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„Er hat Jehova gesagt!“ – Verkehrsbetriebe verwundert über Berichte wegen des Wortes „Schwarzfahren“

© YANN SCHREIBERÖffentlicher Verkehr in der Corona-Pandemie
Öffentlicher Verkehr in der Corona-Pandemie  - SNA, 1920, 09.07.2021
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Medien melden, der öffentliche Personennahverkehr in der österreichischen Hauptstadt Wien spreche nicht mehr von Schwarzfahrern, sondern von „Fahrgästen ohne gültiges Ticket“. Das tut er jedoch schon eine Weile, so wie die kommunalen deutschen Verkehrsunternehmen in München und Berlin. Aber warum eigentlich, fragt sich unser Kommentator?
Es gibt Menschen, die sich zur Missionierung berufen fühlen und Menschen, die in vorauseilendem Gehorsam oder weil sie es nicht besser wissen, vor diesen Missionaren in den virtuellen Staub fallen. An der, immer absurdere Formen annehmenden Debatte über gendergerechtes und diskriminierungsfreies Sprechen und Schreiben ist dieser Typus Mensch derzeit ziemlich anschaulich zu beobachten. Beiden gemein ist, dass sie eine Minderheit darstellen, die sich aber in der Position wähnen, das Mandat zur Umerziehung der Mehrheit erhalten zu haben.
Und dann gibt es noch Medien, die ein Problem kreieren, wo eigentlich keines ist. In der größten österreichischen Gratiszeitung „Heute“ aus dem Hause „TX Group“ (vormals Tamedia) konnten die Leser am 9. Juli erfahren, dass die Wiener Linien (in der viele von ihnen dabei wahrscheinlich gerade unterwegs waren) das Wort „Schwarzfahren“ von sämtlichen Plakaten verbannen wollen. Die Presseabteilung der „Wiener Linien“ zeigte sich auf Nachfrage einigermaßen irritiert und verwies gegenüber „Heute“ darauf, dass der inkriminierte Begriff schon seit 2020 nicht mehr in der Unternehmenskommunikation verwendet wird.
Gleiche Übung hier in Berlin. Die Springer-Revolverblätter „BZ“ und „Bild“ vermeldeten am Tag vor dem Artikel von „Heute“ in Wien, dass die Münchener und Berliner Verkehrsgesellschaften MVG und BVG das Wort „Schwarzfahren“ aus der Unternehmenskommunikation gestrichen hätten. Im Falle der BVG angeblich, um den Vorgaben des vom Berliner Senat beschlossenen „Diversity-Programms“ von 2020 Folge zu leisten.

BVG: Es kann nichts abgeschafft werden, was es nicht gab

In der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung wunderte sich tags darauf ein Sprecher auf Nachfrage der „Berliner Zeitung“ über diese Behauptung, denn es gäbe solch eine Vorgabe nicht. Wenn die BVG ihre Unternehmenskommunikation von einem Begriff wie „Schwarzfahren“ bereinigen will, dann basiere das „nicht auf Entscheidungen des Berliner Senats“. Und die BVG-Pressesprecherin entgegnete der „Berliner Zeitung“ kühl, es könne nichts abgeschafft werden, was es nicht gab.
Fakt ist, dass die BVG eine solche „Vorgabe“ nicht benötigt, weil der schreckliche „S“-Begriff schon seit geraumer Zeit nicht mehr benutzt wird, sondern von „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ gesprochen und geschrieben wird. Auf der Internetseite der BVG findet sich ein einziges Dokument aus dem Jahr 2015, das diesen Begriff – Sie wissen schon welchen – noch benutzt. Die letzte Plakatkampagne der BVG mit dem bösen „S“-Wort datiert aus dem Jahr 2016.
Die MVG wurde schon 2012 mit einer solchen Debatte konfrontiert, wie ein kurzer Blick in die Archive der Münchener Abendzeitung (AZ) offenbart. Aus ebendiesem anderen deutschsprachigen Revolverblatt „AZ“ zitieren denn auch die beiden anderen virtuellen Heißluftanlagen „BZ“ und „Bild“. Auf der MVG-Seite wird übrigens bei Eingabe des Suchwortes „Schwarzfahren“ das gleiche Ergebnis wie bei der BVG angezeigt, eine Pressemitteilung aus dem Jahr 2015.
Warum also dieser Aufriss? Im Fall von AZ bis BZ, inklusive „Bild“ und „Heute“ scheint es am Geschäftsmodell zu liegen, also zu sprechen und zu schreiben, um ein möglichst schrilles Geräusch zu erzeugen.
Im Grundsatz aber geht es wieder einmal um die modernen Inquisitoren von heute, die sich uns als Kämpfer für Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt präsentieren und sich dabei doch genauso mittelalterlich verbohrt und fanatisch rechthaberisch gebärden wie die beiden Figuren Bernardo Gui und der ehrenwerte Jorge von Burgos aus Umberto Ecos Erfolgsroman „Der Name der Rose“.
Aber, um sich modernen selbsternannten Sprach- und Tugendpolizisten entgegenzustellen, benötigt niemand zweifelhafte Boulevardpostillen.

Schwarzfahren leitet sich vom jiddischen „shvartz” = „arm” ab, nicht von Haut- oder anderen Farben

Ein simpler Blick in ein beliebiges Wörterbuch für deutsche Redewendungen offenbart, dass der Begriff Schwarzfahren sich vom jiddischen „shvarts“ ableitet, was arm bedeutet. Nichts also mit irgendwelchem Diskriminierungsgeschwurbel wegen der Benutzung eines normalen Wortes des deutschen Wortschatzes.
Was ist eigentlich in einige Zeitgenossen gefahren, dass sie inzwischen wie seinerzeit McCarthy in den USA wie besessen hinter allem und jedem eine Diskriminierung wittern? Die Debatten haben mittlerweile das Niveau von Monty Python Filmen erreicht, einige Leser erinnern sich vielleicht an die zum Brüllen komische Steinigungsszene aus „Das Leben des Brian“, als das verbotene Wort „Jehova!“ Auslöser für eine wüste Steinigungsorgie eines alten Mannes wurde, dessen einziges Verbrechen es war, „Jehova!“ gesagt zu haben.
Das „Jehova“ unserer Tage sind offenbar Begriffe wie Schwarzfahren.
Ich sehe ehrlich gesagt schwarz für die Sprachkultur hierzulande, wenn selbsternannte Schwarzrichter, äh, Entschuldigung Scharfrichter, aber ohne schwarze Roben, sich schwarzärgern, weil schwarze Schafe einfach weiterhin das verbotene Wort Schwarz benutzen und damit in aller Regel ins Schwarze treffen.
Macht 60 Euro bitte!
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