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England gegen Deutschland: Der „Klassiker“ und der Krieg

© SNA / Anton Denisov / Zur BilddatenbankLondoner Wembley-Stadion
Londoner Wembley-Stadion - SNA, 1920, 29.06.2021
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Niemand wird heute sagen können, wer wann ausgerechnet Fußballspielen zwischen England und Deutschland erstmals das Etikett „Klassiker“ verpasst hat. Sicherlich hat das dramatische WM-Finale 1966 in London eine Rolle gespielt. Steckt vielleicht aber etwas mehr dahinter?
„Niemand wird bestreiten wollen, dass die Fußballnationen England und Deutschland, die sich am Dienstag im Wembley-Stadion im EM-Achtelfinale begegnen, ein ganz spezielles Verhältnis zueinander pflegen“, stellte die „Neue Zürcher Zeitung“ fest. „Rivalität, Fehde, ja sogar Feindschaft – keine dieser Etiketten wird dies- und jenseits des Ärmelkanals gescheut, um die Brisanz dieser Affiche einzufangen.“ „A Night Made For Heroes. A nation holding its breath“, lautete der Aufmacher der „Daily Mirror“ am Dienstag.

„Ten German Bombers“

Die Stimmung ist mittlerweile dermaßen angeheizt, dass der englische Fußballverband eine Mahnung herausgeben musste: Englische Fans, die beim EM-Achtelfinale gegen Deutschland beleidigende oder verunglimpfende Lieder singen, riskieren ein Stadionverbot. Verurteilt werde jegliches Benehmen im Wembley-Station, das als „diskriminierend und respektlos“ bewertet werden könnte. Besonders wurde betont, dass die englischen Fans die deutsche Nationalhymne nicht ausbuhen sollen.
Einige Tage zuvor hatte die britische Zeitung „The Telegraph“ darauf aufmerksam gemacht, dass Gruppen von einheimischen Fans bereits beim Gruppenspiel Englands gegen Kroatien im Wembley-Stadion das Lied „Ten German Bombers“ gesungen hätten. Darin geht es um den Abschuss deutscher Kampfflugzeuge während des Zweiten Weltkrieges. Heute, am Tag des „schicksalhaften“ Spiels, würde dieses oder ein anderes patriotisches Lied aus der Kriegszeit ganz bestimmt so manchen Fußballfans wieder einfallen.
„Wir freuen uns alle auf Englands Achtelfinale gegen Deutschland“, hieß es im Dokument des englischen Fußballverbandes. „Mit 40.000 Fans im Wembley-Stadion verspricht es, ein ganz besonderer Anlass zu werden. Wir ermutigen all unsere Fans, sich positiv hinter die Mannschaft zu stellen. Das bedeutet, England vor, während und nach dem Spiel auf die richtige Art zu unterstützen.“
LGBT-Flagge (Symbolbild) - SNA, 1920, 28.06.2021
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Mit Regenbogen-Binde auf die Knie gehen

Durch Corona hatte der ohnehin maßlose Hype vor dem Spiel zusätzliche Dramatik bekommen: Erstmals seit 15 Monaten wird im berühmten Londoner Fußball-Tempel Wembley vor mehr als 40.000 Fans gespielt. Dabei ist die Pandemie noch längst nicht besiegt, insbesondere in England, wo die gemeine Delta-Mutante trotz massenhafter Impfungen weiter wütet.

Insofern grenzt es für die Stadionbesucher beinahe an eine selbstlose Heldentat – mit „Waffenbrüdern“ durch Brüllen, Geschrei und Gesang giftige Schwebestoffe zu teilen.

Damit das Spiel nicht allzu kriegsähnlich wirkt: Im Vorfeld der Begegnung hatten die Verbände beider Länder bestimmte Gesten vereinbart, die die „gemeinsamen europäischen Werte“ Deutschlands und Englands hervorheben sollen. So wird der englische Mannschaftskapitän Harry Kane so wie sein deutscher Kollege Manuel Neuer eine Regenbogen-Binde tragen. „Im Austausch dafür“ wird sich die deutsche Nationalmannschaft vor dem Anpfiff mit England „solidarisieren“ und kollektiv auf die Knie gehen – eine Geste, die selbst von englischen Fans, die von der politischen Korrektheit nicht allzu viel halten, gern ausgebuht wird.

Am Anfang stand ein sowjetischer Linienrichter

Es sind übrigens vor allem die Deutschen, die die Rasen-Begegnungen zwischen den beiden Nationen als „Klassiker“ bezeichnen. Begonnen hat alles mit dem WM-Finale 1966 in England. Damals schoss Geoffrey Hurst in der Verlängerung das entscheidende Tor, das in Wirklichkeit kein Tor war. Der sowjetische Linienrichter Tofik Bachramow wollte aber den Ball hinter der Linie gesehen haben – und der Hauptschiedsrichter verließ sich darauf. Wir werden nie mehr erfahren, ob sich der Sowjetbürger Bachramow, der diese Entscheidung durchgesetzt hatte, auf diese Weise an den Landsleuten der deutschen Okkupanten rächen wollte.
Die Engländer wären 1966 nicht Weltmeister geworden, hätte es damals schon die moderne computergestützte VAR-Technik gegeben. Eine 30 Jahre später vorgenommene Video-Analyse bewies nämlich ziemlich eindeutig, dass Bachramow die Fußballwelt irregeführt hatte. Alle „klassischen“ Begegnungen zwischen England und Deutschland verliefen zwar meist recht dramatisch, endeten aber mit einem deutschen Sieg. Nun haben die Engländer wieder eine optimale Chance, den wenig erfreulichen Gang der Fußballgeschichte zu ihren Gunsten umzudrehen.
Um den Text zum Thema „Fußball und Krieg“ abzurunden, sei an den berühmten kurzen Weihnachtsfrieden 1914 erinnert, als deutsche und britische Soldaten aus ihren Schutzgraben herauskrochen und kleine Geschenke austauschten. In dem Video zu Paul McCartneys Hit „Pipes of Peace” wird diese „klassische“ historische Episode verfilmt: Da spielen die Briten und die Deutschen sogar kurz Fußball – bis das Spiel durch eine Kanonade abrupt abgebrochen wird.
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Zum Glück haben wir jetzt andere Zeiten: Geschossen wird nur mit einem Ball auf das gegnerische Tor. Mit Niederknien und Regenbogen-Binden werden „gemeinsame Werte“ proklamiert – während man sich auf den Tribünen durch Corona-Aerosole „verbrüdert“.
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