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Lust auf Geld und Gloria? – „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ verlieren Personal

© AP Photo / CHRISTOF STACHEDie Tagesschau (Symbolbild)
Die Tagesschau (Symbolbild)  - SNA, 1920, 26.06.2021
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Der nahezu gleichzeitige Wechsel mehrerer bekannter ARD-Gesichter – Linda Zervakis, Pinar Atalay und Jan Hofer – zu privaten TV-Sendern wirkt wie ein kleiner Exodus. Sie alle begründen den Weggang mit „neuen Herausforderungen“ und „steigendem Informationsbedürfnis“ der Zuschauer. Was mag aber noch dahinterstecken?
Als Motiv für den Wechsel geben die bisherigen Stars von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ durchaus plausible Gründe an. Das Ablesen meist vorsorglich präparierter Nachrichten vom Teleprompter, bei dem die schöpferische Freiheit höchstens auf kurze Anmoderationen beschränkt ist – ambitionierten Journalisten dürfte dieses Korsett in der Tat über kurz oder lang viel zu eng vorkommen.

TV-Geschäft als „Vanity Fair“

Hinzu kommt, dass das Fernsehen als Metier schon von seiner Natur her als eine Art „Vanity Fair“ gedacht ist. Nichts geht über eine Sendung, die deinen Namen trägt: „Anne Will“, „Maybrit Illner“, „Maischberger“… In einem anderen Bereich dürfte dies vielleicht als geschmacklos vorkommen, das eigene Ego dermaßen ungeniert hervorzutun – nicht aber im Fernsehen. Zervakis, bis vor kurzem eine von mehreren Gesichtern der täglichen ARD-Hauptnachrichten um 20 Uhr, sah auch nichts Anstößiges daran, öffentlich auszuplaudern, was sie an ihrem neuen Job beim Sender ProSieben so besonders reizt:

„Jetzt steht mein Name drauf – das hatte ich vorher noch nicht“, prahlte sie hemmungslos bei der Präsentation der Sendung „Zervakis und Opdenhövel Live“.

Es handelt sich um eine wöchentliche Live-Sendung, die im Herbst starten, zur besten Sendezeit 20.15 Uhr beginnen und zwei Stunden dauern soll.
Atalay, ihre ARD-Kollegin von den „Tagesthemen“, wird im August beim Sender RTL beginnen. Sie werde „zukünftig unsere Nachrichtenformate, Spezialsendungen und Themenabende prägen und unseren Zuschauerinnen und Zuschauern die komplexen Zusammenhänge der Welt verständlich erläutern und einordnen“, teilte Stephan Schmitter, Geschäftsführer von RTL News, mit. Fest steht bereits ein durchaus spektakulärer Termin im RTL-Programm: Am 29. August wird Atalay zusammen mit dem RTL-Urgestein Peter Kloeppel das Wahl-Triell mit Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz moderieren.
„Ich möchte mit meiner Erfahrung als TV-Journalistin und Moderatorin dem steigenden Informationsbedürfnis der Zuschauer gerecht werden, mit Qualitätsjournalismus, der für die Gesellschaft unabdingbar ist“, erklärte die 43-Jährige.
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„Die Privaten zahlen natürlich viel mehr“

Vor ziemlich genau 45 Jahren, am 16. Juni 1976, trat Dagmar Berghoff als erste „Tagesschau“-Sprecherin auf. Heutzutage sind Frauen in dieser Rolle längst keine Ausnahme mehr. Wie man sieht, passen ihre Ambitionen nicht mehr in diesen Rahmen. „Bei Linda Zervakis, die wohl sehr vielseitig ist, ist es vermutlich einfach eine neue Herausforderung, jetzt mehr Shows zu machen und sich auszutoben“, kommentierte die 78-Jährige in einem Interview die jüngsten personellen Änderungen. „Pinar Atalay ist die dritte in dem ‚Tagesthemen‘-Moderatorenkreis, eigentlich sind immer Caren Miosga und Ingo Zamperoni dran, und wenn die Ferien machen oder freihaben, ist sie dran. Da hat sie die Chance wahrscheinlich einfach ergriffen.“

Die Privaten „zahlen natürlich viel mehr als die ARD“, fügte sie hinzu. „Das ist gar kein Vergleich.“

Natürlich dürfte der wachsende Spardruck bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Rolle gespielt haben. Bemerkenswert ist aber auch, dass der neuerliche Exodus zeitlich mit dem Wechsel an der ARD-Spitze zusammenfiel: Seit Mai agiert Christine Strobl als Programmdirektorin der ARD.

Neue Besen bei der ARD

Ob neben dem zeitlichen auch ein Kausalzusammenhang besteht – darüber ließe sich trefflich spekulieren. Fakt ist, dass Strobl, bisherige Chefin der ARD-Filmproduktionstochter Degeto, mit ihren Vorstellungen vom künftigen Programm des Senders gekommen ist. Allein schon wegen ihrer beruflichen Vorgeschichte könnten die Polittalks und Nachrichten als solche nicht unbedingt zu ihren Prioritäten gehören.

„Mich erreichen auch oft Briefe, in denen es heißt: Ich möchte nicht immer, dass im Fernsehen gestritten wird – ich will auch mal wieder in Bildern schwelgen, mich entspannen und genießen“, betonte Strobl in einem Interview für das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Und: „Es gibt Bereiche, in denen müssen wir uns als ARD klar verbessern. (…) Das ist zum einen die Comedy (…). Es wäre ein Fehler, die Unterhaltung den Privaten zu überlassen.“

Die neue Programmdirektorin ist sich der wachsenden Konkurrenz durchaus bewusst – und zwar nicht nur durch private TV-Sender, sondern auch durch die neuen globalen Akteure wie diverse Pay-TV-Anbieter. Auch deshalb ist der von ihr angedeutete Schwenk in Richtung Unterhaltung nachvollziehbar. Davon ganz zu schweigen, dass sich vor allem Jugendliche immer mehr vom Fernsehen abwenden und ihren Bedarf an bewegten Bildern und Infos aus Internet-Medien und sozialen Netzwerken decken.
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Deutsche TV-Stars demnächst auch bei RT?

Apropos neue Anbieter und das „steigende Informationsbedürfnis der Zuschauer“, von dem Atalay sprach: Für Dezember 2021 ist der Start eines deutschsprachigen russischen Fernsehsenders RT.DE geplant. Das Ziel des Projekts bestehe darin, „dem deutschen Auditorium das zu geben, was ihm fehlt“, betonte die Chefredakteurin des Senders, Dinara Toktosunova, in einem FAZ-Gespräch. „Es geht dabei etwa um Talkshows, in denen nicht mehr die immer gleichen Gäste sitzen, und um Nachrichten, die von den deutschen Sendern ignoriert werden oder über die einseitig berichtet wird.“
Erwartungsgemäß reagierten die deutschen „Leitmedien“ bisher mit großem Argwohn auf diese Pläne. Mehr noch: Man ist bemüht, den künftigen Sender schon im Voraus als ein „Sprachrohr des Kremls“ zu diffamieren, das die öffentliche Meinung in Deutschland auf eine der russischen Regierung passenden Weise beeinflussen würde. Die nächsten Monate werden zeigen, ob diesem Sender Möglichkeiten für eine faire Konkurrenz um die Gunst der deutschsprachigen Zuschauer geboten werden. Ein Test für die Medien- und Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik wäre dies allemal.
Und noch eine Überlegung – um diesen Text thematisch abzurunden: Der englischsprachige RT-Fernsehsender existiert bereits seit mehreren Jahren und kann in dutzenden Ländern empfangen werden. Im Laufe dieser Jahre haben überaus namhafte TV-Journalisten „aus dem Westen“ für diesen Sender gearbeitet – angefangen beim absoluten CNN-Star Larry King. Insofern sollte es wohl niemanden überraschen, wenn auch so manche ARD- und ZDF-Gesichter eines Tages bei RT.DE auftauchen würden.
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