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Bitcoin-Krise? „Eine brillante Technologie zerfällt nicht einfach“ – Interview

© Foto : Philipp SandnerÖkonom Philipp Sandner
Ökonom Philipp Sandner - SNA, 1920, 04.07.2021
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Viele Wirtschaftspolitiker und -funktionäre kritisieren die älteste und bekannteste Kryptowährung Bitcoin. Manche sehen in der Blockchain-Währung eine Umweltkatastrophe, andere ein Werkzeug für Kriminelle, wieder andere wollen Bitcoin direkt verbieten. Warum die Kritiker falsch liegen, erklärt der Ökonom Philipp Sandner.
Der Bitcoin-Kurs ist hochvolatil. Hat die weltweit wichtigste Cyberdevise erst am 14. April 2021 einen Rekord von 64.895,22 Dollar pro Bitcoin erreicht, fällt der Kurs je nach Nachrichtenlage schnell wieder in sich zusammen. Aktuell hat sich der Kurs bei etwa 35.000 Dollar halbwegs stabilisiert. Grund für den gesunkenen Preis ist vor allem die Flut an negativen Nachrichten zu der Kryptwährung in der jüngsten Vergangenheit. Neben dem ökologischen Fußabdruck wird der Bitcoin schnell in eine Ecke mit kriminellen Machenschaften gerückt und ihm ein eigener Wert abgesprochen. Warum es den Kritikern an Weitsicht mangelt, um die geniale Technologie hinter dem Bitcoin zu verstehen, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Philipp Sandner im SNA-Interview.
Er ist Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, Leiter des dortigen Blockchain Centers und sitzt im Fintech-Rat des Bundesministeriums der Finanzen und im Blockchain Observatory der Europäischen Union. Über die Blockchain-Technologie hat er mehrere Bücher geschrieben.
Herr Sandner, „Bitcoins sind nur für zwei Dinge gut: zum Spekulieren und für Lösegeldzahlungen.“ Das sagt der General Manager der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, Agustín Carstens. Stimmt das denn so?
Ja, das hat er gesagt, aber das heißt nicht, dass er damit Recht haben muss. Ich sehe das ganz anders, und wir können ausführlich darüber sprechen, dass der Bitcoin wirklich einen echten Nutzen hat und für manche Menschen sehr hilfreich ist. Deswegen halte ich das für ziemlichen Unfug, was da gesagt wurde.
2019 kamen die Ermittler im Fall des zweitgrößten Darknet-Markts, dem „Wall Street Market“, einem Verdächtigen vor allem durch intensive Analyse der Bitcoin-Geldflüsse mittels der Blockchain auf die Schliche. Und das, obwohl die Täter die Bitcoins in einem sogenannten Mixer gewaschen hatten. Ist es also nicht gerade deswegen möglich, kriminelle Machenschaften per Bitcoin aufzudecken, da alle Informationen zum Bitcoin auf der Blockchain gespeichert werden?
Absolut. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden hat heute schon eine ganze Abteilung, die Bitcoin-Transaktionen im Hinblick auf bestimmte kriminelle Vorfälle analysiert. Vergessen Sie eins nicht: Hätte man damals mit US-Dollar-Banknoten Kriminalität finanziert, hätte man das eben nicht nachvollziehen können. Die Argumentation von Agustín Carstens mit der Kriminalität finde ich zu einfältig. Der Bitcoin kann wesentlich mehr, als Stromverbrauch und Kriminalitätsprobleme zu erzeugen. Deswegen hoffe ich, dass wir auch noch über positivere Dinge sprechen.
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Aber sicher, legen Sie doch mal los. Was ist denn für Sie der größte Nutzen des Bitcoins?
Bitcoin ist eine dezentrale Technologie. Das heißt: Ich kann niemanden davon abhalten, Bitcoins zu besitzen, zu transportieren und zu transferieren. Ich kann von hier nach Südkorea oder Australien eine Transaktion tätigen, und niemand kann mich davon abhalten. Das brauchen wir in Deutschland gar nicht, weil die Institutionen hier relativ gut funktionieren. Aber es gibt Länder, wo das nicht so gut funktioniert, Leute, die unter Inflation und anderen Dingen leiden.
Viele Leute sind auf der Flucht, und für sie ist der Bitcoin oftmals die letzte Möglichkeit für finanzielle Souveränität. Das sehen Sie in Nigeria und in deutlich abgeschwächter Form auch in der Türkei, die eine sehr hohe Inflationsrate hat. Dort fangen die Leute an, systematisch in den Bitcoin zu investieren um letztendlich dieser staatsverschuldeten Inflation Einhalt zu gebieten und so ihre eigene Kaufkraft zu sichern. Wenn das kein ‚Benefit‘ ist, den der Bitcoin schon heute für Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Leute erzeugt, dann weiß ich auch nicht.
Um noch einmal auf den Kommentar des Bankers Carstens zurückzukommen: Ist der Bitcoin ihrer Meinung nach keine Blase?
Nein, der Bitcoin ist keine Blase. Der Bitcoin hat Substanz. Es ist wirklich eine brillante Technologie, und ich bin der Meinung, dass er, so wie in den letzten zehn Jahren, auch in den nächsten Jahren weiterlaufen wird.
El Salvador hat den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel anerkannt. Aber der Meinung von Politikern oder Ökonomen im Westen zufolge scheint es nicht so weit her mit der Kryptowährung zu sein. So hat der niederländische Regierungsberater Pieter Hasekamp sein Land aufgefordert, den Bitcoin sogar zu verbieten. Was verbirgt sich hinter dieser Abneigung gegenüber Bitcoin und Kryptowährungen?
Meistens ist es Unverständnis. Sie müssen mit Leuten sprechen und sie zum Bitcoin befragen. Dann stellt sich die Frage, ob sich die Person wirklich intensiv, also einige Wochen oder Monate, mit Bitcoin beschäftigt hat. Das Ergebnis: Leute, die sich wirklich eingearbeitet haben, erkennen auch die Brillanz der Technologie an. Leute allerdings, die tendenziell kritisch sind und das Thema nicht an sich heranlassen, haben sich nicht damit beschäftigt. Klipp und klar gesagt: Sie finden wenig Experten im Bitcoin-Bereich, die die Technik auch wirklich verstanden haben, die sie aber gleichzeitig ablehnen. Das betrifft nicht nur den Bitcoin, sondern die gesamte Blockchain-Technologie.
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Die letzten Kursstürze des Bitcoins sind vor allem auf China zurückzuführen, wo eine beispiellose Kampagne gegen Miner gefahren wird. In der für Bitcoin-Miner wichtigen Provinz Sichuan ordneten die Behörden die Schließung von 26 so genannten Mining-Farmen an. Wie beurteilen Sie diese Entwicklungen?
Es muss nicht schlecht sein, dass die Chinesen gegen das großindustrielle Mining vorgehen, was bekanntermaßen viel Strom verbraucht. Dadurch wird nicht nur die chinesische Dominanz im Bitcoin-Netzwerk in der Zukunft reduziert, sondern auch der Footprint von sogenanntem braunem Stromverbrauch. Sicherlich ist das kurzfristig nicht so toll, und natürlich gehen die Preise auch runter. Das Risiko existiert aber schon seit ein bis zwei Jahren und hat sich jetzt materialisiert. Mittelfristig sollte sich das zum Guten wenden, weil sich dadurch das Bitcoin-Netzwerk weiter dezentralisiert – ein bisschen weg von China. Stand heute ist anzunehmen, dass 60 oder 55 Prozent des Bitcoin-Stromverbrauchs aus grünen Quellen stammt. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass durch diesen Schritt Chinas der Anteil an grünem Strom ansteigt.
Kritisiert wird auch, dass einzelne Prominente, wie Elon Musk, den Kurs der Währung mit wenigen Kommentaren beeinflussen können. Wie sehen Sie das?
Natürlich ist es problematisch, dass Elon Musk in der Lage ist, tatsächlich den Bitcoinpreis ein bisschen zu beeinflussen. Das ist eine regulatorische Frage: Darf er das, oder darf er das nicht? Ich bin mir sicher, dass er sich mit entsprechenden Anwälten dahingehend schon auseinandergesetzt hat. Deswegen geht diese Frage an den Staat, der entsprechende Regeln vorgibt.
Unabhängig davon gibt es eine ganz andere Frage: Haben die Leute, die hier beeinflusst werden, Bitcoins zu kaufen oder zu verkaufen, keine eigene Meinung, um sich durch solche Äußerungen so schnell durcheinander bringen zu lassen? Ich sehe das sehr kritisch, was da passiert ist, aber es gehören immer zwei Seiten dazu. Und es ist ein bisschen erschreckend, dass sich so viele Leute durch einzelne Tweets in ihrer Meinung und ihrer Stimmung derart leicht beeinflussen lassen.
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Die Kursturbulenzen seit dem All-Time-High Mitte April verunsichern die Anleger. Dabei kam es in den letzten Jahren immer nach Höchstständen zu Crashes. Ist das, was wir aktuell erleben, etwas Besonderes oder business as usual?
Das ist schon ein enormer Absturz gewesen, der sich in den letzten fünf, sechs Wochen vollzogen hat. Es war wirklich eine ganze Kette von schlechten Nachrichten, die nicht mehr abriss. Aus China gab es fast im Wochentakt Negativschlagzeilen. Deswegen darf man das nicht als business as usual bezeichnen. Auch wenn natürlich die Volatilität in dem Bereich sehr hoch ist. Bitcoin ist eine Technologie, die sich ganz langsam durchsetzt. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass vor einem Jahr der Preis bei 12.000 US-Dollar war, heute ist er bei 30.000. Vor zwei, drei Jahren war der Preis deutlich niedriger, vor fünf Jahren war er bei 1000 oder 2000 USD. Deswegen ist es wichtig, ab und zu ‚rauszuzoomen‘ und die Verbreitung der Technologie und den Preis von Bitcoin und anderen Kryptowährungen über längere Zeiträume anzuschauen, vor allem die Jahre 2014 bis 2021. Die Technologie verbreitet sich langsam, aber sicher – trotz der Kurskapriolen, die natürlich nicht zu verneinen sind und immer wieder stattfinden.
Sie sagen dem Bitcoin also eine blühende Zukunft voraus?
Ja, natürlich. Sie müssen sich mit der Technologie beschäftigen. Dann werden Sie feststellen, dass die gesamte Blockchain-Technologie – mit Ethereum und so weiter – absolut brillant ist. Es ist total irrsinnig anzunehmen, dass eine brillante Technologie irgendwie zerfällt und nicht mehr gebraucht wird.
In Deutschland soll demnächst ein System zur Erstellung digitaler Zeugnisse und Zertifikate basierend auf Blockchain-Technologie getestet werden. Was gibt es da noch für Anwendungsbereiche?
Es gibt vielfache Projekte an allen Ecken und Enden. So werden zum Beispiel Traktoren mit Blockchain an den digitalen Zahlungsverkehr angeschlossen. Die Bundesregierung ist gerade dabei zu prüfen, ob der Personalausweis in Teilen auf die Blockchain gelangen kann – natürlich unter Einhaltung aller Datenschutzvorschriften. Die Technologie ist absolut brillant und vielseitig einsetzbar. Ich glaube nach wie vor an den Aufstieg der Blockchain – das habe ich schon vor fünf Jahren gesagt, vor drei Jahren auch und sage es auch in zwei Jahren wieder. Die Blockchain-Technologie ist eine Art Querschnittstechnologie; die wird ganz viel verändern, und ob jetzt der Bitcoin-Preis hoch oder runter geht – die Technik ändert sich dadurch nicht.
Das komplette Interview mit Professor Philipp Sandner zum Nachhören:
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