Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

„Kriege müssen verhindert werden“ – Bundeswehrhistoriker zum „Fall Barbarossa“

© SNA / Anatoliy Egorov / Zur BilddatenbankEines der ersten abgeschossenen deutschen Flugzeuge bei Odessa
Eines der ersten abgeschossenen deutschen Flugzeuge bei Odessa - SNA, 1920, 22.06.2021
Abonnieren
Vor genau 80 Jahren begann das blutigste Kapitel des Zweiten Weltkrieges: der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Der Militärhistoriker am Zentrum für Militärgeschichte der Bundeswehr in Potsdam, Chris Helmecke, erklärt im SNA-Interview, warum die NS-Operation „Barbarossa“ zum Scheitern verurteilt war.
„Barbarossa“ war der Deckname des nationalsozialistischen Regimes für den Überfall auf die Sowjetunion. Ist heute bekannt, wie und wann dieser Angriffsplan zustande kam?
Die Idee von einem Krieg im Osten hatte Hitler schon in „Mein Kampf“ 1925/26 deutlich gemacht. Der antijüdisch-antibolschewistische Rassenkampf und der Kampf um „Lebensraum“ waren die Eckpfeiler seiner Ideologie und zugleich die Begründung für einen Krieg gegen die Sowjetunion. Bereits wenige Tage nach seiner Machtübernahme 1933 schwor Hitler sein Militär darauf ein.
Das Deutsche Reich sah 1941 zwar keine unmittelbare militärische Bedrohung durch die Sowjetunion. Dennoch bestand für den Generalstabschef des Heeres, Generaloberst Franz Halder, in einer Phase der Abkühlung der deutsch-sowjetischen Beziehungen im Sommer 1940 die latente Bedrohung, dass sich Stalin mit Großbritannien verbünden könnte. Halder ließ deshalb Anfang Juli 1940 aus eigener Initiative heraus Überlegungen für einen Feldzug gegen die Sowjetunion ausarbeiten. Im gleichen Monat wies Hitler die Oberbefehlshaber des Heeres und der Kriegsmarine an, gedankliche Vorbereitungen zur Lösung des „russischen Problems“ zu treffen. Die Operationsabteilung des Heeres arbeitete detaillierte Pläne aus.
Zusätzlich wurden weitere Planungsstudien beauftragt. Im Herbst 1940 wurden die verschiedenen operativen Ansätze zusammengeführt und weiterentwickelt. Am 5. Dezember stellte der Oberbefehlshaber des Heeres die Planung dann Hitler vor. Zwei Wochen später, am 18. Dezember 1940, erließ Hitler schließlich seine Weisung Nr. 21 für den „Fall Barbarossa“.
SNA-Interview zum 22. Juni 1941 - SNA, 1920, 22.06.2021
„Sowjetischen Opfern der Wehrmacht in die Augen blicken“: SNA-Interview zum 22. Juni 1941 – VIDEO
Hitler hatte einen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion schon 1925 in seinem Buch „Mein Kampf“ zum ideologisch-politischen Hauptziel seiner Außenpolitik erklärt. Waren das die Gründe und Ziele des Krieges 1941? Oder hat sich sein Weltbild in seiner Zeit als „Führer“ gewandelt?
Hitlers antisemitisches und antibolschewistisches Weltbild mit der scheinbar notwendigen kriegerischen Eroberung von „Lebensraum im Osten“ war seit „Mein Kampf“ determiniert. Davon wich Hitler nicht ab. Der Weg zum Krieg war im Grunde vorbestimmt, wenngleich ihn Hitler eigentlich erst später führen wollte.
Allerdings spielte die strategische Lage 1940/41 eine entscheidende Rolle bei der Frage des Zeitpunktes für den Krieg im Osten. Hitler befand sich in einem zeitlichen Dilemma. Dabei ging es aber nicht darum, einem unmittelbar bevorstehenden militärischen Schlag der Sowjetunion zuvorzukommen – diese Bedrohung sahen Hitler und seine Militärs nicht. Die Gefahr lag vielmehr in einem sich abzeichnenden Eingreifen der USA in den Krieg auf britischer Seite. Deshalb wollte Hitler schnellstmöglich die Sowjetunion noch 1941 besiegen, bevor sich die USA gegen die Achsenmächte in Europa engagieren konnten.
Wie kam es vor diesem Hintergrund denn zum sogenannten Hitler-Stalin-Pakt im Jahr 1939? War das von den Deutschen nur ein Ablenkungsmanöver, um Zeit zu gewinnen?
Der Hitler-Stalin-Pakt war für Hitler aus zweierlei Sicht ein taktisches Bündnis. Einerseits war damit sein Weg frei für einen Angriff auf Polen, ohne ein sowjetisches Eingreifen zu befürchten. Andererseits wollte er durch das Bündnis mit der Sowjetunion Großbritannien und Frankreich, die Garantiemächte Polens, abschrecken, in den Krieg einzutreten.
Für Stalin brachte der Pakt mit dem eigentlichen ideologischen Todfeind Zeitgewinn. Er war sich sicher, dass Hitler Polen angreifen werde, und hoffte, dass die Westmächte ihre Bündnisverpflichtung mit Polen einlösen würden. Dann würden sich die Mächte Europas in einem jahrelangen Krieg abnutzen, während Stalin seine Rote Armee ausbauen konnte.
Wenn Hitler danach im Osten zuschlage, würde die Rote Armee den Angriff an der Grenze abwehren und selbst ins gegnerische Gebiet vorstoßen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier - SNA, 1920, 18.06.2021
„Geschichte darf nicht zur Waffe werden“: Steinmeier spricht erstmals im Deutsch-Russischen Museum
Das Europäische Parlament hat allein den Molotow-Ribbentrop-Pakt als Weichensteller und verantwortlich für den Zweiten Weltkrieg ausgemacht. Ist das Ihrer Meinung nicht zu kurz gegriffen?
Für Hitler war der Pakt in der Tat aus mehreren Gründen eine Weichenstellung. Das Bündnis mit der Sowjetunion kam für ihn zur richtigen Zeit. Dadurch konnte er nun Polen angreifen. Zudem hatten sich damit die Kräfteverhältnisse auf dem europäischen Kontinent gewandelt.
Trotz des nicht zu verhindernden Eintritts der Westmächte war das Deutsche Reich nun nicht mehr isoliert und konnte zudem seine Kräfte an einer Front konzentrieren – die mögliche Gefahr eines Zweifrontenkriegs war zunächst gebannt. Zudem war die Sowjetunion nun auch ein entscheidender Rohstofflieferant. Das wirkte sich auch auf die Vorbereitungen für den Krieg im Osten aus. Aber dieser wurde letztlich vom Deutschen Reich entfesselt. Ihn zu führen, war das erklärte Ziel Hitlers.
Zunächst hatte die Wehrmacht die sowjetischen Länder überrannt. Die Deutschen waren besser ausgerüstet und scheinbar überlegen. Was war der entscheidende Punkt, warum sich das gewandelt hat?
Die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht beruhten auf der Überraschung sowie auf einer Überlegenheit im taktischen Bereich und im operativen Führungsvermögen. Der kriegsentscheidende Punkt ist aber, dass Hitler und sein Militär nur für einen kurzen Feldzug planten und dementsprechend das Deutsche Reich strategisch und kriegswirtschaftlich für einen langen Krieg überhaupt nicht vorbereitet war. Die Wehrmacht konnte ihre personellen und materiellen Verluste schon bald nicht mehr ausgleichen, sie blutete allmählich aus. Die Sowjetunion war hingegen mit ihren umfassenden Ressourcen länger und besser in der Lage, diesen Krieg auszuhalten.
Haben sich Hitler und sein Militärstab überschätzt?
Es war sowohl eine eigene Überschätzung als auch eine Unterschätzung der Sowjetunion. Die deutschen Erfolge der ersten Kriegsjahre, insbesondere in Frankreich, führten zu einer militärischen Hybris. Hitler glaubte, das Konzept des Blitzkrieges – was damals so nicht genannt wurde – im größeren Maßstab im Krieg gegen die Sowjetunion anwenden zu können.
Der Blick war dabei verengt auf eine taktisch-operative Denkweise und ließ außer Acht, dass die strategischen Voraussetzungen im Krieg gegen die Sowjetunion ganz andere waren, etwa in den verfügbaren Ressourcen der Roten Armee oder in der Weite des Raumes. Hitler und sein Militär rechneten mit einem Erfolg innerhalb weniger Monate. Demzufolge gab es auch keine Pläne für eine Fortsetzung des Krieges, sollten die grenznahen Kesselschlachten nicht die Entscheidung bringen.
Zudem hatte die Wehrmachtführung die Rote Armee einfach unterschätzt. Das lag einerseits an der schlechten Feindaufklärung, die nicht genau über den Zustand der Roten Armee und die wirtschaftlichen Fähigkeiten der Sowjetunion Bescheid wusste. Andererseits beruhte die Unterschätzung auch auf der rassistischen Abwertung der Slawen als „Untermenschen“, die nicht fähig seien, geschickt Kriege zu führen. Doch die Rotarmisten kämpften letztlich sehr viel zäher und verbissener als von der Wehrmachtführung erwartet.
Freiwilligenanträge - SNA, 1920, 22.06.2021
"Tragen Sie mich als Freiwilliger ein" - 80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion
Über 20 Millionen Menschen sind auf der sowjetischen Seite ums Leben gekommen. Hätte Stalin das verhindern können? Ist das auf strategische, politische, militärische Fehler zurückzuführen?
Solch eine Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Diese gewaltige Zahl an Opfern auf der sowjetischen Seite hat ihre Ursachen in einem Komplex verschiedener Gründe. Bereits vor dem Krieg hatte Stalin durch seine „Säuberungen“ die Schlagkraft der Roten Armee erheblich geschwächt. Fähige Offiziere wurden beseitigt, unfähige Kommandeure übernahmen die Führung von Verbänden.
Folgenschwer war auch die Einschätzung Stalins von Hitlers Absichten. Stalin war schon bewusst, dass Hitler einst einen Krieg um „Lebensraum im Osten“ führen werde. Doch 1941 rechnete er noch nicht damit. Deshalb glaubte er auch nicht den verschiedenen Meldungen über einen unmittelbar bevorstehenden Angriff. Dies beeinflusste die militärischen Vorbereitungen für die Abwehr sowie die ersten Reaktionen nach dem deutschen Überfall. Gravierend wirkten sich auch Stalins Halte-Befehle aus: Rückzug oder auch Widerspruch wurde nicht geduldet und brutal bestraft. Das schuf eine Atmosphäre der Angst in der Roten Armee. Niemand traute sich mehr, sinnlose Befehle in Frage zu stellen. Kommandeure führten oft stur gegen besseres Wissen die Befehle aus, nur um nicht als Feiglinge oder „Verräter“ dazustehen. Das führte häufig zu sinnlosen Gegenangriffen oder zum nutzlosen Halten bis zum Äußersten.
Deutschland führte bekannter Weise einen Krieg an mehreren Fronten. Hätte die Sowjetunion ohne die Hilfe der westlichen Alliierten das Dritte Reich auch allein besiegen können. Wie ist ihre Einschätzung hier?
Was wäre gewesen, wenn, ist stets eine interessante, geschichtswissenschaftlich gleichwohl wenig relevante Frage. Ich glaube, wenn die Wehrmacht alle ihre Kräfte nur an der Ostfront hätte konzentrieren können, hätte sie die Sowjetunion auch nicht besiegen können. Aber die Rote Armee wäre auch irgendwann allmählich ausgeblutet, da ihre Verluste ein Mehrfaches betrugen und sie diese trotz ihrer gewaltigen Ressourcen nicht mehr hätte ausgleichen können. Vielleicht hätten die beiden Mächte am Ende aus Erschöpfung einen Ausgleich suchen müssen.
Fest steht, dass Hitler im Herbst 1943 den Schwerpunkt der eigenen Kriegführung auf die Abwehr der erwarteten westalliierten Invasion in Frankreich legte. Dass er dafür veritable Verbände von der Ostfront abzog und dort auch größere Gebietsverluste in Kauf zu nehmen bereit war, unterstützte jedenfalls den Vorstoß der Roten Armee. Auch die notwendige Besetzung Italiens und die dortigen Kämpfe banden deutsche Truppen, die sonst an der Front im Osten hätten eingesetzt werden können. Letztlich war es der gemeinsame Sturm der Truppen der Anti-Hitler-Koalition auf das Deutsche Reich von allen Seiten, der es ermöglichte, den Krieg 1945 siegreich zu beenden. Die Sowjetunion brachte von allen Ländern aber die größten Opfer, vor allem an Menschen. Das sollte nicht vergessen werden.
Beim Einmarsch in die UdSSR gab es immer wieder Menschen, die mit Hitler sympathisiert haben. Auch die umstrittene Person Stephan Bandera soll mit den Nazis paktiert haben. Was ist heute darüber bekannt und wie sehen Sie die Rolle dieser Kollaborateure?
Der Nationalsozialismus fand in ganz Europa Unterstützung. Manche Kollaborateure handelten aus Überzeugung, manche aus Opportunismus, andere weil sie ihre eigenen Interessen im Windschatten der Sieger durchsetzen wollten. In vielen Staaten ist dieser Teil der eigenen Geschichte kaum oder noch gar nicht aufgearbeitet. Statt seriöser wissenschaftlicher Erkenntnisse dominieren dann regelmäßig Legenden, positive wie negative, für die jeweils eigene Seite politisch instrumentalisiert. Hier muss noch valide geschichtswissenschaftliche Grundlagenforschung ansetzen. Wir in Deutschland wissen, wie schmerzhaft deren Ergebnisse sein können. Sich ihnen deswegen nicht zu stellen, ist jedoch keine Option.
Wäre der Krieg vermeidbar gewesen?
Aus damaliger Sicht hielten beide Seiten den Krieg für unvermeidbar, weil sie ideologische Todfeinde waren. Vielleicht wäre er zu vermeiden gewesen, wenn in Deutschland nicht Hitler und in der Sowjetunion nicht Stalin an der Macht gewesen wäre. Das ist Spekulation. Sie zeigt aber auch: Jeder Krieg ist vermeidbar. Kriege brechen nicht einfach aus, sie sind keine unvermeidbaren Naturereignisse. Sie werden von Menschen gemacht und können auch nur von Menschen beendet werden. Nach allen schrecklichen Erfahrungen, die die Menschen mit Kriegen schon gemacht haben, müssen sie von ihnen unbedingt verhindert werden.
Oberstleutnant Chris Helmecke M.A. ist seit 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Militärgeschichte bis 1945 am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam und Doktorand am Lehrstuhl Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt der Universität Potsdam. Das Interview wurde schriftlich geführt.
Kriegsveteran Jewgenij Snamenski - SNA, 1920, 09.05.2021
Die Deutschen sind nicht mehr diejenigen, die die UdSSR vor 80 Jahren überfielen – Kriegsveteranen
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала