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Biden und Putin in Genf: Zwei Welten treffen sich auf wohltuender Augenhöhe – Sozialforscher

© REUTERS / SPUTNIKPutin-Biden-Treffen in Genf
Putin-Biden-Treffen in Genf - SNA, 1920, 17.06.2021
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Die Rote Linie in Richtung Freundschaft zwischen Putin und Biden wurde auf zwischenmenschlicher Ebene laut Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts Vienna, nicht wirklich überschritten. Trotz freundlichem Händeschütteln ist eine wahre Romantik von Mensch zu Mensch im übertragenen Sinne zwischen Putin und Biden nicht wirklich herübergekommen.
„Es war unabhängig von der netten Fassade auf beiden Seiten dahinterliegend viel mehr ein kühles, wenig empathisches, strategisches Abtasten“, sagte der Sozialforscher im SNA-Interview. Ganz im Verständnis der Spieltheorie war „Tit for tat“ sprich „Wie Du mir, so ich Dir“ die Kernphilosophie der unbewussten Kommunikation zwischen den beiden Staatenlenkern. Eine gute Beziehung zwischen zwei Menschen oder Staaten kann sich nur ohne das Vorhandensein von Vorurteilen und Feindbildern entwickeln. Bereits die Aussage von Biden vor dem Treffen, dass Putin ein würdiger ,Gegner‘ sei, implizierte dessen Sichtweise auf Russland und den Kremlchef. Eine wirkliche Annäherung sieht anders aus.“
„Ein psychologisch spannendes Detail findet sich abseits des Treffens in Genf in Joe Bidens Memoiren“, so Witzeling weiter. „Dort schreibt Biden, der damals der Vizepräsident war: ,Herr Ministerpräsident, ich schaue Ihnen direkt in die Augen, ich glaube nicht, dass Sie eine Seele haben.‘ Hier stellt sich die Frage, ob die Zuschreibung, dass Putin keine Seele habe, nicht eher eine Projektion von Joe Biden ist, die auf ihn selber zurückfällt.“
Nach dem Händedruck sagte Putin etwas, und Biden lächelte daraufhin. „Putin kann sich aufgrund seiner Erfahrung und Substanz mehr spielen“, kommentiert der Sozialforscher. „Er verfügt über eine spezielle Kombination aus fluider und kristalliner Intelligenz.“ Und dass Biden auch während der Protokoll-Aufzeichnung Spickzettel benutzte, deutete Witzeling wie folgt: „Es ist auch eine Frage des Alters und bei Biden der festgefahrenen Denkweisen. Er ist es gewohnt, angepasste Linien zu gehen, und daher braucht er ein Skript, was er sagen soll. Er ist kein kreativer Freidenker, sondern eher ein angepasster Mensch.“
Der Psychologe fährt fort: „In Genf trafen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite der Präsident des größten Landes der Welt sowie einer Kulturnation mit langer Tradition unter Künstlern und Philosophen und auf der anderen Seite der Staatschef des Mutterlandes des Konsums. Der Unterschied der Nationen und Politikertypologien könnte größer nicht sein. Der Mensch als Individuum hat gerade in der bis dato noch stärksten Wirtschaftsmacht der Welt nur dann einen Wert, wenn er über eine dementsprechende Kaufkraft verfügt, sonst zählt der Einzelne wenig in einem Land, welches so stark auf Individualität setzt. In gewisser Form handelt es sich hierbei um ein Paradoxon.“

Der russische Bär trifft auf den demokratischen Esel

Der Esel sei das Wappentier der Demokraten in den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Partei mit Joe Biden den aktuellen Präsidenten stelle, erläutert der Sozialpsychologie sein Sinnbild. „Der russische Bär ist eine nationale Personifikation Russlands, die in Westeuropa oft während des Kalten Krieges verwendet wurde. Aus der Perspektive der Tiefenpsychologie könnte man fast sagen, dass in unbewusster Art und Weise der Bär und der Esel durchaus Sinnbilder für den Zustand beider Nationen sind. Die Russische Föderation als wiederaufstrebende Großmacht trifft auf eine Weltmacht, welche durch einen inneren Wertekonflikt und durch die Konkurrenz mit anderen wirtschaftlich starken Nationen wie China sich gewissermaßen im Vergleich zur einstigen Dominanz im Niedergang befindet.“
Und weiter: „Wladimir Putin ist – wie auch Joe Biden – nahezu eine Inkarnation dieses soziodynamischen Prozesses. Während man Putin im Assoziationstest gut den vitalen ,Bären‘ zuordnen könnte, steht Biden aufgrund seines fortgeschrittenen Alters eher für den sanftmütigen ,Esel‘, den man aber aufgrund seiner politischen Erfahrung ebenso wenig unterschätzen darf. Jedoch können Esel klischeehaft gesehen stur sein. Dies mag an ein veraltetes unipolares Weltbild erinnern, in dem die USA die Vertreter der Moral sind und es sich bei Putin und Russland um die ,Bösen‘ handelt, um nicht den negativen Begriff zu verwenden, welchen Biden in Zusammenhang mit Putin gebraucht hat. So einfach ist die Welt eben nicht.“
Russischer Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Joe Biden - SNA, 1920, 16.06.2021
Putin-Biden-Gipfel in Genf: Protokoltreffen

Die russische Seele trifft auf eine eindimensionale Denkweise

„Das Treffen der unterschiedlichen Menschentypen war spannend zu beobachten“, merkt Witzeling an. „Putin verstand sich basierend auf seiner kognitiven und emotionalen Intelligenz mit dem im Westen als ,verhaltensauffällig‘ stigmatisierten Trump sehr gut, da die russische Seele, die in den Werken von Fjodor Michailowitsch Dostojewski exzellent behandelt wird, gewohnt ist, mit vielschichtigen Persönlichkeitstypen umzugehen. Die Begegnung zwischen Putin und Biden war schwieriger. Das kann an der mangelnden Tiefe der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen beiden liegen.“
Wenn Feindbilder aufeinandertreffen, sei dies keine gute Basis für gute Kooperationen, stellt der Experte fest, sondern eher der Beginn eines psychodynamischen Schachspiels. „Hier hatte der Spieler Putin durch seine emotionale Offenheit, fernab von jeglicher Form der Naivität, die besseren Karten. Biden spielte die Rolle des netten Onkels aus Amerika, der in Wahrheit in wenig reflektierter Art auf Putin herabblickte. Sich selbst als den moralisch Überlegenen zu sehen, kann jedoch problematisch sein.“
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