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Wenn die Unterwelt sich überlegen fühlt – Mordanschlag von Amsterdam mehr als Angriff auf Medien

© REUTERS / EVA PLEVIEROrt des Anschlages auf den Kriminalreporter Peter R. de Vries in Amstredam
Ort des Anschlages auf den Kriminalreporter Peter R. de Vries in Amstredam - SNA, 1920, 07.07.2021
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In Amsterdam wurde der bekannte Investigativjournalist Peter de Vries niedergeschossen und schwebt in Lebensgefahr. Er ist an einem laufenden Verfahren gegen die Organisierte Kriminalität beteiligt. Der Mordversuch ist kein Einzelfall und die Niederlande entsprechend entsetzt, empört und alarmiert.
Peter de Vries ist in den Niederlanden ein Star. Immer wieder hat er sich in den zurückliegenden Jahren mit Reportagen über die Organisierte Kriminalität im Königreich einen Namen gemacht. Und Feinde. Brutale, rücksichtslose Feinde, die keinerlei Respekt vor staatlichen Institutionen mehr haben, weil sie in ihrem eigenen virtuellen Staat leben. Und weil sie in den vergangenen Jahren erlebt haben, dass staatliche Behörden nur unzureichend gegen sie vorgegangen sind, dass der Rechtsstaat westlichen Verständnisses auch Schwach- und Blindstellen hat, die von der weltweit vernetzten Mafia unserer Tage skrupellos ausgenutzt werden.

Mordversuch wird von vielen als Verhöhnung des Rechtsstaates empfunden

Das ist – und es ist keineswegs zynisch gemeint, sondern bittere Realität – das ist leider normal geworden im Zusammenhang mit Organisierter Kriminalität. Nicht nur in den Niederlanden. Aber dort hat der Mordversuch an de Vries deshalb für großes Entsetzen gesorgt, weil er sich zum einen einreiht in eine Kette von brutalen Morden, die alle mit einem Prozess gegen den aus Marokko stammenden, aber in Utrecht aufgewachsenen Schwerverbrecher Ridouan Taghi und seine Kumpane zusammenhängen, der dieser Tage in Amsterdam geführt wird, der sogenannte Marengo-Prozess. Zum anderen aber ist das Entsetzen in den Niederlanden deshalb so groß, weil der Mordversuch an Peter de Vries wie ein erhobener Mittelfinger Taghis und seiner Bande aus dem Gerichtssaal heraus wirkt, wie eine dreiste Verhöhnung des Staates und von allem, was mit ihm in Verbindung steht.
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Nicht nur der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sprach von einem „Angriff auf die Pressefreiheit“. Aber es ist mehr als dies. Sehr viel mehr. Und viele Niederländer bekommen inzwischen Wutanfälle, wenn sie ihren Regierungschef so reden hören. Denn in den Niederlanden geht mit jedem weiteren Mord, der im Zusammenhang mit den Banden der Drogenmafia in Verbindung steht, mehr und mehr Glauben und Vertrauen in den Rechtsstaat westlichen Verständnisses verloren.

Mordversuch vorläufiger Höhepunkt in einer zehn Jahre andauernden Gewaltorgie rivalisierender Banden

Seit mehr als zehn Jahren bekriegen sich Banden von Schwerstkriminellen mit ähnlichem Migrationshintergrund wie Taghi mit äußerster Brutalität. Sie werfen sich gegenseitig vor, 2011 eine Lieferung von 200 Kilo Kokain für sich abgezweigt zu haben. In Wahrheit hat die Polizei damals die Drogen im Hafen von Rotterdam abgefangen, ohne Wissen der Verbrecher. Befeuert durch extreme kriminelle Energie, die sich aus Profitgier, krankhaftem Geltungsbedürfnis, einem ins Absurde gesteigerten Machismo und völlig abnormen Vorstellungen von männlicher Ehre speist, begannen die Verbrecher, sich gegenseitig als Verräter und Diebe zu ermorden bzw. diese Morde jeweils zu rächen.
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Für die Öffentlichkeit in den Niederlanden entstand seither der Eindruck, dass eine Gruppe marokkanischer Schwerverbrecher dem Rechtsstaat auf der Nase herumtanzen kann, ohne dass dies zu ernsthaften Konsequenzen führt, obwohl es de facto niederländische Staatsbürger sind, die diesen Bandenkrieg in den Niederlanden vom Zaun gebrochen haben.

Niederländer verbittert - Staat scheinbar machtlos gegen Mafia, aber gnadenlos gegen normale Bürger

Besonders bitter aber stößt vielen Niederländern auf, dass der gleiche Staat, der sich so ohnmächtig gegenüber dreisten Kriminellen zeigt, gleichzeitig jahrelang rücksichtslos gegen tausende Niederländer vorgegangen ist und sie damit in finanzielle Nöte brachte, weil sie sich angeblich Familienbeihilfe erschlichen haben sollen. Wegen dieses Skandals musste Ministerpräsident Mark Rutte im Januar 2021 zurücktreten.
Der gleiche Mark Rutte sprach im September 2019 von einem „Angriff auf den Rechtsstaat“ als der Anwalt Derk Wiersum ermordet wurde. Wiersum hatte jenen Kronzeugen verteidigt, auf dessen Aussagen sich der seit März laufende Prozess gegen Taghi und Konsorten im Wesentlichen stützt.
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Der gleiche Mark Rutte sprach im Juni 2018 von einem „Anschlag auf die freie Presse und auf die niederländische Demokratie“, als auf die Redaktion der größten niederländischen Tageszeitung „De Telegraaf“ ein Anschlag mit einer Autobombe verübt wurde. Die Zeitung hatte über den marokkanischen Drogenbandenkrieg berichtet.
Wenige Tage vor „De Telegraaf“ hatte es die Redaktionen der Magazine „Panorama“ und „Nieuwe Revu“ getroffen. Sie waren mit Panzerfäusten beschossen worden, weil sie ebenfalls ausführlich über den Bandenkrieg berichtet hatten.
Im März 2018 war der ältere Bruder des bereits erwähnten Kronzeugen ermordet worden, keine Woche, nachdem die niederländischen Behörden bekanntgaben, dass der Kronzeuge ihnen umfangreiche Geständnisse und Informationen über das Netzwerk um Ridouan Taghi gemacht habe.
Die niederländische Öffentlichkeit hörte in den zurückliegenden Jahren auch immer wieder die gleichen Versprechen, nun aber werde der Rechtsstaat sich verteidigen und mit der ganzen Härte des Gesetzes zurückschlagen.

Polizei gelang Entschlüsselung der Mobiltelefone der Verbrecher

Die zwei einzigen wirklich echten Erfolge waren die Entschlüsselung der von dem Verbrechernetzwerk benutzten speziell gesicherten Mobiltelefone 2017 sowie die Verhaftung von Ridouan Taghi, im Dezember 2019 in Dubai. Offiziell sollte er seit 2009 in Marokko gelebt haben und die Notiz, er habe im Moment der Festnahme Rotwein getrunken und sei vollkommen ahnungslos gewesen, bestätigt den Eindruck der niederländischen Ermittler, den sie schon eine Weile hatten, dass sich Taghi absolut sicher und unangreifbar wähnte. Der Tonfall der dechiffrierten Mobilfunkkommunikation von Taghi spricht in dem Zusammenhang Bände, mit welchem Hohn und welcher Verachtung er über den niederländischen Rechtsstaat redete.
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Taghi konnte sich sicher fühlen, weil die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate genauso wie die von Marokko lange Zeit Hilfsgesuche der niederländischen Behörden abblockten. Erst als die Mordgehilfen von Taghi in Marakesch den Sohn eines Richters, statt des eigentlichen Mordzieles umbrachten, wurden die marokkanischen Behörden aktiv. Und in den Emiraten kam erst etwas in Bewegung, als die niederländischen Ermittler zu einer Notlüge griffen und Gerüchte streuten, Taghi stünde in Verbindung mit dem Iran, bekanntlich einer der Lieblingsfeinde auch und gerade der Vereinigten Arabischen Emirate.
Inzwischen konnte auch andere Verschlüsselungssoftware für Mobilfunkkommunikation, die von Schwerstkriminellen benutzt wird, von den niederländischen Ermittlern geknackt werden. Sie erleben aber jetzt in Amsterdam mit Verbitterung, dass die Anwälte von Taghi & Co. darauf bestehen, dass die von der Polizei gewonnenen Daten und Beweise nicht verwendet werden dürfen, weil sie ihre Mandanten in ihren Grundrechten verletzen würden. Nicht wenige Beobachter warnen davor, dass dies das Rechtsstaatsverständnis vieler Niederländer endgültig zum Einsturz bringen könnte.

Mordversuch heizt Debatte über liberale Drogenpolitik in den Niederlanden neu an

Nicht zuletzt hat der Mordversuch an Peter de Vries auch die Debatte über die äußerst liberale Drogenpolitik in den Niederlanden erneut entfacht. Ridouan Taghi begann seine kriminelle Karriere als Klein-Dealer für Haschisch. Größter Lieferant für den europäischen Markt ist übrigens Marokko. Und der vergleichsweise nachsichtige Umgang in den Niederlanden mit Haschisch hat nach Ansicht von Experten, die sich seit Jahren darüber den Mund fusselig reden und unaufhörlich, aber bislang vergeblich warnen, auch zu einer grundsätzlichen laxen Haltung gegenüber Drogen allgemein geführt.
Mit dem Ergebnis, dass kriminelle Netzwerke die Niederlande - auch Dank des Hafens von Rotterdam und der EU-Freizügigkeit im Warenverkehr und neoliberaler Gesetzgebung für eine angeblich freie Wirtschaft - als ein Drehkreuz für Drogen aller Art für sich entdeckt haben, die für den äußerst profitablen europäischen Markt gedacht sind. Entsprechend drastisch steigen die Mengen, die von der Polizei beschlagnahmt werden, genauso wie die Brutalität zunimmt, mit der die Drogenbanden ihre Profite verteidigen.
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