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Ein Sommer ohne TV-Talks: „Entzugstherapie“ und „Angebote für alle“

CC BY 2.0 / GillyBerlin / FlickrFernsehturm Berlin (Archivbild)
Fernsehturm Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 21.06.2021
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Trotz der anschwellenden Wahlkampagne und der immer noch nicht bekämpften Pandemie gehen die Polittalks von ARD und ZDF in Urlaub. Ist die monatelange Urlaubspause „abnehmergerecht“ oder bloß eine überholte Tradition? Und: Gelten die Formate von „Anne Will“ und „Maybrit Illner“ bald als obsolet?
„Anne Will“, „Maybrit Illner“, „Maischberger. Die Woche“, „Hart aber fair“ – die Schwerpunkt-Talks der öffentlich-rechtlichen Sender pausieren nahezu den ganzen Sommer lang. Die „Meinungsmacher“ von ARD und ZDF verzichten damit ganz bewusst auf ihre immer noch dominante Rolle in den audiovisuellen Medien.
Vor einem Jahr, als die Corona-Pandemie alle Medien beherrschte, löste die Urlaubspause der Polittalks noch regelrechte Entrüstung aus. „Urlaub für Talkshows? Nicht in dieser Zeit!“ empörte sich etwa „Der Tagesspiegel“. „In Krisenzeiten sind Talkshows ein essentieller Bestandteil zur Bewältigung der Krise“, hieß es in dem Kommentar. „Sie liefern Informationen, geben Orientierung, vermitteln ein Gefühl für den Ernst der Lage. In diesem Sinne gehören sie zur medialen Grundversorgung, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu liefern hat.“
Maybrit Illner (Archivbild) - SNA, 1920, 27.05.2021
Anne, Maybrit, Sandra und Corona: Boomen Talkshows auch nach der Pandemie?

Sommerpause trotz heißer Polit-Themen

Von einer „Krise“ und von einem „Ernst der Lage“ ist in Deutschland zwar momentan nicht die Rede. Die Pandemie-Lage entspannt sich, die omnipräsenten Virologen und Epidemiologen können sich eine Verschnaufpause leisten. Dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der bis dahin in nahezu jeder zweiten Corona-Talkshow seinen Zeigefinger warnend erheben durfte, droht nun die Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Dennoch werden nun nicht nur er, sondern auch Millionen von Zuschauern infolge des Sommerurlaubs der Talk-Stars monatelang unter „Entzugserscheinungen“ leiden müssen.
Damit verzichten die Sender auf ihre Rolle der Flaggschiffe der medialen Meinungsbildung. Wie auch im vergangenen Jahr wird jetzt auf eine begrenzte Zahl von Sendungen verwiesen, die etwa Anne Will laut ihrem Jahresvertrag zu moderieren hat. Diese Zahl soll „möglichst sinnvoll über das Jahr verteilt werden“, ließ die Redaktion der Produktionsfirma der Moderatorin „Will Media“ verlauten. Warum diese Zahl seit eh und je konstant bleibt und so heilig und unantastbar ist, wird nicht erklärt.
Die auf den ersten Blick plausible Erklärung für die Sommerpause lautet: Nicht nur die Polittalk-Teams, sondern auch der Bundestag und damit die meisten Politikerinnen und Politiker möchten selbst im Wahljahr im Sommer kurz ihre Ruhe haben. Dies stimmt allerdings nur zum Teil: Die Grünen und die Linke haben gerade jetzt ihre Parteitage zelebriert, die Union präsentiert gerade jetzt endlich ihr Wahlprogramm – alles Themen, die ohne weiteres von einem Polittalk ergiebig ausgeschlachtet werden könnten. Insbesondere jetzt, weniger als 100 Tage vor den Bundestagswahlen.
Coronavirus (Symbolbild) - SNA, 1920, 11.06.2021
„Wenn Krieg ausbricht“ – Fazit des Corona-Jahres bei „Maybrit Illner“

Therapie gegen „Entzugserscheinungen“

Nun wird aber die traditionelle Sendezeit der Polittalks durch frische Krimis und Fußball ausgefüllt. Mag sein, dass selbst die ergebensten Fans von Will, Illner und Maischberger ebenfalls eine Verschnaufpause von den „Sprechstunden der Nation“ brauchen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ diese Talkrunden bezeichnet hat. Für die Süchtigen, die weiterhin eine regelmäßige TV-Dosis Politik brauchen, gibt es in der Überbrückungszeit Entzugstherapie durch Sendungen wie „Presseclub“, „Sommerinterviews“ oder „Bericht aus Berlin“.
Für den 18. Juli kurz nach dem Fußball-EM-Finale plant das ZDF außerdem eine Premiere: die erste Sendung der „Für & Wider: Die ZDF-Fernsehduelle“. „Zwei Spitzenpolitiker*innen diskutieren über ein aktuelles Wahlkampfthema“, heißt es in der Ankündigung. „Im Publikum zwei Zuschauergruppen, die das Thema aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Diese Gäste werden immer wieder in die Diskussion einbezogen.“ Bemerkenswert dabei: Erstmals seit dem Ausbruch der Pandemie soll das Publikum ins Studio eingeladen werden.
Im Internet wird übrigens die Sommerpause ignoriert. So sendet „Bild-TV“ den ganzen Sommer durch weiter den vor kurzem gestarteten eigenen Polittalk "Die richtigen Fragen".
Eine Sommerpause im klassischen Sinne gönnen sich mittlerweile auch die Privaten nicht mehr. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ zitierte dazu einen RTL-Sprecher: „Die Etablierung einer eigenen TV-Season stammt aus einer Zeit, in der man noch stark auf amerikanische Lizenzproduktionen gesetzt hat und Produktionspausen auch hierzulande im Sommer mit Wiederholungen überbrückt wurden. So ist das schon seit einigen Jahren nicht mehr.“

Carolin Kebekus anstelle von Anne Will?

Es bleibt wohl zu bedauern, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Sommerpause nicht genutzt haben, um neue Talks-Formate mit neuen Moderatoren und neuen Gästen zu testen. Dies mag daran liegen, dass zumindest die ARD mit dem Amtsantritt der neuen Programmdirektorin Christine Strobl im Mai überhaupt neue Wege beschreiten will.
„Wir müssen Programme und Angebote für alle schaffen“, meinte die frühere Chefin der ARD-Filmproduktionstochter Degeto kürzlich in einem Interview. „Da haben wir in den letzten Jahren etwas den Faden oder besser gesagt Teile der Bevölkerung verloren.“
Sie hat auch angedeutet, wohin nach ihrer Ansicht die Reise gehen soll:

„Es gibt Bereiche, in denen müssen wir uns als ARD klar verbessern … Das ist zum einen die Comedy … Es wäre ein Fehler, die Unterhaltung den Privaten zu überlassen …“

Würde man also in diese Richtung weiter spinnen, könnte man sich vorstellen, wie die TV-Clownessen wie Carolin Kebekus oder Martina Hill in naher Zukunft die Formate von Anne Will und Maybrit Illner übernehmen …
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