intensiv mit einem medizinischen Thema beschäftigt. Wir sind alle kleine Hobby-Virologen geworden. Allerdings scheint es auch bei den richtigen Virologen unterschiedliche Meinungen zu geben. Und dann die Richtwerte: Inzident, R-Wert und was es da nicht alles gab und gibt. Haben Sie die wissenschaftlichen Vorgaben auch als verwirrend empfunden?
Sehr verwirrend. Es gab ja schon in den einzelnen Themenbereichen unterschiedliche Positionen, was allerdings völlig normal ist in der Wissenschaft, gerade bei so einem neuen Phänomen – dass die Wissenschaft sich streitet, aber im Endeffekt daraus lernt und Fehler korrigiert. Mich hat allerdings massiv gestört, dass viele Virologen es nicht geschafft haben, auch in ihren öffentlichen Auftritten, andere Disziplinen mit einzubeziehen. Nehmen wir als Beispiel Christian Drosten, den wohl berühmtesten Virologen in Deutschland, der immer nur die virologische Seite vertreten hat. Obwohl ich nicht weiß, ob man das wirklich ihm persönlich verwerfen muss. Den Medien, die ihn präsentieren, kann man schon vorwerfen, dass sie das zu wenig einordnen. Aus rein virologischer Sicht wäre es ja am sinnvollsten, die Menschen für ein paar Wochen komplett einzusperren, das komplette Leben herunterzufahren. Aus dieser Betrachtung heraus spielen die ganzen Kollateralschäden keine Rolle. Dieser Sichtweise müsste man die ganzen anderen Disziplinen an die Seite stellen, von den Allgemeinmedizinern, über die Psychologen, die Soziologen, die Pädagogen, die Ökonomen. Das ist ein sehr komplexes Themenfeld, wo ganz viele Interessen betroffen sind.

Ausgesiebte Virologen

Waren diese Experten denn immer vertreten bei den Regierungskonsultationen zwischen Bund und Ländern?
Natürlich nicht. Selbst aus der Zunft der Virologen wurden hierfür nur diejenigen von Hand ausgesiebt, die einen vergleichsweise alarmistischen Standpunkt vertreten haben. Andere Virologen, wie Klaus Stöhr, Alexander Kekulé oder Hendrik Streeck, die die Sache durchaus differenzierter gesehen haben und eben auch andere Disziplinen mit einbeziehen wollten, wurden zu den entscheidenden Regierungssitzungen nicht eingeladen und Vertreter anderer Disziplinen schon gar nicht. Aber das war nicht nur in der Politik so, das haben wir auch in den Medien beobachtet. Ich hatte das mal für das Jahr 2020 ausgewertet. In den fünf großen Talkshows von ARD und ZDF waren ganze 88 Mal Virologen zu Gast. Ganze zweimal nur kamen Psychologen zu Wort, viermal Pädagogen. Das war also eine rein virologische Debatte, die dort geführt wurde.
Ein Nebeneffekt der Pandemie ist, dass sie die Spaltung der Gesellschaft verstärkt hat. Jede auch nur kleine Kritik hat den Kritiker gleich zum Corona-Nazi gemacht. Die Medien haben hier als Verstärker und Ankläger mitgewirkt. Besonders deutlich wurde dies bei der Aktion „Alles dicht machen“. Wie haben Sie dies empfunden?
Ganz fürchterlich. Nicht nur, dass der Debattenraum eingeschränkt wurde durch diese hysterischen Reaktionen seitens der Medien – das hat natürlich auch eine Signalwirkung gehabt. Nunn hatten sich endlich ein paar Kulturschaffende gefunden, die den Mund aufgemacht haben. Und wenn man sich die Videoclips anschaut – die waren zum größten Teil gut und haben wichtige Punkte angesprochen. Und dann wurde nach dem Motto „Bestrafe Einen, erziehe Hunderte“ vorgegangen – sie wurden radikal, unter der Gürtellinie niedergemacht, in die Nazi-Ecke geschoben, in die Coronaleugner-Ecke verschoben, was natürlich kompletter Unsinn ist. Aber die Erziehung hat gewirkt. Seit dieser Aktion hat sich kein A-Promi mehr getraut, den Mund aufzumachen mit Kritik.

Und selbst auf uns Journalisten hat das ja eine Auswirkung. Bei dem Redakteur beim „Spiegel“ oder der FAZ, der eigentlich gern was Kritisches schreiben würde, setzt da natürlich jetzt die Schere im eigenen Kopf an durch diese Verteufelung, durch diese Kampagnen, kann man schon fast sagen.

Das ging ja bis hin zu Rufmord und Aufforderung zu Berufsverbot.
Ganz genau. Und wer kann sich das wirtschaftlich leisten? Das ist schon drastisch.
Und selbst im privaten Bereich vermeidet man ja inzwischen bestimmte Themen mit bestimmten Personen, um die Freundschaft nicht zu gefährden.
Genau.
Kommen wir noch einmal zurück zum Thema Corona: Wir mussten alle durch diese Pandemie. Kann man trotzdem abstufen, wer mehr gelitten hat und wer weniger – durch die Corona-Auflagen, nicht durch die Krankheit selbst.
Kann man. Und interessanterweise waren das meist diejenigen, die auch durch die Krankheit selbst am meisten gelitten haben, nämlich meist die, die sozioökonomisch nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, die in prekären Jobs arbeiten. Und auch die Wohnsituation spielt eine Rolle. Ich sitze hier in der Provinz in meinem kleinen Einfamilienhaus mit großem Garten und musste ehrlich gesagt unter den Lockdown-Maßnahmen nicht großartig leiden. Wenn ich mir allerdings vorstelle, als Alleinerziehende im Plattenbau bei geschlossenen Schulen und Kitas – und eine Zeitlang waren ja sogar die Spielplätze zu – den ganzen Tag mit meinen Kindern zu verbringen, dann ist das eine ganz andere Kategorie.

„Wenn es überhaupt möglich ist, anderthalb Jahre aus dem Kopf zu bekommen“

Jugendlicher hätte ich auch nicht sein wollen in der Pandemie.
Ganz genau. Kinder und Jugendliche gehörten auch zu den Leidtragenden dieser Maßnahmen. Und nun werden sie ja sogar noch instrumentalisiert, was die Forderungen für Impfungen für Jugendliche angeht. Dabei ist das ja nun eine Gruppe, die wissenschaftlich eindeutig nachweislich nicht durch Covid-19 gefährdet ist. Selbst die Stiko (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) hat ja gesagt, dass Impfungen bei Jugendlichen keinen großen Sinn machen. Dennoch wird die Debatte jetzt geführt, nicht um die Kinder und Jugendlichen zu schützen, sondern um die Inzidenzzahlen runterzubekommen, die vollkommen nichtssagend sind, wenn die Betroffenen keiner Risikogruppe angehören.
Jeder von uns spürt auch psychologische Auswirkungen der Corona-Pandemie. Mit einem Händewaschzwang kann man vielleicht noch leben. Aber ohne Nähe und Berührungen geht ein Mensch ein. Wird die Zukunft steril sein müssen wie im Science Fiction-Film?
Ja, wahrscheinlich geht es in diese Richtung. Es gibt ja Umfragen unter Jugendlichen, bei denen eine Mehrheit gesagt hat, dass sie sich durchaus vorstellen können, dass sie künftig auch ohne Corona Maske tragen und Aha-Regeln einhalten würden. Das finde ich schon erschreckend. Ich glaube, es wird noch sehr lange dauern, wenn es überhaupt möglich ist, diese anderthalb Jahre aus dem Kopf zu bekommen.
Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Können Sie der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen?
Nein, kann ich nicht. Außer vielleicht, dass die Pandemie wie ein Brennglas war auf Probleme, die in der Gesellschaft auch vor Corona schon da waren.

Allerdings bringt das allein ja noch nichts, wenn das nicht auch debattiert wird. Wir Kritiker sehen vielleicht jetzt ein paar Sachen noch klarer, aber das muss ja auch im Mainstream ankommen

Schuhladen landet bei Amazon

Wenn ich die Börse und auch die Realwirtschaft betrachte, scheinen wir bisher mit einem blauen „Corona-Auge“ davonzukommen. Meinen Sie, da kommt noch ein dickes Ende?
Bestimmt, aber nicht bei den Großen, an der Börse. Primär haben ja die kleinen und mittleren Unternehmen unter den Maßnahmen gelitten. Das ist ein grundlegendes volkswirtschaftliches Problem, dass eine Umverteilung stattfindet von den kleinen und mittleren zu den ganz großen Betrieben. Amazon ist der große Gewinner. Der kleine Schuhladen, den es vielleicht noch gab in der Innenstadt, ist der große Verlierer. Am Ende werden dann vielleicht die ehemaligen Beschäftigten des Schuhladens als Packer bei Amazon anfangen.
In Italien wird der Umgang der Regierung mit der Pandemie, auch wie es zu den Toten von Bergamo kommen konnte, aufgearbeitet. Meinen Sie, es wird auch in Deutschland zu einer Aufarbeitung der Regierungsmaßnahmen kommen?
Wird es, absolut. Und das müsste auch relativ schnell gehen, denn es laufen ja bereits wieder Debatten über neue Maßnahmen im Herbst und Winter. Denn die Inzidenzen werden ja wahrscheinlich zurückkehren, wenn es auch nicht wieder so viele Todesfälle geben wird – das ist klar. Aber es besteht durchaus die Gefahr, dass wir schon wieder die gleichen Fehler wiederholen, wenn wir das nicht schnell aufarbeiten.
Dafür gibt es ja jetzt das „Schwarzbuch Corona“.

Das Interview mit Jens Berger zum Nachhören:

Das „Schwarzbuch Corona“ von Jens Berger ist im Westend-Verlag erschienen.
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