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„Gorillas“-Lieferservice: Brummende LKW, schreiende Lieferfahrer und ständige Unfallgefahr

© CC0 / Chris_Kr / PixabayLieferdienst (Symbolbild)
Lieferdienst (Symbolbild) - SNA, 1920, 21.06.2021
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In erster Linie ist der Lieferdienst „Gorillas“ wegen seiner Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen geraten. Aber das junge Unternehmen ist eine Lärmzumutung für Anwohner, die neben dessen Lieferzentralen wohnen. Den Lärm erzeugen nicht nur LKW, sondern auch rücksichtslose Lieferanten, die mit ihren E-Rädern dazu noch Anwohner gefährden.
Die Covid-19-Pandemie hat das Konsumverhalten vieler Bürger zumindest vorübergehend umgestellt und insbesondere dem Online-Handel und Lieferdiensten riesige Gewinne beschert. Einer der Emporkömmlinge in der Krise ist das junge Lieferunternehmen „Gorillas“ aus Berlin, das in mehreren Großstädten Lebensmittel und Getränke liefert. Auch die Lieferfahrer des Unternehmens sind allesamt jung, fahren ganz im Geiste der Zeit ihre Bestellungen mit Elektrorädern aus und dienen ganz der totalen Bedürfnisbefriedigung des Konsumenten. Das Versprechen des Unternehmens lautet nämlich: Geliefert wird innerhalb von zehn Minuten nach Bestellung.
Die Kehrseite solcher Dienste ist auch hinlänglich bekannt: Nicht nur in Amazon-Warenhäusern gibt es regelmäßig Proteste wegen schlechter Arbeitsbedingungen, auch die „Gorillas“ sind jüngst auf die Barrikaden gegangen, nachdem einem ihrer Kollegen wegen einer Verspätung der Vertrag gekündigt wurde. Bei der Gründung eines Betriebsrats gab es ebenfalls dort Probleme, der Verdacht kam auf, dass das Unternehmen leitende Angestellte in diesen einschleusen wollte. Aber das alles sind Dinge, die – wenn sie den Lieferdienst nicht untergehen lassen – sich durch Arbeitskampf regeln lassen.
Etwas Anderes dagegen ist das, was das Versprechen der Gorillas überhaupt möglich macht: die bereits 15 Berliner Zentralen der „Gorillas“, die verschiedene Stadtteile versorgen. Dadurch werden kurze Lieferwege und die zehn Minuten Lieferzeit möglich. Aber die Zentralen liegen gern in Wohngebieten und setzen Nachbarn einer ungeheuren Lärmbelastung aus, wie Bewohner eines Hauses in Friedrichshain berichten.
„Die Mieter stehen auf mit den ‚Gorillas‘ und gehen schlafen, wenn die ‚Gorillas‘ es erlauben“, erzählt der Eigentümer des Nachbarhauses, dessen Hof nur durch eine niedrige Mauer von der „Gorillas“-Zentrale getrennt ist. Offiziell beginnt dieser Tag um sechs Uhr morgens und endet um Mitternacht, manchmal würden die Zeiten aber nicht eingehalten und der Arbeitstag beginne noch früher und ende noch später.
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Lärm, der zum Geschäftsmodell gehört: LKW-Brummen

Das größte Problem dabei ist der LKW-Lärm, den der Hauseigentümer auf drei bis vier Stunden pro Tag schätzt. „Am Tag sind es locker sechs bis sieben LKW-Lieferungen im Schnitt, mit Ladezeiten von circa 30 Minuten. Dazu kommt, dass einige davon Kühlwagen sind und den Motor die ganze Zeit laufen lassen.“ Private Messungen des Lärms aus knapp 30 Metern, die der Redaktion vorliegen, haben ergeben, dass dabei regelmäßig 80 Dezibel überschritten werden, zuweilen sogar Spitzenwerte von über 90 zustande kommen. Das sind Werte, die deutlich über den erlaubten Lärm-Immissionen in Wohngebieten liegen.
„Die LKWs mit den Lieferungen lassen den ganzen Innenhof erbeben und dringen in den Hohlraum darunter vor, was unweigerlich dazu führt, dass das ganze Haus laut brummt, weil die Lieferanten die Motoren nicht ausschalten“, schildert einer der Mieter seinen Eindruck.

Vermeidbarer Lärm: Musik auf dem Hof und laute Gespräche

Aber die Lärmbelastung beschränkt sich nicht allein auf die sporadischen LKW-Lieferungen. Die Räume dazwischen sind mit dem Lärm der Lieferfahrer gefüllt, einem Lärm der im Gegensatz zu den LKW-Lieferungen sicherlich nicht notwendig ist für das Geschäftsmodell des Unternehmens. „Die Gorillas als Nachbarn sind unerträglich“, berichtet der Mieter weiter.

„Sie führen laute Gespräche, hören laut Musik über ihre Musikboxen bis tief in die Nacht. Und sowieso ist bis spät in den Abend dort Halligalli, weil ständig Fahrer kommen und einander laut irgendwas zurufen.“

„Am besten ist es vergleichbar mit einem offenen Biergarten, wobei der noch sympathischer ist“, drückt es der Hausbesitzer aus. „Laufend versammeln sie sich vor dem Haus. Fünf bis sechs Personen sind es tagsüber so ziemlich immer. Wenn die miteinander reden, ähnelt das dem Geräusch auf dem Fischmarkt auf Mallorca.“

E-Räder: Gefährliche Situationen auf dem Fußgängerweg

Doch es bleibt nicht einmal nur bei dem nahezu lückenlosen Lärm. Mit ihren Elektro-Rädern, die natürlich ganz im Geiste der Zeit und umweltfreundlich im Vergleich zu Lieferwagen erscheinen, bringen die „Gorillas“ laufend Passanten in gefährliche Situationen. „Die Elektrofahrräder sind ja ziemlich massiv und sehr schnell. Und die Gorillas gurken damit auch auf dem Fußweg“, beschwert sich ein anderer Anwohner.

„Wenn die mit ihren 20 Kilometern die Stunde auf dem Fußweg lang rasen, stoßen sie regelmäßig fast mit Fußgängern zusammen. Wenn ich aus der Haustür rauskomme, muss ich deshalb immer extrem aufpassen. Einer hat mir wahrscheinlich eine Delle in die Motorhaube meines Autos gerammt und hat den Kühlergrill beschädigt.“

„Eine Mieterin zieht wegen dieser Zustände demnächst aus“, bemerkt der Hauseigentümer, der wegen des Lärms das Umweltamt eingeschaltet hat und seit knapp zehn Wochen auf eine offizielle Lärmpegelmessung wartet. „Wenn man die Stadt leiser machen will, mit welchem Recht erlaubt man in einem Innenhof Arbeitszeiten von sechs bis null Uhr?“, fragt er sich.
Auch die Polizei habe er hinzugezogen, der die „Gorillas“ bereits bekannt sind, da diese zuvor für ähnliche Zustände mit einer Zentrale in Lichtenberg gesorgt hatten. Die Polizei war dem Hauseigentümer zufolge da, hat beobachtet, wie die „Gorillas“ über den Gehweg bretterten, aber auch hier sei nichts geschehen.
Sicher lassen sich die Arbeitsbedingungen beim jungen Lieferunternehmen verbessern. Aber es stellt sich die Frage, ob das Geschäftsmodell der Firma und das Auftreten der Angestellten mit einer gewissen Normalität vereinbaren lässt. SNA hatte die Pressestelle der „Gorillas“ am 1. Juni um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Diese hatte eine Antwort im Laufe der nachfolgenden Woche versprochen. Bis heute ist keine Antwort eingetroffen.
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