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Alles Bio und pestizidfrei? Ein Segen für die Schweiz – Abstimmung am Sonntag

© REUTERS / DENIS BALIBOUSEEin Bauer presst Heu in Ballen im schweizerischen Penthaz. 31. Mai 2021
Ein Bauer presst Heu in Ballen im schweizerischen Penthaz. 31. Mai 2021 - SNA, 1920, 12.06.2021
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Zwei Initiativen wollen aus der Schweiz das erste pestizidfreie Land Europas machen. Am 13. Juni wird darüber abgestimmt. Im Kern geht es darum, ob das kleine Land nur noch Bio-Lebensmittel herstellen und importieren will. SNA hat mit einem Befürworter und einem Gegner der Initiativen gesprochen.
Mathias Forster, Stiftungsrat und Geschäftsführer der Bio-Stiftung Schweiz, begrüßt die beiden Initiativen. Er sagt der Status Quo gefährdet unsere Gesundheit und langfristige Versorgung mit Lebensmitteln. Die Landwirtschaft weltweit müsste neu aufgestellt werden – ohne synthetische Pestizide. Sein Buch „Das Gift und wir – wie der Tod über die Äcker kam und wie wir das Leben zurückbringen können“ ist im Westend Verlag erschienen.
Das Interview mit Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband gibt es hier:
Ein Poster steht an einem Acker in der Nähe von Ellikon an der Thur vor der Volksabstimmung über die Agrar-Initiativen, 27. Mai 2021 - SNA, 1920, 12.06.2021
Alles Bio und pestizidfrei? Ein Fluch für die Schweiz – Abstimmung am Sonntag
Herr Forster, erklären Sie doch bitte einmal kurz, worum geht es bei der Eidgenössischen Volksinitiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ und der Volksinitiative „Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz“?
Bei der sogenannten „Trinkwasser-Initiative“ geht es darum, dass staatliche Subventionen, also unsere Steuergelder, die die Bäuerinnen und Bauern bekommen, nur noch an Betriebe ausbezahlt werden sollen, die unsere Lebensgrundlage, das Wasser, nicht mehr schädigen, sondern schützen. Betriebe also, die bei den Tieren keinen prophylaktischen Antibiotikaeinsatz betreiben, die nur so viele Tiere, auf den Höfen haben, wie in dieser Region ernährt werden können und die keine Pestizide mehr einsetzen.
Bei der „Pestizid-Initiative“ geht es darum, dass sämtliche synthetischen Pestizide, die im Chemielabor hergestellt werden und Giftstoffe sind, die zum Töten von Organismen hergestellt wurden, verboten werden und zwar für alle. Nicht nur für die Landwirtschaft, sondern unter anderem für die die Bundesbahn, für Privatpersonen, Golfplätze. Auch der Import von Lebensmitteln aus dem Ausland, die mit solchen Stoffen produziert wurden, soll mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren verboten werden.
Wie bewerten Sie persönlich das Anliegen der beiden Initiativen?
Beide Initiativen haben ein sehr berechtigtes Anliegen und treffen einen Punkt, der am Zahn der Zeit ist. Deswegen läuft der Abstimmungskampf auch so hart. Beide sind Ausdruck des Unmuts in der Bevölkerung über Lebensmittelproduktionsweisen, die die menschliche Gesundheit, aber auch das Trinkwasser in seiner Reinheit und die Fruchtbarkeit der Böden und die Biodiversität nachweislich schädigen. Die Menschen möchten das nicht mehr, aber das Bundesamt für Landwirtschaft und die politischen Behörden schaffen es nicht von selber, diesen Weg so einzuschlagen. Da ist der Lobbyismus der Agrochemieindustrie zu stark. Wir haben aber dank der direkten Demokratie die Möglichkeiten, eine Volksinitiative zu starten. Ich bin sehr zufrieden, dass diese Initiativen jetzt da sind und damit auch behandelt und besprochen werden müssen. So wird ein Bewusstseinsbildungsprozess in Gang gebracht, der auch ein Wert an sich ist.
Wie Sie schon erklärt haben, fordert die „Trinkwasser-Initiative“, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die sich an die „Regeln“ halten. Würden die Landwirtschaftsbetriebe bei Annahme der Initiative nicht eher auf das Geld verzichten und weniger Kontrolle haben, statt ihr Modell zu ändern?
Ich glaube nicht. Wenn diese Initiativen angenommen werden, dann ist das ja ein klarer Ausdruck des Willens der Menschen. Wenn sie keine mit Pestiziden produzierten Lebensmittel mehr wollen und auch nicht mehr kaufen, wie wollen Landwirte ein Ernährungssystem betreiben, was gegen den Willen der Bevölkerung ist?
Wir haben nicht nur die Subventionen, sondern auch Gesetze, die eingehalten werden müssen. Die Landwirte sind heute schon am Limit dieser Gesetze. Ständig werden die Grenzwerte erhöht, weil die Rechtsgrundlage nicht mehr gegeben ist. Diese Gesetze werden nicht außer Kraft gesetzt. Wir wollen und brauchen einen Systemwandel. Unsere Lebensmittel, die ja lebendige Lebensmittel sein sollen, sollen so produziert werden, dass die Lebensgrundlagen nicht zerstört werden.
Heute werden 30 bis 40 Prozent der Lebensmittel weggeschmissen. Da haben wir eigentlich großes Potential, Lebensmittel mehr wertzuschätzen und so auch weniger Verluste zu haben. Wenn wir so viele Lebensmittel wegschmeißen, dann könnten die Lebensmittel auch 30 bis 40 Prozent teurer sein. Dann würden wie nichts mehr wegschmeißen und es würde uns nicht mehr kosten.
Wir müssen so oder so den Tierbestand reduzieren, und zwar deutlich, vor allem bei den Schweinen und den Hühnern. Wir importieren Unmengen von Futtermitteln, weit mehr als wir im ganzen Jahr produzieren. Das führt zu einer Überdüngung der Böden und dann auch der Gewässer. Wenn wir weniger Tiere in der Schweiz halten, werden auch mehr Ackerflächen wieder frei um pflanzliche Produkte zu erzeugen. Das ist für die Umwelt und die Gesundheit besser. So werden wir mit diesem Systemwandel sogar eine deutlich höhere Ernährungssicherheit und -souveränität haben als heute.
Bundesrat und Nationalrat haben beide Initiativen Volk und Ständen mit der Empfehlung auf Ablehnung zur Abstimmung unterbreitet. Wie beurteilen Sie die Chancen der Initiativen?
50 zu 50. Das hängt jetzt wirklich davon ab, wie sehr der bewusstere Teil der stimmberechtigten Bevölkerung mobilisiert wird. Die letzten Umfragen zeigen, es ist sehr knapp überall. Das Verhältnis im Nationalrat war etwa 70 bis 80 zu 110. Die Ablehnung war nicht so eindeutig. Die Gegner dieser Initiativen haben es schon verloren.
Die größten Machtpotentiale wie der konventionelle Bauerverband, Economy Suisse – der Dachverband der Schweizer Wirtschaft und Industrie, und die Milliardenkonzerne Fenaco, Syngenta und Bayer mussten eine unheilige Allianz eingehen. Zwölf Millionen Franken an Investments in den Abstimmungskampf sind bekannt, aber das war sicher noch mehr. Alle Kräftekonglomerate mussten gebündelt werden, um vielleicht noch mal knapp zu gewinnen. Aber das Bewusstsein, was jetzt gebildet wurde und was vorhanden ist, ist nicht wegzubekommen. Der Druck wird nicht abnehmen. Ob wir jetzt dieses Mal gewinnen oder noch einmal knapp verlieren: Der Trend ist klar.
Bauern haben Angst um ihre Existenz und befürchten, dass sie bei einer Annahme der Initiativen nur noch einen Bruchteil der Menschen ernähren könnten, wenn überhaupt. Der Schweizer Bauernverband argumentiert: Ohne Pflanzenschutzmittel würden die Erträge in der Landwirtschaft um 20 bis 40 Prozent schrumpfen. Wie sehen Sie diesen Punkt?
Wir brauchen so oder so einen Systemwandel. Es geht nicht um 20 bis 40 Prozent schrumpfen oder nicht schrumpfen. Wenn wir so weitermachen, stellen wir die gesamte Grundlage unserer Existenz aufs Spiel. Das heißt, wir können gar nicht so weiter machen wie bisher.
Es gibt eine globale Metastudie aus den USA, die untersucht hat, wie groß der Unterschied zwischen konventioneller und Bio-Produktion ist. Das liegt etwa bei neun Prozent. Wenn der „Food Waste“ von 30 bis 40 Prozent reduziert wird, werden wir die Lebensmittel mehr wertschätzen und etwas weniger Fleisch essen. Dann hätten wir deutlich mehr Produkte zur Verfügung. Zusätzlich fördert das Bundesamt für Landwirtschaft auch noch den Export von Käsen und anderen Nahrungsmitteln. Das ist ja völlig absurd und heißt: Wir haben eigentlich Überproduktion.
Wie könnte den konventionellen Bauern die Angst vor den Initiativen genommen werden?
Ich führe oft Gespräche mit Bauern und frage mich immer wieder, ob die wirklich alle Angst um ihre Existenz haben. Ich wage das sehr zu bezweifeln. Ich sehe vor allem, dass Ängste missbraucht und auch geschürt werden. Ein Spezialist dafür ist der Präsident des Bauernverbandes, Markus Ritter. Der ist selber Biobauer. Eigentlich hat er ein Bewusstsein von ökologischen Zusammenhängen, kämpft jetzt aber an vorderster Front gegen diese Initiativen, die aus einer Bevölkerung kommen, die eine nachhaltige Lebensmittelproduktion wollen.
Dieser Präsident spricht lange nicht im Namen von allen Bäuerinnen und Bauern, sondern auch im Namen von Fenaco, Syngenta und Bayer. Die machen den Bauern natürlich ständig Angst. Diese Milliardenkonzerne treten nicht selber in Erscheinung, sondern schicken Stellvertreter vor. Aus meiner Sicht werden die Bauern da missbraucht, ohne dass sie es manchmal selbst merken.
Die Konzerne sollten jetzt die Hand der Bevölkerung ergreifen und sagen: Wenn ihr eine andere Lebensmittelproduktion wollt, dann machen wir mit. Aber ihr müsst uns helfen, dass wir diese Transformation zu einer ökologischen Landwirtschaft nicht selber tragen müssen, sondern als Gesellschaft finanziell absichern.
Diese Hand wird aber nicht ergriffen, sondern verweigert. Das spaltet momentan das Land. Die konventionellen Medien, die ja auch von den Werbeeinnahmen dieser Konzerne, den Gegnern dieser Initiative, leben, haben alle Angst – nur nicht vor den wirklich relevanten Sachen. Die haben nicht Angst vor dem Kollaps der Biodiversität, vor der Vergiftung der Gewässer, vor den gesundheitlichen Folgen und der Zerstörung der Lebensgrundlage durch den Klimawandel. Die haben Angst, dass plötzlich die Paprikachips knapp wird.
Das komplette Interview mit Mathias Forster zum Nachhören gibt es hier:
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