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„Schuld für den Ausbruch des Krieges liegt ganz klar bei Deutschland“ - Historiker im Gespräch

CC BY-SA 3.0 / Das Bundesarchiv / Wikimedia CommonsDeutsche Gebirgsjäger beim Vormarsch nahe der deutsch-sowjetischen Interessengrenze, 22. Juni 1941
Deutsche Gebirgsjäger beim Vormarsch nahe der deutsch-sowjetischen Interessengrenze, 22. Juni 1941 - SNA, 1920, 21.06.2021
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Am 22. Juni jährt sich der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion zum 80. Mal. Der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau warnt davor, der Sowjetunion den „Schwarzen Peter“, zuzuspielen. Vielmehr sollte man die Erinnerung wach halten auch an die „ungesühnten deutschen Kriegsverbrechen“.
Herr Uhl, wie überraschend kam der der Überfall Hitlerdeutschlands für die Sowjetunion am 22. Juni 1941? Der Meisterspion Richard Sorge hatte doch Stalin vorgewarnt?
Das Problem bei nachrichtendienstlichen Erkenntnissen ist immer die Flut an Nachrichten aus verschiedenen Richtungen. Das Hauptproblem dieser Warnung von Richard Sorge war, auch wenn man das gar nicht glauben mag, dass es keinen schriftlichen, dokumentarischen Beweis gab für die Existenz des Barbarossa-Plans. Darum zögerte Stalin wohl noch, obwohl es bereits viele Meldungen gab, dass die Wehrmacht angreifen würde. So tat sich Stalin bis zuletzt schwer damit, an einen Überfall zu glauben, Zumal Hitler öffentlich auch immer noch mit der Idee spielte, Großbritannien anzugreifen. Ganz so klar, wie das aus heutiger Sicht erscheint, war das also nicht.
Hätte man nicht, ausgehend von der Rassenideologie und dem Prinzip der „Lebensraumgewinnung“ der Nazis, sicher sein müssen, dass ihr Feldzug nicht in Polen endet?
Jein. Natürlich wusste die Leitung in der Sowjetunion, was in „Mein Kampf" steht, aber man darf nicht vergessen, dass es zu dem Zeitpunkt noch einen Friedens- und Nichtangriffsvertrag mit Deutschland gab. Stalin hielt Hitler trotz allem in seinem politischen Handeln für genauso rational wie sich selbst. Er hat Hitler wahrscheinlich bis zum Juni 1941 nicht für einen wirklichen Ideologen gehalten. Stalin sagte über Hitler, dass er ihn für einen Machtpolitiker halte, der bestimmte Ziele erreichen will. Aber in der Umsetzung seiner ideologischen Ziele schien ihm Hitler variabel zu sein. Das sollte sich alsFehleinschätzung erweisen.
Über diesen von Ihnen erwähnten sogenannten „Hitler-Stalin-Pakt“, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und deren geheime Zusatzprotokolle ist ja in letzter Zeit fast ein Geschichtsstreit entbrannt. Die EU macht die Sowjetunion genauso wie Hitlerdeutschland für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich. Wie sehen Sie das?
Die Schuld für den Ausbruch des Krieges liegt ganz klar bei Deutschland. Da sollte man der Sowjetunion nicht den Schwarzen Peter zuspielen. Stalin hat selbstverständlich versucht, die Sowjetunion so lange wie möglich aus dem Krieg rauszuhalten. Dafür schien der Vertrag mit Deutschland eine opportune Möglichkeit zu sein und die hat er genutzt. Deutschland hatte jedoch den unbedingten Willen, den Krieg zu entfesseln.
Hitlerdeutschland war die ersten Monate nach dem überraschenden Überfall auf die Sowjetunion sehr erfolgreich. Wie verlief der Vormarsch bis Stalingrad und bis vor Moskau?
Im Prinzip war die Aufstellung der sowjetischen Streitkräfte ziemlich offensiv gewesen, weil man davon ausging, dass man die Wehrmacht in Angriffsoperation zurückschlagen könne. Das gelang nicht gleich, weil die Wehrmacht bereits Kriegserfahrung hatte und bei ihrem Vormarsch wie mit „einem heißen Messer in die Butter schnitt“ und der Sowjetarmee sehr schwere Verluste beibrachte. Wobei auch, was meist vergessen wird, die Wehrmacht bereits im Sommer und Herbst 1941 ganz enorme Verluste erlitten hat in der Sowjetunion. Die Kampfhandlungen waren von Anfang an von einer unvorstellbaren Härte geprägt. Das war also kein leichter Durchmarsch bis Moskau und Stalingrad, auch wenn es im Rückblick aufgrund der Geschwindigkeit so erscheint. Die Wehrmacht kam zwar bis kurz vor Moskau, war dort aber schon ganz schön ausgeblutet, während die Sowjetunion in der Lage war, die Verluste dort zu ersetzen mit den Reserven aus Sibirien und den erfolgreichen Gegenangriff zu starten.
Ausstellung im Deutsch-Russischen Museum - SNA, 1920, 19.06.2021
„Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ und das „Unternehmen Barbarossa“ – SNA-Video
Wie gingen die Wehrmachtssoldaten mit der Bevölkerung in den eroberten Sowjetgebieten um?
Dazu gab es ja den Kriegsgerichtsbarkeitserlass, der sämtliche Handlungen gegenüber der Bevölkerung in den eroberten Gebieten straffrei machte. Den Wehrmachtssoldaten war von Anfang an eingetrichtert worden: „Das sind Untermenschen, ihr könnt euch also verhalten wie ihr wollt - plündern, töten – euch geschieht nichts.“ Entsprechend verhielten sich die Soldaten auch. Das unterschied sich schon ganz deutlich von dem Besetzungsregime in Norwegen oder Frankreich. Es gab hier von Anfang an eine brutale Unterdrückung und wirtschaftliche Ausplünderung des Landes und der Bevölkerung.
Gab es auch Gegenden, wo sie als „Befreier“ empfangen wurden? Manche Sowjetrepubliken behaupten ja heute, in der Sowjetunion nur besetzt und unterdrückt gewesen zu sein.
Ja, wenn man an das Baltikum denkt, dass zu dem Zeitpunkt noch nicht so lange im sowjetischen Machtbereich war, da gab es natürlich Kräfte, die davon träumten, dass das Baltikum wiederersteht, was aber diametral zur deutschen Besatzungspolitik stand. Da wurde auch schon recht bald von den Deutschen klargestellt, dass nationale Bestrebungen in diesen Gebieten nicht stattgegeben wird. Das traf auch auf die westlichen Gebiete der Ukraine zu.
Wenn man eine Umfrage machen würde in Russland und Deutschland, nach der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, nach den wichtigsten Momenten dieses Krieges, was meinen Sie, was würden dieDeutschen und was die Russen nennen?
Was auf beiden Seiten als Stichwort fallen würde, wäre wohl Stalingrad. Das war der Wendepunkt des Krieges, was auch den Deutschen bewusst wurde, weil erstmals so viele deutsche Soldaten fielen oder in Gefangenschaft gingen.
Würden die Russen den D-Day als wichtigen Moment des Krieges nennen?
(lacht) Das glaube ich nicht. Dann wohl eher noch die Schlacht um Kursk.
Und die Deutschen?
Schon eher. Aber auch hier kommt es wohl darauf an, wo in Deutschland man fragt. In Ostdeutschland würde man wahrscheinlich auch eher Stichworte wie Kursk oder die Festung Brest hören, während in den alten Bundesländern wohl auf jeden Fall der D-Day Erwähnung finden würde.
Was ist mit der Blockade von Leningrad?
Das kann man als vergessenes Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht bezeichnen. In Deutschland erinnert man sich nicht gern daran. Lange Zeit wurde versucht, das als ganz normale militärische Blockade einer Stadt darzustellen. Erst durch die Forschung im letzten Jahrzehnt wurde deutlicher, dass dies eines der großen ungesühnten deutschen Kriegsverbrechen ist. Ein anderes ungesühntes deutsches Kriegsverbrechen ist der Umgang mit den Kriegsgefangenen der Roten Armee. Diese beiden Verbrechen finden bis heute in Deutschland kaum Beachtung und sind kaum Teil der Erinnerungskultur.
Wehrmacht-Parade in Warschau am 5. Oktober 1939 - SNA, 1920, 18.12.2020
„Hitlers Rede wirkte auf Großbürger verstörend“ – Geheimbericht freigegeben
Welche Bedeutung hat der 22. Juni, der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, heute für die Menschen in Russland?
Der 22. Juni hat nicht so einen hohen Stellenwert wie der 9. Mai, aber er ist durchaus ein sehr wichtiges Datum im Gedenken an diesen grausamen Krieg. Hier stehen dann wahrscheinlich mehr die Zahl der Opfer und deren Gedenken im Vordergrund, als die Freude über den Sieg, wie es am 9. Mai ist.
Hier in Berlin ist gerade herrliches Sommerwetter, die Corona-Pandemie scheint vorbei oder macht gerade Pause – da will man sich eigentlich nicht die Laune verderben mit schweren Gedanken an unsere Schuld im Zweiten Weltkrieg. Warum ist es wichtig, die Erinnerung daran wach zu halten?
Ich halte das für sehr wichtig. Es war ein verbrecherischer Krieg der Deutschen, der mit einer unwahrscheinlichen Brutalität geführt wurde, die im Prinzip einmalig in der Geschichte ist. Die deutsche Wehrmacht und damit ein Großteil unserer Großväter oder Urgroßväter trägt damit die Schuld am Tod von über 27 Millionen sowjetischen Menschen. Das darf man nicht vergessen und das sollte jedem bewusst sein. Das scheint aber für die Deutschen ein Problem zu sein. In einer kürzlichen Umfrage wollten nicht einmal sechzig Prozent zugeben, dass ihre Großeltern auch nur Mitläufer im System waren. Ich glaube, die Mehrzahl der Deutschen glaubt, dass ihre Vorfahren nicht in dem System verstrickt war, was nicht der Wahrheit entspricht. Da bleibt noch viel Arbeit zu tun.
Der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat es abgelehnt, zum 80. Jahrestag des Überfalls eine offizielle Gedenkveranstaltung im Bundestag abzuhalten. Wie sehen Sie das?
Ich hätte das natürlich gut gefunden. Immerhin war Bundespräsident Steinmeier in Sandbostel (NS-Gedenkstätte, Anm. d. Red.), um dort getöteter sowjetischer Kriegsgefangener zu gedenken. Das ist gut und wichtig. Ich hätte mir aber auch gewünscht, dass der Bundestag zu so einem wichtigen Jubiläum zu einer Gedenkveranstaltung zusammengefunden hätte.
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