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„Russisches Volk hat großes Herz für Deutschland“ – Linke im Bundestag erinnert an 22. Juni 1941

© SNA / Valeri SchillerLinksfraktion im Bundestag am 22. Juni 2021
Linksfraktion im Bundestag am 22. Juni 2021 - SNA, 1920, 23.06.2021
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Mit einer Gedenk-Veranstaltung hat die Linksfraktion im Bundestag am Montag an „80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion“ erinnert. Dazu waren neben dem Botschafter Russlands, Sergej Netschajew, auch russische Abgeordnete aus Russlands Parlament, der Duma, eingeladen. SNA war vor Ort und konnte mit Politikerinnen und Gästen sprechen.
Vize-Fraktionschefin Gesine Lötzsch und Sevim Dagdelen, außenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, begrüßten am Montagabend im Bundestag deutsche und internationale Gäste zur Gedenk-Veranstaltung der Linksfraktion. Darunter waren neben Russlands Botschafter Sergej Netschajew Abgeordnete aus der russischen Duma wie Oleg Shein sowie Hans Modrow, Vorsitzender des Ältestenrates der Partei Die Linke sowie letzter Vorsitzender des Ministerrates der DDR. Er wirbt „bis heute unermüdlich für den deutsch-russischen Dialog“, so eine der beiden Moderatorinnen.
„Das ist ein großer und gedenkwürdiger Tag im russischen Erinnerungskalender“, erklärte die russische Duma-Politikerin Jelena Drapeko gegenüber SNA. „Am frühen Morgen des 22. Juni werden viele russischen Menschen auf die Straße gehen oder eine Kerze aufstellen, um an die verstorbenen Verwandten und Freunde zu gedenken.“ Die frühere Schauspielerin ist stellvertretende Vorsitzende der Fraktion „Gerechtes Russland“ in der russischen Duma, sowie Vize-Vorsitzende des Kulturausschusses.
Einer ihrer Cousins sei im Krieg in der Nähe von Leningrad gefallen. „Der andere Cousin bei der Eroberung einer japanischen Insel in den letzten Kriegstagen. Der eine wurde mit einer Medaille für die Verteidigung Leningrads ausgezeichnet und der andere mit dem Lenin-Orden. Das ist also eine ganz persönliche Geschichte.“
© SNA / Valeri SchillerLinksfraktion im Bundestag am 22. Juni 2021
Linksfraktion im Bundestag am 22. Juni 2021 - SNA, 1920, 23.06.2021
Linksfraktion im Bundestag am 22. Juni 2021

Fehlendes offizielles Gedenken

„Wir sind sehr beschämt darüber, dass die Bundesrepublik Deutschland wenig offizielles Gedenken ausgerichtet hat und erst auf Druck der Linkspartei ist ein bisschen Bewegung hineingekommen,“ sagte Gesine Lötzsch gegenüber SNA. Sie ist stellvertretende Fraktion-Chefin und haushaltspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag.

„Wir hätten gerne eine offizielle Gedenk-Veranstaltung aller Fraktionen unter der Leitung des Bundestagspräsidenten im Plenarsaal des Bundestages gehabt. Das ist verweigert worden. Und darum haben wir gesagt: Es muss im Gebäude des Bundestages ein Zeichen gesetzt werden. Wir brauchen ein friedliches Zusammenleben mit allen – auch mit Russland.“

Lötzsch kritisierte „eine Verschiebung“ in der bundesdeutschen Erinnerungskultur, wenn es um die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges durch den deutschen Faschismus geht. In der Bundesrepublik gebe es eine politische Kraft, „nämlich die Linke, die sagt: Das darf nicht vergessen werden.“ Dies war ihr zufolge eine wichtige Lehre und Botschaft an die Staatsgäste aus der Russischen Föderation, einem der Nachfolgestaaten der früheren UdSSR.
Obfrau der Fraktion Die Linke Sevim Dagdelen (Archivbild) - SNA, 1920, 19.05.2021
Die Linke fordert Deutsch-Russischen Freundschaftsvertrag

„Persönliche Kontakte zwischen Russen und Deutschen notwendig“

„Wir brauchen dazu viele Initiativen, vor allem persönliche Kontakte zwischen den Menschen“, sagte Lötzsch auf der Gedenk-Veranstaltung„80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion“. Sie verwies dort unter anderem auf feministische Sichtweisen auf den Krieg.
So wurde die wahre Geschichte einer jungen, sowjetischen Sanitätsinstrukteurin an der Ost-Front vorgelesen. „Ich schleppte als junge Frau, eine Ballerina, die gerade mal 48 Kilo wog, verwundete Soldaten von 70, 80 Kilo. Einen nach dem anderen. Heute ist das kaum zu glauben.“

„Versöhnung und Freundschaft mit Russland“

Wie der große deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schon einmal gesagt hat: „Wir wissen aus der Geschichte der Völker, dass die Völker nichts aus der Geschichte gelernt haben.“ Das sagte Linken-Politikerin Dagdelen im Gespräch mit SNA: „Ich hoffe, dass die heutige Veranstaltung dazu beigetragen hat, dass wir aus der Geschichte lernen. Spätestens jetzt, am 80. Jahrestag der Überfalls Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion, mit den furchtbarsten Folgen von 27 Millionen Toten, muss man gedenken. Um auch Verantwortung zu übernehmen. Es geht um ein Gedenken, um auch zukunftsgerichtet Verantwortung zu übernehmen.“
Dies bedeute nichts anderes, „als Freundschaft und Versöhnung mit Russland zu verstetigen. Es ist eine Schande, dass weder der Bundestag noch die deutsche Bundesregierung diesen Jahrestag würdig und angemessen gedenken und sich vor den Opfern verneigen. Die Konfrontationspolitik des Westens und auch der Bundesregierung gegenüber Russland hat in den letzten Jahren immer weiter zugenommen. Diese schäbige Sanktionspolitik – gegenüber der Tatsache, dass bis heute überhaupt keine Reparationszahlungen an Russland gezahlt worden sind – ist oberpeinlich und zum fremdschämen.“
Die Erinnerungspolitik der Bundesregierung habe „nichts mehr mit der Lehre aus dem Zweiten oder Ersten Weltkrieg zu tun. Das ist skandalös. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass wir dieses Gedenken im Bundestag im Plenarsaal angemessen durchführen“.
Deutsche Gebirgsjäger beim Vormarsch nahe der deutsch-sowjetischen Interessengrenze, 22. Juni 1941 - SNA, 1920, 21.06.2021
„Schuld für den Ausbruch des Krieges liegt ganz klar bei Deutschland“ - Historiker im Gespräch

„Deutsche sind schuld – Faschismus muss zerstört werden“

„Wir müssen alles dafür tun, damit die Nato ihre Einkreisungs-Politik und ihre Aggressivität gegenüber Russland und anderen Ländern, die sich nicht unter ihr Diktat begeben, beendet wird“, betonte Dagdelen. Wenn die Linkspartei an der Regierung wäre, dann gäbe es dieses Kriegsführungsbündnis der Nato nicht mehr in dieser Form.
„Die Inhalte, die Die Linke als Oppositionspartei im Bundestag vertritt, sind Inhalte, die von der Mehrheit der Bevölkerung auch getragen werden. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland möchte gute Beziehungen, Versöhnung und Zusammenarbeit mit Russland.“
Bereits vor der Veranstaltung hatte die außenpolitische Sprecherin der Linksfraktion mit David Dushman, dem Anfang Juni verstorbenen letzten Befreier von Auschwitz aus der Roten Armee, ein Interview geführt.
„Es war ein Sieg des Friedens über den Krieg. Nicht die Deutschen sind schuld, sondern der Faschismus muss zerstört werden“, sagte er. „Diese Aussage zeigt, wie großartig dieser Mensch war“, kommentierte Dagdelen gegenüber SNA. „Und wie großherzig die Menschen in Russland sind. Trotz der millionenfachen Opfer, die es gegeben hat, hat Russland die Hand ausgestreckt Richtung Deutschland. Es gab keine Feindschaft.“
SNA-Interview zum 22. Juni 1941 - SNA, 1920, 22.06.2021
„Sowjetischen Opfern der Wehrmacht in die Augen blicken“: SNA-Interview zum 22. Juni 1941 – VIDEO

Sowjetische Radio-Stimmen aus Juni 1941

Zu Beginn der Veranstaltung war eine sowjetische Radio-Ansage vom 22. Juni 1941 zu hören – dem Tag, als die faschistische deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hatte. Am Ende forderte der faschistische Vernichtungskrieg auf sowjetischer Seite über 27 Millionen Todesopfer.
„Wir erinnern und wollen Verantwortung übernehmen“, betonte Lötzsch auf dem Podium. Sie sprach von „barbarischem Terror“ gegen die zivile Bevölkerung und verwies auf Historiker, die beim Überfall auf die UdSSR „vom zweiten Völkermord der Nationalsozialisten“ sprechen.
Dazu kamen russische Zeitzeugen aus jener Zeit zu Wort. Der Abend wurde musikalisch untermalt, so durch das bekannte Anti-Kriegslied „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“, vorgetragen von der Sängerin Gina Pietsch. Der bekannte ostdeutsche Musiker Tino Eisbrenner sang in deutscher und russischer Sprache über Leid und Hoffnung im Krieg.

Gegen Sanktionen und Drohungen

Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion, würdigte die „Opfer eines der größten Verbrechen der Geschichte“ in einer Gedenkrede. Er sprach vom deutschen „Angriffs- und Vernichtungsfeldzug gegen Russland“ und erinnerte an die sowjetischen Kriegsgefangen.
„Die heutige Veranstaltung war mir und meiner Fraktion ein Bedürfnis“, sagte er. Es sei ihm, „eine Ehre, die russischen Gäste begrüßen zu dürfen.“ Ebenso auch Vertreter der armenischen und französischen Botschaft in Berlin. Der sowjetische Sieg über Nazi-Deutschland sei ein „unschätzbarer Beitrag der Völker der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg bei der Befreiung vom Faschismus“ gewesen, so Bartsch.
„Völker wie das russische Volk sind mit Sanktionen und Drohungen nicht in die Knie zu zwingen“, sagte der Fraktionschef unter Applaus. Dabei kritisierte er Nato-Übungen an Russlands Grenzen und sprach sich für die Pipeline Nord Stream 2 aus. Er hob ebenso den deutsch-russischen Jugendaustausch hervor, lobte Bundespräsident Steinmeier für seine Gedenk-Rede und erinnerte an Wladimir Putins Rede im Bundestag 2001.
Ausstellung im Deutsch-Russischen Museum - SNA, 1920, 19.06.2021
„Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ und das „Unternehmen Barbarossa“ – SNA-Video

Historische Verbindung Deutschland-Russland

Die frühere ARD-Korrespondentin in Moskau, Gabriele Krone-Schmalz, saß ebenfalls auf dem Podium und sagte:
„Wir schleppen Schuld mit uns herum. 27 Millionen Menschen in der UdSSR sind im Krieg gestorben. Es wird greifbarer, wenn man sich vergegenwärtig, dass es sich bei dieser Zahl um die Bevölkerung des heutigen Skandinaviens handelt. Das sagt etwas aus über die Art des Feldzugs.“
Verzeihung und Vergebung standen im Mittelpunkt ihrer Rede. Sie schäme sich für das heutige Geschichtsbild der Bundesregierung und lobte die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst vor wenigen Tagen. Frieden sei keine Selbstverständlichkeit.
Russlands Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, betonte den historischen Charakter der Veranstaltung und die heutigen kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und Russland bzw. der früheren Sowjetunion. Dabei warb er für das Konzept „Von Wladiwostok nach Lissabon“, die Idee eines euro-russischen Wirtschafts- und Kulturraumes.
Dieses historische Datum habe „auch eine politische Relevanz für heute“, betonte Alexander Neu, Obmann der Linksfraktion im Verteidigungsausschuss des Bundestages, gegenüber SNA. „Wir sehen die zunehmende Eskalations-Politik. Ausgehend vom Westen, von westlichen politischen Führern – nicht von der Bevölkerung – die nicht akzeptieren wollen, dass Russland oder China oder der Iran, oder früher Jugoslawien, eine eigene souveräne Politik führen wollen und sich nicht westlichen Vorgaben unterwerfen wollen. Das ist unfassbar und von daher sind solche Gedenk-Veranstaltungen wichtig.“
Das Radio-Interview mit Sevim Dağdelen (Die Linke) zum Nachhören:
Das Radio-Interview mit Gesine Lötzsch (Die Linke) zum Nachhören:
Das Radio-Interview mit Elena Drapeko (russische Duma) zum Nachhören:
Das Radio-Interview mit Dr. Alexander Neu (Die Linke) zum Nachhören:
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