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Sportfremdes Spektakel: Der Regenbogen-Hype

© CC0 / SatyaPrem / PixabayLGBT-Flagge (Symbolbild)
LGBT-Flagge (Symbolbild) - SNA, 1920, 24.06.2021
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Manuel Neuer trägt bereits seit dem Testspiel gegen Lettland am 7. Juni seine Regenbogen-Kapitänsbinde. Bis zum Spiel gegen Portugal schien das niemanden zu stören. Kaum jemand konnte ahnen, dass dies Teil einer groß angelegten Aktion war. War es aber wirklich so gedacht?
Am 18. Juni, dem Vortag des Spiels gegen Portugal – bereits nach der 0:1-Niederlage gegen Frankreich – twitterte der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski einen höhnischen Kommentar zu Neuers neuer Kapitänsbinde: „Haltung ist mittlerweile wichtiger als Leistung!“
Am 19. Juni gab der langjährige Fraktionschef der AfD in Rheinland-Pfalz, Uwe Junge, per Tweet seinen Senf dazu:

„Münchener Arena soll beim Ungarn-Spiel in Regenbogenfarben leuchten und Neuer trägt die Schwuchtelbinde statt unsere Nationalfarben.“

Die AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Alice Weidel, erteilte dem Parteikameraden rasch eine Abfuhr:
„Das ist nicht die AfD. Uwe Junge wird sich die Partei demnächst von außen anschauen dürfen.“
Junge löschte darauf seinen Tweet und ersetzte ihn durch einen neuen: „Den Tweet zur Kapitänsbinde habe ich gelöscht. Für den Begriff 'Schwuchtelbinde' entschuldige ich mich. Inhaltlich bleibe ich dabei, dass derartige Statements nichts an oder auf dem Trikot der Nationalmannschaft zu suchen haben. Unsere Farben sind schwarz, rot und gold."

Neuer nur ein „Aushängeschlid“?

Erst danach wurde bekannt, dass die Europäische Fußball-Union UEFA Neuers Kapitänsbinde bereits unter die Lupe genommen hatte. Zeitnah hieß es offiziell, die UEFA habe „die Prüfung eingestellt“: Der Nationaltorwart dürfe die Regenbogen-Binde weiter tragen.
Bemerkenswert bei der ganzen Geschichte: Neuer selbst hat sich noch niemals dazu geäußert, warum er diese Binde trägt und wessen Idee dies überhaupt war. Für ihn sprach der DFB-Pressesprecher Jens Grittner – allerdings auch erst am 20. Juni.
Der Keeper trage diese Kapitänsbinde als Zeichen und „klares Bekenntnis der gesamten Mannschaft für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung“, hieß es. „Die Botschaft lautet: Wir sind bunt!“ Damit wurde klargestellt, Neuer diene quasi nur als „Aushängeschild“.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen - SNA, 1920, 23.06.2021
„Eine Schande“ – EU-Kommission geht gegen Ungarns Gesetz zu Sexualität vor

Ist die UEFA „unpolitisch“?

„Zu bunt“ wurde es aber der UEFA nach der Ankündigung von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), er werde am 21. Juni bei der Europäischen Fußball-Union den Antrag stellen, die Münchner Allianz-Arena beim Spiel gegen Ungarn am 23. Juni in Regenbogenfarben leuchten zu lassen. Die UEFA untersagte diese Aktion – und damit war der Siedepunkt erreicht.
Um es gleich vorauszuschicken: Bei ihren Entscheidungen, Sport von Politik zu trennen, ist die UEFA nicht gerade konsequent. Immerhin ließ sie die Proteste gegen Rassismus zu, bei denen Spieler und mitunter auch Schiedsrichter vor dem Anpfiff auf ein Knie gingen. Ja, sie befeuerte diese sogar: Auf den vom Verband vorgeschriebenen Kapitänsbinden, die alle 23 Mannschaftskapitäne bis auf Neuer getragen haben, steht „No to racism.“
Außerdem kündigte die UEFA kürzlich Sanktionen gegen Belarus an, wonach in diesem Land keine Wettkämpfe unter der Ägide des europäischen Verbands stattfinden sollen. Als „unpolitisch“ lässt sich dieser Schritt kaum bewerten.
Zu der „Prinzipienfestigkeit“, mit der die UEFA ihre Entscheidung durchgesetzt hat, die Regenbogen-Beleuchtung der Münchner Arena zu untersagen, gab es mindestens zwei Deutungsvarianten zu lesen. Erstens: Budapest ist einer der Austragungsorte der jetzigen EM, Ungarn ist für den Verband keinesfalls ein „No-go“-Land. Gemunkelt wurde außerdem, dass das Budapester Stadion als eine Reserve-Variante für das EM-Endspiel am 11. Juli in Frage kommt, sollte das Londoner Wembley-Stadion für diese Zwecke wegen der Pandemie ausfallen.
Zweitens: Die UEFA ließ sich von Fair-Play-Überlegungen leiten. Da Ungarn vor wenigen Tagen das Gesetz über das Verbot der Homosexualität-Aufklärung von Schulkindern verabschiedet hat, ließe sich eine solche Beleuchtung eindeutig als „Ungarn-feindlich“ auslegen, was dem Gastgeber Deutschland zusätzliche psychologische Vorteile liefern würde.

Deutschland im Regenbogen-Fieber

Wäre das Letztere wirklich eines der Motive gewesen, so wurde damit nur das Gegenteil bewirkt. Es schien mitunter so, als hätte ganz Deutschland nur darauf gewartet, seine liberale und tolerante Haltung bunt und lautstark zu manifestieren. Mehrere deutsche Sportarenen demonstrierten ihre technischen Möglichkeiten, sich in Regenbogen-Farben zu beleuchten.
Die Hamburger Elbphilharmonie folgte diesem Beispiel genauso wie zahlreiche öffentliche und administrative Gebäude bundesweit.Markus Söder, Annalena Baerbock, Olaf Scholz – um nur die bedeutendsten Akteure des politischen Spektrums des Landes zu nennen – nahmen das UEFA-Verbot wie ein Signal auf, um mit Regenbogen-Fahnen zu posieren und die Europäische Fußball-Union zu verteufeln.
Tagelang begannen alle TV-Hauptnachrichten mit Berichten zu diesem Thema. Die Tageszeitungen machten mit ihren „Regenbogen“-Aufmachern eifrig mit. Amnesty International und etliche LGBT-Organisationen hatten zigtausende Regenbogen-Fähnchen, -Atemschutzmasken und sonstige einschlägige Artikel parat gehalten, um diese am Mittwoch vor dem Eingang zur Münchner Arena an die Fußball-Fans zu verteilen. Mit anderen Worten: Das Ganze wirkte ziemlich totalitär.
„Allianz-Arena“ in München - SNA, 1920, 22.06.2021
Nach Ablehnung der Regenbogenbeleuchtung in München viel Kritik an UEFA

Die moralischen Sieger

„Wir wollen bei populistischen Aktionen nicht benutzt werden, nur deswegen haben wir diese Entscheidung getroffen“, erläuterte der UEFA-Chef Aleksander Ceferin die Entscheidung seines Verbands im Vorfeld des Mittwoch-Spiels. Wie die Bilder aus München und ganz Deutschland gezeigt haben, hat die Entscheidung massenhafte Aktionen ausgelöst, die kaum anders als populistisch bezeichnet werden können.
„Indem die deutsche Öffentlichkeit den sportlichen Wettbewerb für diese politische Botschaft nutzt, setzt sie nicht die verantwortlichen ungarischen Politiker, sondern Ungarn auf die Anklagebank“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ). „Orban wird das nicht betrüben, im Gegenteil. Kaum etwas macht es autoritären Politikern leichter, die Reihen zu schließen, als Druck von außen, der sich als Agitation gegen das ganze Land darstellen lässt.“
Dieser NZZ-Beitrag erschien noch vor dem Spielanstoß am Mittwoch. Eine Bestätigung dieser Zeilen lieferten die abschließenden Bilder der Übertragung aus München: Die ungarischen Spieler standen weinend vor der „ungarischen“ Tribüne und sangen mit der Hand aufs Herz zusammen mit den Fans die Landeshymne. Als moralische Verlierer des eben zu Ende gegangenen Wettkampfs und des (un-) sportlichen Spektakels wirkten sie dabei nicht.
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