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Die Villa La Grange und der Geist von Genf

© REUTERS / POOLDie Villa La Grange in Genf, wo das erste Gipfeltreffen von Wladimir Putin und Joe Biden stattfinden soll
Die Villa La Grange in Genf, wo das erste Gipfeltreffen von Wladimir Putin und Joe Biden stattfinden soll - SNA, 1920, 15.06.2021
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Genf ist Gastgeber des ersten Treffens zwischen den Präsidenten Wladimir Putin und Joe Biden. Die Villa La Grange am Genfer See verfügt über einen gewissen Genius Loci, also einen Geist, der einem solchen diplomatischen Austausch dienen kann.
Im Vorfeld des Treffens der Präsidenten Wladimir Putin und Joe Biden meldeten sich als mögliche Gastgeber auch Wien und Helsinki, wo Putin 2018 seinen damaligen Amtskollegen Donald Trump getroffen hatte. Wien und Genf stehen als Amtssitze der Vereinten Nationen seit jeher in einem gewissen Konkurrenzverhältnis. Dass Genf diesmal das Rennen machte, erklärt sich unter anderem aus dem zerrütteten Verhältnis zwischen der EU und Russland. Eine EU-Hauptstadt kam daher kaum in Frage. Die neutrale Schweiz verfügt über die lange gelebte Tradition der sogenannten „bons offices“. Darunter fällt die Rolle als Gastgeber, Überbringer von Nachrichten und falls erforderlich auch aktiver Vermittler für diplomatische Verhandlungen.

Die Rolle des Roten Kreuzes

Die Stadt am Genfer See, wo sich Freigeistigkeit und Diskretion auf interessante Weise vereinen, hat über die Jahrhunderte hinweg ihre ganz besondere Rolle gefunden. Es war in der Villa La Grange, dem damaligen Sitz der Familie Favre, wo die Schlussberatungen für die Gründung des IKRK, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, im Jahre 1864 stattfanden. Das weltweit tätige IKRK, das in Konflikten Kriegsgefangene betreut und austauscht und nach Vermissten sucht, ist keine internationale Organisation, sondern ein Verein des Kantons Vaud. Der Genfer Kaufmann Henri Dunant hatte zufällig auf einer Geschäftsreise nach Mailand die Schlachtfelder von Solferino erlebt. Das Leiden der verletzten Soldaten erschütterte ihn so tief, dass er beschloss, etwas gegen ein Abgleiten des Krieges in die totale Barbarei zu unternehmen. Das IKRK und in der Folge das Genfer Recht, das die Grundlagen für das Kriegsvölkerrecht schuf, sind in diesem Anwesen entstanden.
Putin und Biden werden voraussichtlich in der Bibliothek von La Grange in Begleitung ihrer Außenminister die Gespräche führen. Rüstungskontrolle, vielleicht auch ein möglicher Austausch inhaftierter Staatsbürger sowie die Lage im Nahen Osten stehen auf der Agenda. Die historischen Werke in den Bücherregalen enthalten so manche Geschichte zu den Anfängen dieser Themen.
Es gibt Gebäude und Orte, die einen bestimmten Geist, eine Art Genius Loci, atmen. Wenn man diesen verspürt, versteht man auch besser, warum bestimmte Werke der Literatur, Malerei oder Musik hier erschaffen wurden. Es verhält sich ähnlich mit Konferenzen und Konventionen, die in einem konkreten historischen Kontext entstanden. Der Völkerbund war nach dem Großen Krieg, wie die Zeitgenossen jenen Ersten Weltkrieg nannten, in Genf beheimatet. Die Idee war, durch permanentes Verhandeln die internationalen Beziehungen weiter zu verrechtlichen und so der Willkür Einhalt zu gebieten. Rüstungskontrolle, Regeln zur Kriegsführung wie auch die Schaffung internationaler Standards für Menschenrechte und Friedensverträge wurde hier ausverhandelt. Und dennoch scheiterte das ehrgeizige Vorhaben, die Welt rutschte in den nächsten Weltkrieg. Heute beherbergt der Völkerbundpalast neben New York, Wien sowie Bonn und einigen anderen Städten Büros der UN. Im Park mit den mächtigen Zedern wandeln laut Legat des einstigen Eigentümers immer noch Pfaue. Dieses Areal ist mit Abstand der wirklich beeindruckendste Sitz der Vereinten Nationen.
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Diskretion und Effizienz

Der französische Schriftsteller Albert Cohen setzte Genf und vor allem dem Völkerbundpalast mit seinem Roman „Belle du Seigneur“ (Die Schöne des Herrn) ein literarisches Denkmal. Es soll sich um eines der Lieblingsbücher des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand gehandelt haben. Der Protagonist des Werkes ist ein hoher Beamter des Völkerbundes, der sich zwischen Intrigen, Affären aller Art und einem geheimnisvollen Lebenswandel bewegt. Mir ist kein besseres Sittenbild dieser Stadt wie auch des Völkerbundes als Lektüre je in die Hände gefallen. Cohen beschreibt das Dorf Genf, in dem mehrere Welten nebeneinander bestehen und nichts voneinander wissen wollen. Da wäre zunächst das Genf der „haute bourgeoisie protestante“, also der eigentlichen Genfer, der stolzen, aber bescheidenen Großbürger, Uhrmacher und Baumeister hinter ihren hohen Mauern, die sonntags ihre protestantischen Tempel aufsuchen. Daneben das Genf der großen weiten Welt der Konferenzen und Gipfel, der Abmachungen in den Korridoren, der diskreten Verhandlungen wie großer und kleiner Durchbrüche. Kaum eine Stadt verfügt über eine derart dichte diplomatische Präsenz wie das überschaubare und immer noch ländliche Genf, wo man in den Vororten Wildschweinrudel trifft. Und dann wäre da noch das Genf der Vermögensverwalter und Bankiers, das aber in den letzten Jahrzehnten mit dem Niedergang des Bankgeheimnisses an Bedeutung verlor.
Delegationen, die sich hier einfinden, wissen die stille Schweizer Effizienz zu schätzen. Das Protokoll funktioniert am Schnürchen, alles ist unaufgeregt, auch die Medienvertreter scheinen am Ufer des Genfer Sees weniger nervös zu sein. In einem solchen Ambiente kann vielleicht ein Anfang in den Beziehungen zwischen den USA und Russland aufgenommen werden. Niemand hat überzogene Erwartungen, die Diagnose zum Stand der Dinge fällt in Moskau wie in Washington nüchtern aus. Diese erste Begegnung der beiden Präsidenten in der Villa La Grange kann ein Auftakt für weitere Verhandlungen sein. Gelungene Diplomatie benötigt neben dem respektvollen Dialog fernab aller moralischen Belehrung auch präzise Vorbereitung und die richtige Stimmung. In Genf ist über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Dialog gelungen.
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