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Vom „betreuten Land“ zum „Führer der freien Welt“: „Welt“-Reporter über das Drama der Bundespolitik

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„Welt“-Journalist Robin Alexander konstatiert, Angela Merkel stehe in der Corona-Krise zum Ende ihrer Kanzlerschaft vor den wichtigsten Herausforderungen. In seinem neuen Buch „Machtverfall“ und im Pressegespräch schildert er eindrucksvoll die Zerrissenheit, in der sich die deutsche Politik befindet: zwischen Führung und Zurückhaltung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel habe zum Ende ihrer Amtszeit ihre wohl größte Herausforderung zu bestehen, meint der „Welt“-Redakteur Robin Alexander, dem sehr gute Kontakte ins Kanzleramt und eine ausgezeichnete Kenntnis des Umfeldes von Angela Merkel nachgesagt werden. In seinem neuen Buch „Machtverfall: Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik“ erzählt Alexander Geschichten „hinter den Kulissen“ – vom harten Kampf in den „inneren Machtzirkeln der Republik“ und vom „Showdown um Merkels Nachfolge“, der die Union fast zerrissen hätte.
Das Buch beginnt allerdings auf dem internationalen Parket und mit einem deutschen Dilemma, was den Autor offenbar fasziniert und zu den einleitenden Seiten inspirierte. Aus seiner Sicht beginnt das letzte Kapitel der Kanzlerschaft von Merkel im März 2017, mit ihrem Antrittsbesuch im Weißen Haus. Alexander stellt dabei eine gewagte Behauptung auf: „Wäre Trump nicht US-Präsident geworden, hätte sie darauf verzichtet, bei der Bundestagswahl ein paar Monate später erneut anzutreten.“ Der Bestsellerautor berichtet in diesem Zusammenhang von einem Treffen der Kanzlerin mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama am 16. November 2016 – acht Tage nach der Wahl von Donald Trump.

Merkel als Führerin der freien Welt?

Das Treffen mit Obama diente nach Darstellung von Robin Alexander offenbar als wichtiger Weichensteller für eine Entscheidung der Kanzlerin: Obama zufolge soll Merkel gesagt haben, dass sie sich nach der Wahl von Trump noch mehr verpflichtet fühle, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, „um die liberale internationale Ordnung zu verteidigen“, heißt es in dem Buch. Obamas Mitarbeiter sollen bei diesem Treffen im Berliner Hotel Adlon „auf die Führerin der freien Welt“ angestoßen haben.
„Du bist die Führerin der freien Welt, du musst das alles zusammenhalten. Du musst verhindern, dass die Nato zerbricht, die UN-Flüchtlingsorganisation, die WHO und so weiter“ – all das seien Alexander zufolge Erwartungen gewesen, die Obama gegenüber Merkel äußerte.

„Das betreute Land“

Doch genau das sei „völlig verrückt“ und „gegen jeden deutschen Instinkt“, sagte der „Welt“-Politikexperte in einem Online-Pressegespräch am 22. Juni. Denn Deutschland unterscheide sich mental von anderen europäischen Ländern. „Deutschland hatte seine beste Zeit, als es ein betreutes Land war. Wir hatten keine Revolution, wir hatten eine amerikanische Reeducation (Maßnahmen, mit denen die vier Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, Deutschland zur Demokratie zu führen – Anm. d. Red.). Und Deutschland hat sich damit sehr wohl gefühlt, dass die politischen Ansagen aus Amerika gemacht wurden. Im Weltsicherheitsrat waren Engländer und Franzosen. Man konnte sich darauf verlassen, dass wichtige Entscheidungen von anderen getroffen werden.“
Nach der Wiedervereinigung habe sich dies schnell gerändert, glaubt der Autor. „Plötzlich ist Deutschland ein starkes und wichtiges Land in der Mitte Europas mit ganz vielen Erwartungen von außen, die es aber gar nicht erfüllen will.“
Merkel habe diese Rolle angenommen, aber nicht verbalisiert. „Weil sie nie etwas verbalisiert, was sie denkt“, sagt Alexander. „Aber dann, als sie nach Harvard fährt und dort diese große Rede hält, die im Kern eine Anti-Trump-Rede ist, ist die deutsche Kanzlerin in dieser Position, die freie Welt zusammenzuhalten.“ Das sei für die Deutschen etwas Spektakuläres, was ihnen schmeichele, aber auch mit einem Unwohlsein und einem Gefühl der Überforderung allein lasse, betont der Autor im Online-Gespräch mit dem „Verein der ausländischen Presse“ (VAP).

Der CDU-Richtungsstreit

Dieses Dilemma oder diese Zerrissenheit lässt sich heute getrost auf die CDU als Ganzes übertragen. Der Richtungsstreit innerhalb der Partei und der „Showdown um Merkels Nachfolge“ hätte die Union fast zerrissen, meint der Autor.
Doch das sei eher die Frage des Stils gewesen. So hätte Friedrich Merz, einer der Bewerber um den CDU-Vorsitz, einen Wahlkampf der Konfrontation gemacht, ist Alexander überzeugt: „Wir – die bürgerlichen CDU, CSU, FDP – gegen die linken Kräfte.“ Angela Merkel habe jedoch nach Ansicht von Robin Alexander nie einen Wahlkampf der Konfrontation geführt. „Merkel hat immer einen Wahlkampf gemacht, den Leute aus der CDU, aber auch aus der SPD gut finden können. Dafür gibt es das Fachwort asymmetrische Demobilisierung.“ Und das sei auch die Methode des neu gewählten CDU-Chefs und -Kanzlerkandidaten Armin Laschet, meint Robin Alexander: „Laschet will keine Feinde auf der anderen Seite.“ Sowohl in Großbritannien als auch in den USA, aber auch in Polen sei die Gesellschaft auseinandergegangen. „Und das soll in Deutschland nicht passieren. Laschets Wort ist Mitte. Aber Mitte ist ja auch ein konservativer Begriff in Deutschland“, bemerkt der „Welt“-Korrespondent.

„10.000 Prozent Transatlantikerin“

Dabei sieht er durchaus auch Unterschiede zwischen dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und der Kanzlerin.
Merkel sei zu Beginn ihrer Kanzlerschaft eine „Transatlantikerin zu 10.000 Prozent“ gewesen, sagt der Autor. „Sie kam aus der DDR, und ihr Traumland war nicht Westdeutschland, nicht die EU – ihr Traumland waren die USA“, habe sie immer gesagt. „Damals ist Präsident George W. Bush an die Macht gelangt, und Merkel bricht mit jedem Prinzip deutscher Außenpolitik als Oppositionsführerin und schreibt einen Artikel: der Irak-Krieg ist richtig. Obwohl die deutsche Regierung dagegen ist“, erinnert sich der 46-Jährige. Das habe sich in ihrer Kanzlerschaft völlig geändert. Heute sei sie beeindruckt von China und rede am liebsten über China.
Laschet sei hingegen „ganz klassisch deutsch – Deutschland immer in Europa denkend“. „Das erste, was Laschet gemacht hat in der Corona-Krise, war zu sagen: Die Grenze zu Frankreich, Belgien darf nicht geschlossen werden.“ Der politische Redakteur wagt gar die These, Brüssel sei für Laschet näher als Berlin. „Da können sie sagen, das sind die Vereinigten Staaten von Europa, das ist ein linkes Projekt“, so Alexander. Aber für die CDU sei dies ein konservatives Projekt, „weil (Konrad) Adenauer auch so dachte“. Die Westbindung sei wichtiger als die deutsche Wiedervereinigung, habe der erste deutsche Bundeskanzler immer gesagt.
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