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Umstritten bis in den Tod – Ex-Pentagon-Chef Donald Rumsfeld gestorben

© REUTERS / Jim YoungDer ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld
Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - SNA, 1920, 01.07.2021
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Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist 88-jährig verstorben. Zweimal war er in seiner politischen Karriere Chef des US-Militärs. Mit dem Namen Rumsfeld sind Skandale und Kriegsverbrechen verbunden. Vielen US-Amerikanern gilt er aber dennoch auch als ein Symbol nationaler Stärke. Ein Nachruf.
Seit 2005 führt das US-Volkszählungsamt USCB eine Befragung unter den mehr als 328 Millionen US-Amerikanern durch, welche Abstammung sie haben. 2015 gaben mehr als 45 Millionen Menschen an, deutsche Wurzeln zu haben. Auch Donald Henry Rumsfeld gehörte zu dieser zahlenmäßig größten ethnischen Gruppe innerhalb der US-amerikanischen Bevölkerung. Sein Ururgroßvater war 1866 aus dem an der Grenze zur Hansestadt Bremen liegenden Weyhe im heutigen Niedersachsen in die USA ausgewandert.

Deutsche Wurzeln

Donald Rumsfeld wurde am 9. Juli 1932 in Chicago, im Bundesstaat Illinois geboren. Dort hat fast jeder Dritte deutsche Wurzeln. Und die Archive berichten von sehr intensiven Bemühungen Donald Rumsfelds, Kontakte in die Heimat seiner Vorfahren zu knüpfen, die er mehrfach besuchte und entfernte Verwandte wie gentechnisch nicht verwandte Normalbürger dabei gleichermaßen beeindruckte. Die Überlieferungen berichten auch davon, dass Rumsfeld ganz grundsätzlich Deutschland sehr verbunden gewesen sein soll.

Das Ende der „Liebesbeziehung“ zu Deutschland

Damit war es allerdings vorbei, als sich Deutschland im Bundestagswahlkampfsommer 2002 anschickte, den USA die Gefolgschaft zu verweigern. Ein Jahr zuvor war die von einer SPD-Grünen-Koalition geführte Republik noch in die von den USA initiierte Operation „Enduring Freedom“ eingestiegen, mit der nach dem Schock des 11. September 2001 nicht nur die Taliban aus Afghanistan vertrieben, sondern dort auch westliche Demokratiewerte exportiert werden sollten, neben Frieden natürlich. Die dieser Tage zu beobachtenden glanzlosen Abreisen deutscher und anderer westlicher Soldaten aus Afghanistan und die im Gegenzug beinahe wöchentlich zu beobachtende Rückeroberung des Landes durch die Taliban sind allerdings der traurige Beleg für das grandiose Scheitern dieses Friedensexportes, der viele Milliarden in verschiedenen Währungen, vor allem aber tausende Menschenleben gekostet hat, darunter auch mehr als 3500 Soldaten der westlichen Allianz.
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Maßgeblicher Antreiber dieser letztlich gescheiterten „Friedensmission“ war Donald Rumsfeld, zu jenem Zeitpunkt Verteidigungsminister unter US-Präsident George W. Bush und dort und darüber hinaus als unerbittlicher „Falke“ bekannt.

Jüngster Verteidigungsminister der US-Geschichte

Es war das zweite Mal, das Rumsfeld das Pentagon leitete. 26 Jahre davor hatte US-Präsident Gerald Ford, der 1974 dieses Amt übernehmen musste, nachdem sein Vorgänger Richard Nixon durch Rücktritt einem Amtsenthebungsverfahren wegen der Watergate-Affäre zuvorgekommen war, Rumsfeld zunächst zum Stabschef des Weißen Hauses ernannt, dann aber zum jüngsten Verteidigungsminister in der Geschichte der USA gemacht. Für dieses Amt schien er dennoch gut gewappnet zu sein, war er doch schon seit 1969 Teil des engsten Beraterstabes von Präsident Nixon und bis kurz vor seiner Berufung durch Gerald Ford als sein Stabschef Botschafter der USA bei der Nato.
Seine nur 14-einhalb Monate dauernde erste Ära im Pentagon fiel vor allem durch eine aggressive antisowjetische Rhetorik und sein rücksichtsloses Einfordern von deutlich gesteigerten Rüstungsausgaben auf, was er mit der Anordnung für die Beschaffung von neuentwickelten Sprengköpfen für die sogenannten Minuteman-Interkontinentalraketen kurz vor seinem Amtsende im Januar 1977 krönte. Für die Fraktion der „Falken“ in den USA avancierte Donald Rumsfeld deshalb umgehend zu einem ihrer Lieblinge.

Der Milton-Friedman-Jünger

Dennoch sollte tatsächlich fast ein Vierteljahrhundert vergehen, bis Donald Rumsfeld im Januar 2001 wieder in die Chefetage des Pentagon zurückkehrte. In diesen Zwischenjahren versuchte sich Rumsfeld als Manager. Denn neben seiner Hingabe an seine deutschen Wurzeln konnte von ihm jahrelang auch eine Hingabe zu den Lehren des Ökonomen Milton Friedman vernommen werden, der an der Universität von Chicago eine wirtschaftswissenschaftliche Denkrichtung kreiierte, die als „Chicagoer Schule“ weltberühmt wurde und beispielsweise in Chile während der Pinochet-Diktatur zu kolossalen sozioökonomischen Verwerfungen führte.
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Rumsfeld hatte die als besonders rücksichtslos und herzlos geltenden Maximen der Chicagoer Schule verinnerlicht und in allen seinen Positionen in Unternehmen angewandt, für die er bis 2001 arbeitete. So beispielsweise gleich in seiner ersten Manager-Position nach seinem Weggang aus dem Pentagon, als er zwischen 1977 bis 1985 die Pharmafirma G.D. Searle dadurch sanierte, indem er ohne langes Federnlesen mehr als 60 Prozent der Belegschaft feuern ließ.
Gleichwohl muss Donald Rumsfeld bescheinigt werden, dass er über außergewöhnliche Führungsqualitäten verfügte und ein entscheidungsfreudiger Mensch gewesen ist, was nicht nur an der Spitze eines Unternehmens nicht die schlechteste Charaktereigenschaft ist. Dennoch klingt das Urteil von Ex-US-Präsident George H.W. Bush über Donald Rumsfeld vernichtend: „arroganter Kerl“.

Zweite Amtszeit im Pentagon und Teil der „Neocons“ im Weißen Haus

Warum ihn sein Sohn, George W. Bush, dann trotzdem in sein Kabinett holte, ist noch etwas unklar. Die offizielle Erzählung berichtet derzeit davon, dass Rumsfeld 2001 in die Bush-Administration geholt wurde, damit er als Zivilist mit mehr als zwei Jahrzehnten Management-Erfahrungen die US-Armee auf Vordermann bringe. Es könnte aber auch schlichtes Netzwerken gewesen sein, das Rumsfeld zurück ins Pentagon brachte.
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Bush Jr. war mit Dick Cheney als seinem designierten Vizepräsidenten in den Präsidentschaftswahlkampf gezogen. Cheney, ein anderer Vertreter der sogenannten Neocons in Washington D.C. jener Tage, war unter Gerald Ford Stabschef des Weißen Hauses, mit Rumsfeld also auf Du und Du. Im Kabinett von Bushs Vater war Cheney Verteidigungsminister.
Das Duo Cheney-Rumsfeld gilt denn auch als eine der wichtigsten Einflussgruppen, die den als labil geltenden Präsidenten George W. Bush hervorragend konditionieren und lenken konnten. Zusammen mit anderen Neokonservativen im unmittelbaren Umfeld von Präsident Bush, wie etwa John Negroponte, Paul Wolfowitz oder Richard Perle sammelte sich um den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Clique von Kriegstreibern, die nicht nur die USA, sondern viele andere Staaten mit voller Absicht in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak manövrierten, der durch dreiste Lügen von angeblichen Massenvernichtungswaffen legitimiert wurde.

Der Kriegsverbrecher Donald Rumsfeld

Auf das Negativ-Konto von Donald Rumsfeld gehen in diesem Zusammenhang noch zwei andere Verbrechen: die Genehmigung für Foltermethoden im Gefangenenlager von Guantanamo und der Skandal um Demütigungen, Entwürdigungen und Folter im irakischen US-Gefängnis von Abu Ghuraib. Für diese Kriegsverbrechen wurde Donald Rumsfeld nie zur Verantwortung gezogen. Ganz im Gegenteil. Rumsfeld zeigte bis zuletzt keinerlei Unrechtsbewusstsein und verteidigte sein Handeln.
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Als besonders befremdlich wurde weltweit sein herablassendes Auftreten im 2013 produzierten Dokumentarfilm „The Unknown Known“ (auch als „The Life and Times of Donald Rumsfeld“ bekannt) empfunden. Die verschwurbelte Bemerkung von Rumsfeld, die Aufgabe des Pentagon bestehe darin das unbekannte Bekannte („the unknown knowns“) auszuwerten, und dieses unbekannte Bekannte seien „Dinge, die man weiß, von denen man nicht weiß, dass man sie weiß“ ("things that you know, that you don't know you know") wurde zu einem der am meisten zitierten Bemerkungen eines lebenden US-Politikers.
Dieser Dokumentarfilm ist allerdings – und sicher ungewollt – eine geradezu perfekte Charakterstudie von Donald Rumsfeld und erklärt diesen widersprüchlichen Menschen besser als die meisten Artikel, Bücher oder Nachrufe.
Donald Rumsfeld verstarb an den Folgen eines Multiplen Myeloms, einer Knochenkrebserkrankung. Er hinterlässt seine Frau, mit der er in einer Klasse in die Schule ging und fast 67 Jahre mit verheiratet war, sowie drei Kinder, Enkel und Urenkel.
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