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Schweiz wird doch nicht Bio-Land – aber „das Bewusstsein ist da“

© SNA / Vakery LevitinSchweiz. Archivfoto
Schweiz. Archivfoto - SNA, 1920, 22.06.2021
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Die Schweizer Pestizid-Initiativen wurden von den Bürgern mehrheitlich abgelehnt. Mathias Forster sagt weiterhin, der Status quo müsse sich ändern, er gefährde unsere Gesundheit und langfristige Versorgung mit Lebensmitteln. Wie es nun weitergeht, nach den Referenden, erklärt er im SNA-Interview.
Herr Forster, 61 Prozent der Bürger und 25 von 26 Kantonen stimmten am vergangenen Sonntag dagegen, die Schweiz zum ersten Land in Europa ohne synthetische Pestizide zu machen. Auch die Trinkwasserschutzinitiative wurde mit 60,68 Prozent der Stimmen abgelehnt. Die Ergebnisse sind deutlicher ausgefallen, als die Umfragen hatten glauben lassen. Wie beurteilen Sie den Ausgang der Referenden?
Ja, also das ist vielschichtig. Das Frauenstimmrecht ist in der Schweiz vor 50 Jahren eingeführt worden und das im dritten Anlauf – also mit der dritten Volksinitiative. Wir haben die stärksten Machtblöcke der Schweiz gegen uns gehabt, mit dem Parlament, mit dem Bundesrat, mit Syngenta, Bayer, Fenaco, mit dem Bauernverband und Economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Trotzdem haben wir 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, die abgestimmt haben, für einen Ausstieg aus dem Pestizidzeitalter gewinnen können. Das ist aus unserer Sicht doch ein beachtlicher Anteil. Das sind 1,28 Millionen Menschen – vor allem in den städtischen Gebieten –, darauf lässt sich aufbauen.
Wenn Sie jetzt erwähnen, dass das Frauenwahlrecht erst im dritten Durchgang angenommen wurde, heißt das, dass es ähnlich lautende Referenden in der Zukunft geben wird?
Das Bewusstsein, was durch diesen Abstimmungskampf entstanden ist, ist jetzt nicht mehr so einfach abzustellen. Der harte Abstimmungskampf hat gezeigt, dass da ein ganz zentraler Punkt getroffen wurde, der ein Zeitgeistelement hat, das angegangen werden will, und das nur noch einmal knapp abgewendet werden konnte. Ich gehe schwer davon aus, dass, wenn jetzt das Parlament, der Bundesrat, die Bauernverbände, die Industrie nicht vorwärts machen, die nächste Initiative nicht lange auf sich warten lassen wird. Die Bevölkerung hat einfach keine Lust mehr, kontaminiertes Trinkwasser konsumieren zu müssen und ständig mit Giftstoffen leben zu müssen. Das muss aufhören. Der Auftrag ist klar. Diese 1,28 Millionen Menschen stellen einen beachtlichen Teil der Bevölkerung dar, die Gegner haben ja nur 700.000 Unterschriften mehr gehabt – das ist nicht so ein Riesenunterschied. Der Druck wird da nicht weniger werden.
Ein Bauer presst Heu in Ballen im schweizerischen Penthaz. 31. Mai 2021 - SNA, 1920, 12.06.2021
Alles Bio und pestizidfrei? Ein Segen für die Schweiz – Abstimmung am Sonntag
Wie geht es nun für das Thema Umweltschutz in der Schweiz weiter?
Man geht aus der Spannung in die Entspannung. So einen Wahlkampf kann man sich vorstellen, als ob ständig Strom durch Sie fließen würde. Erstmal müssen sich alle ein bisschen erholen und durchatmen und die Sache analysieren. Dann wird überlegt, was die nächsten Schritte sind – das braucht aber noch ein bisschen Zeit.
Nachdem so viele Menschen gegen Pestizide gestimmt haben, können Sie sich vorstellen, dass die konventionellen Bauern oder der Bauernverband von alleine darauf reagieren werden?
Ich hoffe es. Ich persönlich unterscheide immer zwischen dem Bauernverband als politische Lobbyorganisation und Interessenvertreter und den Bauern selbst. Der Verband ist eine Lobbyorganisation mit extrem starken Beharrungskräften, weil die natürlich mit dem System, so wie es gerade läuft, gut verdienen. Das ist die Made im Speck.
Aber die einzelnen Bäuerinnen und Bauern auf dem Feld spüren einfach den Unmut der Bevölkerung. Wenn die mit der Spritze unterwegs sind, werden sie oft einfach angesprochen. Es gibt auch unschöne Sachen, dass man denen den Mittelfinger zeigt. Die merken auf jeden Fall jeden Tag, was die Bevölkerung will und was nicht. Ich glaube, sie sind einerseits froh, dass die Initiativen nicht durchgegangen sind, sie merken aber auch, „wir müssen da etwas verändern“. So würden sie sich von sich aus, als Bäuerinnen und Bauern, auf einen Weg begeben und nicht immer nur in Abhängigkeit des Bauernverbandes leben.
Der Widerstand des Bauernverbandes wird weiterhin hoch bleiben, aber auch der Druck wird aufrecht erhalten bleiben. Wir kommen nicht drum herum, dieses System zu verwandeln, um die Lebensgrundlagen für den Planeten – das betrifft ja nicht nur unser Land – längerfristig für die nachkommenden Generationen zu erhalten.
Ein Poster steht an einem Acker in der Nähe von Ellikon an der Thur vor der Volksabstimmung über die Agrar-Initiativen, 27. Mai 2021 - SNA, 1920, 12.06.2021
Alles Bio und pestizidfrei? Ein Fluch für die Schweiz – Abstimmung am Sonntag
Auch ein überarbeitetes CO2-Gesetz wurde mit 51,59 Prozent der Stimmen abgelehnt. Damit sollte die Schweiz ihren Treibhausgas-Ausstoß bis zum Jahr 2030 gegenüber dem Wert von 1990 halbieren. Es hätte höhere Benzinpreise und Flugpreise zur Folge gehabt. Wie sehen Sie diesen Punkt?
Die Stimmbeteiligung lag relativ hoch, bei etwas über 60 Prozent. Der Bauernverband hat in den ländlichen Regionen die Bäuerinnen und Bauer mobilisiert. Als sie an die Urnen für ihre Pestizid-Initiativen gingen, haben sie laut Analyse auch das CO2-Gesetz verschenkt. Man hat sich ja selbst verpflichtet gegenüber der internationalen Weltgemeinschaft, dass man den CO2-Anteil durch verschiedene Aktivitäten runterbringen muss. Das hat man jetzt mit diesem Gesetz versucht, es wurde ganz knapp nicht angenommen. Das heißt aber: Da gibt es einen großen Anteil an Bürgern, die das wollen.
Die Beteiligten in diesem Bereich werden nicht drum herum kommen, weiterzumachen, weiter Lösungen auszubauen und voranzugehen. Vielleicht sollte man etwas mehr mit Anreizsystemen und etwas weniger mit Verboten oder Gesetzen arbeiten. Man muss ja nicht immer von „Emissionsreduktion“ sprechen. Man kann ja auch von Aufforstung und Landnutzungsänderungen reden. Bei Humusaufbau kann CO2 gebunden werden, wie wir das mit unserem Bodenfruchtbarkeitsfonds zeigen – einfach positive Anreize setzen. Es ist allen klar, man muss da dranbleiben.
Mathias Forster ist Stiftungsrat und Geschäftsführer der Bio-Stiftung Schweiz. Sein Buch „Das Gift und wir – wie der Tod über die Äcker kam und wie wir das Leben zurückbringen können" ist im Westend Verlag erschienen.
Das komplette Interview mit Mathias Forster zum Nachhören:
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